Borstige Gesellen Großfamilie Haage

In Erfurt könnte Spitzweg die Stachelpflanze für sein berühmtes Gemälde gekauft haben. Seit 1822 besteht die älteste Kakteengärtnerei Europas. Ihr junger Chef freut sich über den Aufschwung nach der Wende und setzt auf eine Zukunft im Internet.

Ulrich Haages Großfamilie wohnt im Backsteinhaus aus dem späten 19. Jahrhundert mit seinen Anbauten für Eltern, Kinder, Enkel, Tante und eine Cousine. Alle sind sie gartengebildet, und alle arbeiten in ihrem Betrieb. Insgesamt sind sie vierzehn Gärtner. Einen nutzbringenden Bauerngarten am Rande der Glashauslandschaft bestellen sie gemeinsam.

Der Stammbaum der Haages von 1685 an bis heute kann sich sehen lassen. Alle waren selbstständige Gärtner in Erfurt. Aber die Kakteen kamen erst mit Friedrich Adolph Haage 1822 ins Spiel. Der wurde von dem legendären Johann Heinrich Seidel ausgebildet, dem Vater einer Gärtnerdynastie, die mit Kamelien und Rhododendren berühmt wurde. Volle 37 Jahre war Seidel königlicher Hofgärtner bei Friedrich August in Sachsen. Nur die Besten ihres Fachs arbeiteten in dessen Gärten. Hans-Friedrich Haage mag die Legende, dass sein Vorfahre die ‘Königin der Nacht’ auf den Punkt zum Blühen brachte, was den Fürsten so entzückte, dass er ihm zum Abschied ein Exemplar mit auf den Weg gab. Damit war der Anfang getan.

In Erfurt machte sich Friedrich Adolph Haage als Gärtner selbstständig. „Wegen der großen Konkurrenz spezialisierte er sich auf Kakteen, die noch niemand hatte. Außerdem waren Kakteen robust. Sie überstanden auch längere Postkutschentransporte“, erzählt der Nachfahre. Friedrich Adolph wurde schnell berühmt mit seinem Kakteenhandel, und er gab das Kaktus-Gen an die nachfolgenden Generationen weiter. „Familiengeschichte bindet und macht stark.“ Erst verhältnismäßig spät organisierte ein Haage erste Kakteenexpeditionen und spezialisierte die Gärtnerei endgültig. Walther Haage begann auch, Fachbücher zu schreiben, was forthin alle Haages tun werden. 1990 bekam er für sein Lebenswerk von der monegassischen Fürstin Gracia Patricia den „Goldenen Kaktus“.

Die Trophäe und noch mehr stehen im kleinen Familienmuseum, das Ulrich Haages Mutter Liebgund aus der Taufe gehoben hat und liebevoll pflegt. Walther Haage hat den neuen Erfolg der Gärtnerei zwar nicht mehr erlebt, aber „er hinterließ einen Schatz von Dingen, die heute noch nicht alle gehoben sind“, freut sie sich. Die Ahnengalerie ist komplett, Urkunden liegen aus, Geschäftsbriefe und der Preußische Rote Adlerorden, mit dem Friedrich Adolph einst ausgezeichnet wurde.

Liebgund, heute 66 Jahre alt, ist Gärtnerin wie auch ihre Schwiegertochter. „Würdest du es mit mir und den Kakteen aushalten?“, hatte Hans-Friedrich sie vor 43 Jahren gefragt. „Inzwischen habe ich etwas Besseres gefunden“, lacht sie. „Sukkulenten, die piken nicht so.“ Ihr Mann rettete das Unternehmen über die Verstaatlichung in der DDR 1972 hinaus als Betriebsleiter der VEB Kakteenzucht bis zur Reprivatisierung im Jahr 1990.

Schlagworte:
Autor:
Inge Ahrens
Fotograf:
Albrecht Fuchs