Borstige Gesellen Der Neuaufbau

In Erfurt könnte Spitzweg die Stachelpflanze für sein berühmtes Gemälde gekauft haben. Seit 1822 besteht die älteste Kakteengärtnerei Europas. Ihr junger Chef freut sich über den Aufschwung nach der Wende und setzt auf eine Zukunft im Internet.

In den schweren Zeiten des Neuaufbaus erhielt er Hilfe von Kakteenfreunden aus den alten Bundesländern. „Ganze Busladungen von Menschen kamen und staunten über unsere Pflanzenbestände“, so Hans-Friedrich. „Das hatten wir nicht erwartet.“ Ulrich, der zur Wende 20 Jahre alt war, erinnert sich: „Dieser seltsame Mix aus Altmodischem und Rarem übte den Reiz aus. Bei uns galten Madagaskarpalmen noch als Heiligtum, während sie in Westdeutschland längst in Supermärkten zu haben waren. Beim Anblick unserer zum Teil gut 80 Jahre alten Mutterpflanzen bekamen alle glänzende Augen.“

Das hatte sich Ulrich Haage vor der Wende nicht vorstellen können: „Ich sah mich schon als Kunsthandwerker auf einem Mecklenburger Bauernhof enden. Das war der Horizont, den man in der DDR hatte – unsere große Freiheit.“ Die Kakteengärtnerei schien jedenfalls keine Zukunft zu haben. Gärtner wurde Ulrich trotzdem. „Wir haben ihn damit geködert, dass er in der Lehre Traktor fahren kann“, gibt sein Vater zu.

Ulrich lernte, wie man Dächer deckt und sie dann begrünt. Er arbeitete in Bromeliengärten in Gent, „wo schon mein Großvater war“, zog in Guatemala Tillandsien, studierte die Züricher Sukkulenten-Sammlung und holte sich in London den letzten Schliff. Wohin er auch kam, Kakteen-Haage kannte man längst: „Das war toll.“

Endlich zielgerichtet, studierte er Gartenbau und Marketing. „Goldrichtig“, freut sich sein Vater und gibt 1996 das Unternehmen an seinen Sohn ab. Schließlich ist auch der Kakteenhandel längst in der neuen Zeit angekommen. Während sich die Kakteenfreunde alten Schlags in ihren Vereinslokalen treffen, Pflanzen wie Briefmarken tauschen und Grußbotschaften an andere Vereine schicken oder sich von ihren letzten botanischen Ausflügen erzählen, macht Ulrich Haage seine größten Geschäfte längst übers Internet und kommuniziert mit Gleichgesinnten in Kakteenblogs. Der Vertrieb ist seine Sache.

„Aus der Sicht eines Gärtners bin ich eher ein Manager, der nach Feierabend ins Gewächshaus geht und noch ein bisschen in der Erde wühlt“, schmunzelt er. Ist er eingeladen, bringt er schon mal einen Kaktus mit: „Ein erklärungsbedürftiges Geschenk.“ Er überreicht es mit einem Augenzwinkern.

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Autor:
Inge Ahrens
Fotograf:
Albrecht Fuchs