AW Designer des Jahres
AW Designer des Jahres

Jaime Hayon: AW Designer des Jahres 2024

Jaime Hayon ist AW Designer des Jahres 2024. Der spanische Designer gestaltet für namhafte Marken wie Nanimarquina, Fritz Hansen und &tradition. AW Architektur & Wohnen besuchte Hayon für ein exklusives Interview in seinem Studio in Valencia. 
Text Uta Abendroth
Datum27.12.2023

Die Welt von Jaime Hayon ist bunt, fantasievoll und manchmal auch ein bisschen verrückt. Für den Spanier gibt es keine Grenzen zwischen Design, Kunst und Dekoration. Im Gegenteil: Bei dem Allroundtalent verschwimmen verschiedene Metiers zu einem hippiesken Gesamtkunstwerk. 

AW Architektur & Wohnen hat den AW Designer des Jahres 2024 vorab für ein exklusives in seinem gleichnamigen Atelier Hayon Studio in Valencia besucht, wo er uns nicht nur Einblicke in sein kreatives Schaffen gewährte, sondern auch verriet, was ihn zu seiner Kreativität inspiriert. 

Jaime Hayon: "Nichts ist jemals wirklich fertig"

"Nichts ist jemals wirklich fertig", sagt Jaime Hayon. "Ich zweifle die ganze Zeit, hinterfrage alles: Funktioniert das? Ist das Projekt wirklich schon so weit? Ist es genug? Aber das ist wohl ein Teil meines Jobs." Wäre ich nicht nach Valencia gefahren, um den Spanier in seinem Studio zu besuchen und ihm für ein paar Stunden bei der Arbeit zuzusehen, kein Wort davon würde ich glauben. Zu lange ist der 49-Jährige schon gut im Geschäft, zu groß ist das Œuvre, zu selbstbewusst allein der Ausdruck seines gewaltigen Outputs. Wie kann dieser enthusiastische und eloquente Künstler Zweifel haben? 

Die Herausforderung für Hayon liegt darin, seinen Perfektionismus mit seiner überbordenden Fantasie, dieses von Fabelwesen, Gesichtern und Tieren bevölkerte Universum, so zu kombinieren, das am Ende realisierbare Objekte entstehen. Wir zeichnen den einflussreichen Kreativen, der nach der Produkt- inzwischen auch die Kunstwelt erobert, als AW Designer des Jahres aus, weil er als Multitalent den Begriff Gestaltung neu definiert. 

Er selbst sieht sich dabei in der Tradition des Architekten und Vertreters des katalanischen Modernisme Antoni Gaudi, der seine Arbeit ebenfalls als Gesamtkunstwerk verstand. 

Jaime Hayon: Vom Skateboard-Künstler zum eigenen Designstudio

Valencia bietet kurze Wege und handwerkliche Traditionen. "Ideal für einen Designer", so Hayon. Es sei leicht, sich in dieser Stadt wohlzufühlen.

Dass Jaime Hayon mal mit seinem Mix aus Design, Dekoration, Kunst und Illustration die Szene aufmischen würde, war kein Selbstgänger. 

Der gebürtige Madrilene hat in seiner Familie nur Geschäftsleute um sich, eine kreative Szene gibt es in der spanischen Hauptstadt in den 80er-Jahren nicht. Dafür aber eine sehr lebendige Skateboard Community. Hayon entwirft zu dem Zeitpunkt erste Grafiken für Decks, die aus rund sieben Lagen Holz gefertigt und deren Oberflächen individuell dekoriert werden. Als versierter Amateurskater erhält er das Sponsoringangebot eines amerikanischen Skateboard-Herstellers. Eineinhalb Jahre verbringt er in San Diego, wo er in die Welt des Grafikdesigns, der Graffiti und der GuerillaMarken eintaucht. 

Nach seiner Rückkehr nach Madrid besucht er das neu eröffnete Istituto Europeo di Design. Der Unterricht: orthodoxes Industriedesign, aber Hayon entwickelt bereits seine eigene Ausdrucksweise. Neben der Street-Art, so erzählt er, gibt es einen zweiten Einfluss: "Der Vater meiner ersten Freundin ist Architekt. Er hat mich damals mit dem Bauhaus und Le Corbusier bekannt gemacht. Und mit Josef Hoffmann. Wie der Mitgründer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte stets eine ganze kreative Welt erschaffen hat, die keine Trennung der einzelnen Disziplinen kennt, inspiriert mich immer noch." 

Von Madrid führt der Weg weiter über Paris nach Treviso. Dort gründen Luciano Benetton und Oliviero Toscani den Thinktank Fabrica. Hayon wird innerhalb eines Jahres zum Leiter der Designabteilung und die rechte Hand des Fotografen Toscani. "Das war hart", sagt er, "vor allem weil ich Menschen führen musste. Das ist einer der Gründe, warum mein Büro sehr klein ist. Ich habe keine Lust, Leute zu verwalten." 

Es folgt die Selbstständigkeit: In Treviso gründet der stets Rastlose 2001 sein eigenes Studio. Ein großer Vorteil liegt darin, dass in Venetien und der Lombardei Firmen wie Magis und Cassina ansässig und die Möbel-Produktionsbedingungen ideal sind. Bis heute entstehen die Interior-Projekte, darunter Hotels wie das "Barceló Torre" in Madrid, "The Standard" in Bangkok und das "art’otel Battersea" in London, im italienischen Team.

Hayon selbst zieht es weiter nach London: "Ich liebe die Kultur dort und die Menschen, aber auf Dauer war es doch zu kompliziert. Die Produktion eines Prototyps, für den ich durch die ganze Metropole fahren musste, dann der Versand nach Italien – das wurde irgendwann alles zu umständlich."

Angekommen: Hayon Studio in Valencia

Nach einem Intermezzo in Barcelona hat er sich schließlich für Valencia entschieden: "Ich bin 2011 mit der Idee hierher gekommen, mich wohlzufühlen und kreativ zu sein. Ich wollte einen Ort mit gutem Wetter und fantastischem Essen sowie einer langen Tradition der Handwerkskunst." All das hat der Weltenbummler in der Stadt gefunden, die sich mehr und mehr zu einem Design-Hub entwickelt. Jüngst ist Hayon umgezogen, endlich eine Location im Erdgeschoss, wo Prototypen und großformatige. 

Bilder ganz entspannt rein- und raustransportiert werden können. Das Studio war zuvor eine Werkstatt, in der Ketten gefertigt wurden. Jetzt ist sie ein maßgeschneiderter Kreativ-Space: Organisch geformte Fenster und Türen in unterschiedlichen Farben trennen verschiedene Bereiche, Oberlichter sorgen da, wo es architektonisch möglich war, für Tageslicht, und im Patio trifft sich das Team zu Besprechungen. 

Die Atmosphäre ist heiter und ruhig, voll relaxter Spannung und guter Energie. Man kann es fühlen: Die Umgebung passt zu einem Angekommenen, der eine gewisse Art von Ruhe braucht, um all seine Ideen umzusetzen. 

Was inspiriert Jaimes Hayon zu seiner Kunst?

Seit rund fünf Jahren wird Jaime Hayon von der renommierten Galerie Mindy Solomon in Miami vertreten. Er sagt, dass er heute zu 80 Prozent Kunst mache. Tatsächlich ist Design in seinen Bildern oft in Form von Alltagsgegenständen präsent oder er malt Räume wie für eins seiner Interior-Projekte.

Es gibt nichts, was keine Funken zündet. Und von diesen Ideen gibt es viele. "Es ist schwer zu sagen, woher all die Dinge kommen", so Jaime Hayon. "Ich habe einfach eine Welt in meinem Kopf." Was ihn interessiere, seien oft Dinge, die irgendwo zwischen der Fantasie und der Realität liegen.

Folklore kann für ihn ebenso inspirierend sein wie ein Fest in Süditalien, das Oktoberfest in München mit seinen Mustern findet er ebenso interessant wie die Art der Menschen in Sevilla, sich während der Karwoche zu kleiden. Dann seien da noch die alten Ägypter, die mesopotamische, römische, griechische, phönizische, arabische und afrikanische Kultur – es gebe einfach nichts, was nicht anregend sei. "Ich verwende alle diese Zutaten und koche sie auf eine sehr fanatische Art und Weise bis ins Detail zu etwas fast Unmöglichem." 

Jaime Hayon entwirft für Nanimarqurina, Fritz Hansen und &Tradition

Der Mann ist folglich der Richtige, um etwa ein Karussell für die Swarovski Kristallwelten im österreichischen Wattens zu entwerfen sowie dekorative Vasen und Figuren aus Kristall und Porzellan für Baccarat und Lladró oder Teppiche für Nanimarquina. 

"Wenn ich ein Design mache, will ich, dass es gut ist, funktionell und stark. "
Jaime Hayon, AW Designer des Jahres 2024

Aber wie passt das alles zu Fritz Hansen und &Tradition? Skandinavisches Design und der maßlose Spanier scheinen absolut nichts gemeinsam zu haben. Ich werde eines Besseren belehrt. "Finn Juhl und Arne Jacobsen haben ihre Inspiration auch aus der Natur gezogen", so Hayon. "Es gibt da nicht nur das Minimalistische – warum sollten Jacobsens Entwürfe sonst 'Ant', 'Swan' oder 'Egg' heißen?" 

Bei dem Entwurf seines Stuhls "Catch" für &Tradition hatte er Pinguine vor Augen, die mit den Flügeln schlagen. Das Ergebnis wirkt sympathisch, weil die Lehnen suggerieren, sie würden den Sitzenden mit offenen Armen aufnehmen. Ebenso gefällig und zugleich elegant wirkt das Sofa "Vuelta", das Wittmann produziert. Mit dem Entwurf ist Jaime Hayon seinem Idol Josef Hoffmann ganz nahegekommen, denn auch dessen Entwürfe werden von der österreichischen Möbelwerkstatt gefertigt. 

Alessandro Mendinis Rat an Jaime Hayon

In den vergangenen Jahren hat Jaime Hayon seinen Fokus neu justiert: Er selbst mache mittlerweile zu 80 Prozent Kunst, im Büro wirke er mehr und mehr wie ein Art Director, dessen Ideen von seinem Team umgesetzt werden. 

So ganz kann er es mit dem Gegenständlichen jedoch nicht lassen: Selbst in seinen Bildern wirbeln Vasen, Gläser und Daybeds durch das Leinwand-Universum und immer wieder entstehen Räume. "Am Ende ist alles eine Frage der Balance", sagt Jaime Hayon. 

Und er fügt hinzu: "Alessandro Mendini hat mal zu mir gesagt, es sei wichtig, sich treu zu bleiben, egal was andere sagen oder denken." Das ist dem Mann, der keine rechten Winkel mag, über all die Jahre gelungen. Dank unbändiger Energie und seinem humorvollen Blick auf die Design- und Kunstwelt.