Pflanzenseelen Botanik: Röntgenfotografie des Amerikaners Bryan Whitney

Wer sie versteht, braucht keinen grünen Daumen. Botanische Kenntnis hilft dem Gärtner bei der Arbeit. Mit den Mitteln der Röntgenfotografie macht der Amerikaner Bryan Whitney neben der inneren Schönheit auch den Bauplan der Gewächse sichtbar.

Botanik heißt das magische Wort. Im Augenblick hat es mehr Wert als Design in der Gartenwelt. Es ist zwar lange her, dass Pflanzensammler Herbariumsblätter als Sammelgut anlegten und sie für gutes Geld Liebhabern verkauften. Kaufleuten etwa, die sie um 1800 wie Kunst horteten und sich in ihrer Freizeit mit den Ordnungen des Pflanzenreiches vergnügten. Botanisieren war damals eine biedermeierliche Freude. Sie kehrt wieder – und das in gesteigerter Form. Der größte Reiz passionierter Gartenliebhaber ist der Aufbruch zu einer Pflanzenexpedition – rein in den Himalaja, hinauf in den Kaukasus und selber sehen, woher die Gartenpflanzen kommen. Welche Bedingungen, welche Pflanzenpartner sie in der Wildnis haben.

Doch Botanik ist Basiswerkzeug nicht nur für Supergärtner. Sie hilft zum Beispiel, Wucherndes zu verstehen und richtig anzupacken. Denn mit der gleichen Technik, mit der Bartiris im Lauf der Zeit Horste bilden, vermehrt sich der Giersch. Beide schieben sich mit Kriechtrieben, sogenannten Rhizomen, durch den Boden.

Rhizome gehören aber nicht zu den Wurzeln, sondern sind Teil der Sprossachse. Jedes Stückchen enthält den Bauplan fürs Ganze. Japanknöterich, Goldrute, Minzen, Bambus und Meerrettich nutzen die Strategie.Darum muss alles restlos aus dem Boden, wenn die Pflanze stört. Wer frisches Meerretticharoma nicht missen will und einen Hühnerkäfig hat, setzt ihn dorthinein. Das Federvieh hält die Pflanze im Zaum.

Botanik steckt auch in den Kurzinformationen der Beipackzettel von Samentüten aus dem Supermarkt. Beispiele sind Möhre oder Gelber Enzian. Wenn bei ihnen steht „An Ort und Stelle aussäen, später ausdünnen“, bedeutet das: Sämlinge lassen sich nicht umsetzen. Sie haben eine Pfahlwurzel. Und hinter den Befehlen „Volle Sonne, Halbschatten, Schatten“ verbirgt sich die Photosynthese. Denn Blätter sind Sonnenkollektoren, sie wandeln Licht in Energie um. Dabei filtern, schützen und dosieren sie: silberne Blätter vor zu viel Sonne, haarige Blätter vor der Verdunstung, ledrige Blätter vor dem Austrocknen. Die mit Dornen schützen vor Fraßfeinden ebenso wie vor streunenden Kötern. Mariendisteln mit silbrig-weiß gefleckten Blättern wären so ein pflanzlicher Sicherheitszaun, piksig und schön zugleich.

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Autor:
Elke von Radziewsky