
100 Jahre Verner Panton: Eine Anstiftung zum Farberlebnis
Die Moderne, die jugendlich und revolutionär das Neue hervorbringt, ist auch nicht mehr die Jüngste. Während der 1920er-Jahre setzten überall in Europa künstlerische Experimente ein, die wir mit Namen wie Bauhaus, De Stijl oder Konstruktivismus verbinden. Zugleich kam eine Generation zur Welt, die Jahrzehnte später das Spiel des Erfindens und Erneuerns mit ganzheitlichem Anspruch fortführte. Verner Panton, vor 100 Jahren im ländlichen Brahesborg westlich von Gamtofte auf der Insel Fünen geboren, war einer dieser Neuerer. Der „Panton Chair“, der erste aus einem Stück Kunststoff gefertigte hinterbeinlose Stuhl, und die „Spiegel“-Kantine, sein Environment für das Hamburger Nachrichtenmagazin, ragen aus seinem äußerst vielseitigen Werk heraus.

Panton schuf Objekte, aber auch Räume. Er entwickelte eine gestalterische Ganzheit, die bis heute überrascht und überzeugt. Der Kunsttheoretiker Bazon Brock schrieb, dass Panton den Spuren des Gesamtkunstwerks folgte, wie sie Jugendstil, Werkbund und Bauhaus postuliert hatten, gleichzeitig bot seine Gestaltung „in sich eine Garantie dagegen, als ganzheitliches Programm totalitär zu sein“. Woran lag das? Weiter Brock: „Seine Gestaltung war zu feminin, zu unisexuell, zu wenig auf die Differenz von männlich und weiblich bezogen; seine Formen waren eigentlich zu androgyn und entzogen sich damit dem Zugriff von Modernität im Sinne der Funktionalismen der technischen Rationalität und der Rechtwinkligkeit des ‚White Cube‘.“ In späten Interviews forderte Panton eine Steuer für Leute, die in weißen Wänden wohnen, worin er pure Faulheit oder Einfallslosigkeit sah.

Dessen Repertoire lebt bis heute fort. So griff der Modeschöpfer Dries Van Noten Pantons Textilentwürfe auf und verwandelte sie in eine konge- niale Männerkollektion Frühjahr/Sommer 2019. Bereits 2003 entstand mit Verpan eine dänische Firma, die sich ganz auf Neuauflagen von Leuchten und Möbeln von Verner Panton konzentriert. Für Panton war Inspiration ausschlaggebend – noch immer wirkt er inspirierend.
Große Lehrmeister
Als Jugendlicher wollte er sich der Malerei widmen, als Kind hat er sich ein großes Zimmer voller bunter Kissen erträumt, berichtet sein Biograf Mathias Remmele. Die Eltern, Wirtsleute auf Fünen, raten ihm zu einem Architekturstudium. Doch zunächst herrscht Krieg. Panton absolviert seinen Militärdienst in Odense, wo er zugleich einer studentischen Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzung angehört. Auf den Besuch der Technischen Hochschule ab 1944 in Odense folgt das Architekturstudium an der Kunstakademie in Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt ist Kulminationspunkt einer lebendigen Szene, die über Jahrzehnte maßgeblich das skandinavische Design prägt. Zwei Protagonisten dieser Szene werden zu Pantons Mentoren: Poul Henningsen, Kritiker, Autor, Erfinder und Designer der „PH“-Leuchten, sowie der Architekt Arne Jacobsen. Für kurze Zeit ist Panton mit Henningsens Stieftochter verheiratet. Bei Jacobsen arbeitet er in dessen Architekturbüro mit. Jacobsen entwirft nicht nur Architektur, sondern auch Möbel und Designobjekte für seine Bauten. „Myren“ (Ameise) heißt ein berühmter Jacobsen-Stuhl, an dem Panton mitwirkt. Früher habe man einen Tag gebraucht, um einen Stuhl zu fertigen, seinen, erzählt Jacobsen stolz, „kann man in zehn Minuten bauen“. Modern bedeutet damals vor allem: rational. Panton lernt von 1950 bis 1952 praktische Grundlagen seines späteren Berufes bei Jacobsen. Und schlägt doch gänzlich andere Wege ein als seine Lehrmeister.
Auf die Lehrjahre folgen ab 1953 Wanderjahre. Da hat Verner Panton ein knopfloses Oberhemd entworfen, das Patent verkauft er an ein schwedi- sches Unternehmen. Vom Erlös erwirbt er einen gebrauchten VW-Bus, den er, mit Zeichentisch aufgerüstet, in ein mobiles Atelier verwandelt. In diesem Bus lebte und arbeitete er auf ausgedehn- ten Erkundungsreisen durch Europa. So erforschte Panton die damalige Design- und Herstellerland- schaft. Bald darauf, 1956, beteiligt er sich an einem Designwettbewerb der deutschen Firma WK mit gezeichneten Entwürfen, die bereits eine ganze Vielzahl von Möbeln erkennen lassen, die Panton im Laufe der Zeit entwickeln und auf den Markt bringen wird.
Ganzheitliche Erlebnisse

„Kom-Igen“ hieß ein Ausflugslokal im Langesø-Park auf Fünen, Pächter ist Pantons Vater Henry. Die Umgestaltung und Erweiterung von „Kom-Igen“ bildet 1958 den Auftakt für Verner Pantons raumbezogenes Entwerfen. Mit farbigen Stoffbahnen in fünf aufeinander abgestimmten Rottönen können Räume variabel abgetrennt oder zusammengefügt werden, im Zusammenspiel mit speziellen Hängeleuchten, dem „Tivoli“-Stuhl (1955) und dem hier erstmals gezeigten „Cone Chair“ entsteht ein räumliches Gesamtkunstwerk. Zehn Jahre darauf erhält er den Auftrag, in Hamburg die Innenräume im Hauptgebäude des „Spiegel“ zu gestalten. „Weder Pop-Art noch andere kritische Gestaltungsmerkmale“ seien erwünscht, hielt ein internes Memo fest. Von Pantons Entwürfen, die auf mehreren Etagen sowie im hauseigenen Schwimmbad umgesetzt wurden, hat die „Spiegel“-Kantine in Orange-, Rot- und Lilatönen bis heute Bestand. Zu Teilen befindet sie sich als begehbarer „Period Room“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Farb- und materialpsychologisch interessant sind die „Visiona“-Inszenierungen für den Chemiehersteller Bayer, die Panton für die Kölner Möbelmessen 1968 und 1970 schuf. „A Phantasy Landscape“ ist ganz auf das Raumerleben einer dreidimensionalen, hinterleuchteten textilen Wohnlandschaft abgestimmt. Als 1:1-Rekonstruktion ist das Gebilde bis heute Attraktion großer Panton-Ausstellungen.

Verner Panton lebte mit seiner Frau Marianne in Farben, mit Textilien, in einer Wohnsphäre auf mehreren Ebnen und nicht zuletzt inmitten seiner Leuchten und Möbel. Als harmonische Kompositionen waren seine eigenen Räume in Binningen bei Basel sowie am Hafen in Kopenhagen Orte, die zugleich den Lebensentwurf wie einen Showroom des Designers verkörperten.
Keine Kompromisse
Das Neue durchzusetzen, auch wenn es leicht und spielerisch erscheint, wie bei Panton fast immer, war kein Kinderspiel. Verner Panton lehnte Kompromisse ab, wenn sie seine Sache schlechter machten. Und mit Leuten, die er nicht mochte, wollte er nicht zusammenarbeiten. 1962 heiratete er die Schwedin Marianne Pherson-Oertenheim, die von nun an seine Geschäftsbeziehungen moderieren half. Große Designer würden nie für eine Firma oder einen Auftrag arbeiten, hat Rolf Fehlbaum früh festgestellt, als er begann, in der elterlichen Firma Vitra mitzuarbeiten. Sie seien nicht steuerbar. So- bald sich Interessen zwischen Hersteller und Designer überschneiden, könne ein Unternehmen Sparringspartner sein. Und wenn sich diese Interessen „mit denen der Kunden decken“, so Fehlbaum 2017 in der Rückschau, „entstehen große Produkte“. Der „Panton Chair“ ist eines dieser großen Produkte. Über mehrere Jahrzehnte entwickelten Designer und Hersteller den hinterbeinlosen Kunststoffstuhl, der wie eine plötzlich fixierte Welle er- scheint. Die Materialien, Fertigungsweisen und die Optik wechselten dabei mehrfach, bis daraus der populäre und heute alltagstaugliche Klassiker entstand.





Keineswegs auf ein Material festgelegt, schuf Panton auch Polster-, Metall- oder Furnierholzmöbel, die zum Teil von Thonet vermarktet wurden. Wenige Monate bevor Verner Panton 1998 starb, interviewte ihn die Journalistin Elke Trappschuh in seinem Apartment in Kopenhagen, begleitet von dem Fotografen Kai-Uwe Gundlach. Die Bilder dieser Seiten entstanden dabei. Und Panton erinnerte an die „Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit“, die er in früheren Jahrzehnten gelebt und erfahren hatte. „Pantons Design war gebautes Science-fiction, mit dem stylingbewußte 68er zur Odyssee im Wohnraum aufbrachen“, brachte der „Spiegel“ 1998 das Wirken des Designers auf den Punkt.
Ausstellung: Verner Panton Form, Farbe, Raum
Die Schau im Vitra Schaudepot würdigt das visionäre Erbe des dänischen Designers zu seinem 100. Geburtstag. Sie verdeutlicht, wie Pantons radikale Konzepte – die Verschmelzung von Form, Farbe und Raum zu einer untrennbaren Einheit – die Wahrnehmung moderner Innenarchitektur nachhaltig transformiert haben und Designer*innen bis heute inspirieren.
Ort: Vitra Schaudepot, Weil am Rhein
Laufzeit: 23. Mai 2026 – 9. Mai 2027
Mehr Informationen: Vitra Museum