Architekt des Jahres. Die besten Arbeiten von Labics
AW Architekt des Jahres
AW Architekt des Jahres

AW Architekt des Jahres 2026 – Labics aus Rom im Porträt

Text Kira Sophie Kawohl
Datum28.07.2026

„Mehr Farbe!", lacht der Polier und überreicht den ArchitektInnen zwei knallgelbe Bauhelme. .. " Maria Claudia Clemente und Francesco Isidori – beide in Schwarz auf ihrer schwarz-weißen Baustelle – nehmen es mit Humor: die Helme, den Hinweis auf Arbeitssicherheit und den Seitenhieb gegen die angebliche Farbphobie ihrer Berufsgruppe. 
So lernen wir sie kennen: offen, zuvorkommend, unverstellt. So ist ihr Umgang mit allen am Bau Beteiligten – vom Elektriker bis zur Bauleiterin – so ist ihre Architektur. Hier, in einem ehemaligen Busdepot der Mussolini-Ära unweit des Bahnhofs Rom Tiburtina, entsteht gerade eine öffentliche Bibliothek. Der Umbau ist der letzte Abschnitt eines Projekts, für das Labies alle städtebaulichen Fäden aufnehmen, derer sie habhaft werden können. Als neue, offene „Stadt in der Stadt" mit überraschenden Blickachsen und einer Vielzahl öffentlicher Plätze schreiben sie mit der streng rationalen, technoiden Architektur ihrer Città del Sole die Stadtstruktur fort. Weben mit konsequentem Stich einen Flicken über die Brache und lassen das neue Wohnquartier mit der historischen, aber teilweise zerklüfteten Umgebung verwachsen. 
Es entspricht ihrem Modus Operandi: Labics denken Architektur konsequent relational - niemals nur als singuläres Objekt. Die Bücherei wird als Bindeglied fungieren, die Sonnenstadt über weite Fensterflächen wie ein großes Tor öffnen. Zwischen den zwei stark befahrenen Magistralen, der Via Arduino und der Via della Lega Lombarda, wird der bis in die Abendstunden erleuchtete Lesesaal Zeichen setzen: Wo lange Zeit Leerstand war, findet wieder Leben statt, römisches Leben, Alltagsleben.

Verflochten mit der ewigen Stadt

Den RömerInnen ihre Orte zurückgeben, das ist eine der Triebkräfte der beiden in Rom geborenen Freundinnen, die nacheinander Architektur an der La Sapienza studieren, wo Maria Claudia 1995 und Francesco 2006 promoviert. Seit 2001 doziert Maria Claudia dort im Fachbereich für Architektur. Einen Lehrauftrag an der Cornell University in Rom und Ithaca, New York, sowie künftig an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, haben sie beide inne und halten regelmäßig Gastvorträge an renommierten internationalen Hochschulen. In Rom jedoch betreiben sie die tiefgreifende Forschung, die ihre praktische Arbeit beeinflusst und vice versa: „Im Rahmen unserer akademischen Tätigkeit können wir experimentell an Themen forschen, die als Grundlage für unsere Arbeit im Atelier dienen." Vor allem geometrische Strukturen, Typologien und Raster beschäftigen Labics. Anhand von handgefertigten Modellen und Skizzen, die aussehen wie die mit Fäden verbundenen Ermittlungstafeln im Fernsehkrimi, studieren sie mathematische Systeme, erstellen Grundmuster, skalieren und variieren diese. Ein arithmetisches Spiel aus Höhen und Tiefen, aus Anspannung und Entspannung, Weite und Dichte. Und immer wieder Weite – zentraler Gegenstand der Forschung von Maria Claudia und Francesco sind historische städtebauliche und architektonische Gefüge, von denen wir Wesentliches lernen können: „Die wichtigste Lektion der Vergangenheit ist die zentrale Rolle öffentlicher Plätze, die heute weitestgehend verloren ist."

Katalog der Architekturgeschichte

Labics' Claim ist, dass mit dem Bedeutungsverlust des öffentlichen Raums durch die zunehmende Verstädterung zur Zeit der Industrialisierung auch das Wissen um dessen architektonische Gestaltung abhandengekommen sei. In ihrer zweiten Buchpublikation „The Architecture of Public Spaces" katalogisieren sie daher systematisch Gegenbeispiele aus der italienischen Architekturgeschichte. Sie bieten eine unerschöpfliche Quelle „typomorphischer Lösungen" für die hauseigene Architektur. So ist der Zentralpavillon in den Giardini della Biennale seit seiner kürzlichen Erneuerung durch Labics über einen zeitgenössisch interpretierten Altan mit der umgebenden Landschaft verbunden eine Reminiszenz an venezianische Dachterrassen. In Maranello bauen Maria Claudia und Francesco derzeit ein öffentliches Bildungszentrum, dessen Fassade mittels vorgeschalteter Galerien fast gänzlich aufgelöst wird. Die Bewegungsflächen vereinen sich mit dem Bildungspark wie ein renaissancezeitlicher Säulengang mit einer Piazza. 
Über Arkaden, Innenhöfe und Laubengänge bilden die Architekt*Innen wichtige Transitzonen zwischen innen und außen, geben ihren Wirkungsstätten den Raum für öffentliches Leben zurück. Trotz einer verhältnismäßig kleinen Werkschau – in ihrem Portfolio dominieren Wettbewerbsbeiträge – zählt Labics daher zu den führenden Architekturbüros des Landes. Ihr Bauen dient nicht dem Selbstzweck, sondern dem Dienst an der Öffentlichkeit und dem Erhalt ihrer Kulturgeschichte.

Auf Tuchfühlung mit Giganten

Szenenwechsel – Rom, Kaiserforen. Für Maria Claudia und Francesco schließt sich ein Kreis. Im Jahr 2004 konnten sie hier ihr erstes gemeinsames Projekt fertigstellen: einen neuen Fußweg, der die Trajansmärkte oberhalb der archäologischen Ebene zugänglich macht – ein öffentlicher Raum, begehbar ohne Ticket. Gemeinsam mit den Architektinnen stehen wir auf der gegenüberliegenden Seite, mitten auf der lebhaften Via dei Fori Imperiali, die Mussolini einst als Paradestraße quer über die antiken Ausgrabungsstätten bauen ließ. Hier entsteht Labics' neue Passeggiata Archeologica, ein öffentlicher Rundweg mit erweiterten Plätzen und auskragenden Aussichtsplattformen, der mit dem alten Teil des Fußwegs zusammenführen wird. Während im Hintergrund Presslufthämmer hämmern und Touristinnengruppen touren, beobachten die Architektinnen mit Argusaugen den Baufortschritt. Hier zeigt sich der Pragmatismus der beiden Wissenschaftlerinnen, ihre Hands-on-Mentalität und Chuzpe. Ohne die wäre der operative Umgang mit dem gigantischen Kulturerbe, begleitet von ständigen Unterbrechungen durch archäologische Ausgrabungen, wohl auch nicht machbar. 
Einen Steinwurf entfernt bereitet sich auch das Kolosseum auf Labics vor. Maria Claudia und Francesco werden hier einen neuen, beweglichen Boden oberhalb des Hypogäums einspannen lassen, der die antike Materie vor Witterung schützt, dabei aber nur an minimalen Auflagepunkten berührt. Im geschlossenen Zustand bilden die einzelnen Lamellen eine begehbare Plattform, die das einstige Amphitheater aus der Sicht der Gladiatoren erlebbar macht - die archaischen Rundbögen im Panorama. Axial verdreht können die einzelnen Elemente zusammengeschoben werden wie eine Markise, die den Arenaboden öffnet und das unterirdische Gängenetz sichtbar macht. Eine gigantische szenografische Maschine, die das antike Bauwerk revolutionieren wird. Ein Eingriff in einen uralten Baubestand, der seit einer Ewigkeit nicht angetastet wurde - das muss man sich erst mal trauen.

ArchitektInnen für Europa

Maria Claudia und Francesco tun dies mit Lässigkeit und Understatement: „Unsere Projekte sprechen für sich. Wir sind nicht interessiert an viel Blabla." Und in der Tat: Vor ihrem Studio in einem gründerzeitlichen Wohnhaus im Stadtteil Prati deutet nichts darauf hin, was drinnen vonstattengeht. Am Klingelschild steht es so winzig klein wie die anderen zwanzig Namen: „Labics" – ein Akronym aus „Labor" und den Initialen der BürogründerInnen. Nach fast 25 Jahren Büroexistenz passt es noch immer zu dem erlesenen Kreis von 14 TüftlerInnen und SpezialistInnen rund um Maria Claudia und Francesco, die mit akribischer Forschung, strenger Ratio und technischer Präzision Architektur und Stadtentwicklung fortschreiben. Ihr Mut, ihre Innovation und ihr Dienst an der Gemeinschaft machen sie nicht nur zu den beeindruckendsten italienischen ArchitektInnen – Labics sind ArchitektInnen für Europa.

Architektur