Designer Bodenständige Typen

Ihr Studio gleicht einer Rockband. Sagen sie. Sie hätten auch gute Schauspieler abgegeben. Finden sie. Sie vergleichen sich mit dem Fuchs und Igel eines philosophischen Essays. Und sie unterhalten sich mittels ihrer Zeichnungen, die als Inspirationsquellen in die Fotos dieser Produktion projiziert wurden. Die beiden bretonischen Brüder Ronan und Erwan Bouroullec sind A&W-Designer des Jahres 2013.

„Ein guter Designer“, behauptet Ronan, „ist wie ein guter Schauspieler.“ Er grinst ein wenig verlegen und errötet leicht, weil ihm der Vergleich doch etwas verwegen vorkommt. Obwohl: „Mit vielen verschiedenen Herstellern zusammenzuarbeiten, ist wie mit verschiedenen Regisseuren. Du musst Einfühlungsvermögen haben, du musst dich auf verschiedene Umstände, Anforderungen und Mentalitäten einlassen, du musst eine große Bandbreite bedienen können – und dabei immer du selbst bleiben.“

Ein Schauspieler und ein Rockbandleader also. Andererseits: zwei extrem zurückhaltende, bodenständige Typen, die, ohne zu kokettieren, immer wieder betonen, zwei Jungs vom Land geblieben zu sein. Ronan hat noch ein Ferienhaus in der Bretagne, in der rauen Idylle, in der er surfend und Fußball spielend aufgewachsen ist, die so nah und doch so weit entfernt von Paris ist. Eine eigene Welt, eine eigene Sprache. „Ich konnte mich nie mit meinem Großvater unterhalten“, erinnert er sich. „Der sprach kein Wort Französisch. Nur Bretonisch. Was ich wiederum nicht konnte.“

Bodenständig und bescheiden sind die Bouroullecs. Einfach allerdings nicht. Das können auch Auftraggeber zu spüren bekommen, die sich schon fast am Ziel bei einem gemeinsamen Projekt mit ihnen wähnen. „Wir scheuen uns nicht, etwas kurz vor Schluss zu stoppen, auch endgültig, wenn wir nicht hundertprozentig überzeugt sind“, sagen beide fast im Chor. Kompromisse machen sie nicht. Auch untereinander nicht. Es wird so lange diskutiert und gezeichnet, bis der Zweifler überzeugt ist. Oder auch nicht. „Wir treffen uns nicht irgendwo in der Mitte“, sagt Erwan. Ronan nickt.

Wann sind sie überzeugt? Was macht gutes Design aus? „Man muss die Intensität des Objektes spüren, die Konzentration des Wesentlichen“, sagt Ronan, „es muss den Betrachter für sich gewinnen. Es braucht Charme.“ Erwan grübelt noch ein wenig. Sein Ergebnis: „Und Kultur! Es muss ein gutes Auftreten haben.“ Das kann man wohl als einstimmig bezeichnen. „Ein Möbel“, ergänzt Ronan, „sollte sein wie ein guter Freund, den man nach Hause einlädt.“

Sie sind sich sehr ähnlich und gleichzeitig total verschieden. Selbst haben sie sich einmal als Fuchs und Igel bezeichnet, nach einem Essay des britischen Philosophen Isaiah Berlin. Der Fuchs weiß von vielen Dingen etwas. Der Igel nur von einer Sache. Davon aber richtig. Das ergänzt sich prima. So spornen sich der Fuchs Ronan und Erwan, der Igel, immer wieder an, finden die Lösungen auf ganz unterschiedlichen Wegen. Erwan vertraut auf ihr Prinzip „trial and error – mittlerweile ganz souverän“. Ronans Antrieb: „Ich bin immer unzufrieden. Aber kein Perfektionist! Perfektion interessiert mich nicht.“ Charme interessiert ihn.

Noch eine Frage: Was wäre eigentlich Erwan geworden, wenn er nicht seinem Bruder in dessen Designstudio gefolgt wäre? Erwan grübelt, dann erhellt sich seine Miene: „Ich habe mal mit Kids gearbeitet, die waren sechs, sieben Jahre alt. Wir haben Drachen gebaut. Das Leuchten in ihren Augen, dass wir etwas erschaffen haben, das fliegen kann, das vergesse ich nicht.“ Kurzes Insichgehen. „Vielleicht so was.“ Etwas schaffen, das Menschen Freude macht, kleinen und großen. Für dieses Ziel sind die beiden Brüder auf einem guten Weg.

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Autor:
Jan van Rossem