Porcinais Erbe Interview mit Anna Porcinai

Der Italiener Pietro Porcinai war einer der bedeutendsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts. Sein Archiv ist eine Fundgrube für Forscher.
Anna Porcinai

A&W: Geduld sei eine der wichtigsten Berufseigenschaften, sagt ein erfolgreicher
deutscher Gartenarchitekt. Ihr Vater war als Dickkopf bekannt ...


Anna Porcinai: Giorgio Armani wollte einen Garten von ihm haben. Mein Vater stellte seinen Entwurf vor. Armani krittelte herum. Nach fünf Minuten hat mein Vater das Gespräch abgebrochen und ist gegangen. Bei dieser Art von Klienten, sagte er, muss man sich seiner selbst und seiner Arbeit absolut sicher sein. In manchen Jahren hatte er zehn, 15 Kunden, die auf einen Besuch von ihm warteten. Er hatte keine Zeit für Befindlichkeiten.

Bedeutet das, die Kunden kauften bei Ihrem Vater einen Garten, wie man sonst ein Bild kauft? Kompromisslos dem folgend, was der Künstler malt?

Er bot schon zwei oder drei unterschiedliche Lösungen an, unterhielt sich ausführlich mit den Klienten und fragte nach ihren Vorlieben, bevor er zu planen anfing. Meistens waren die Frauen seine Gesprächspartner. Für Nita Stross Radicati zum Beispiel, eine wohlhabende Frau und Iriszüchterin, hat er ein Gewächshaus neben die Küche gesetzt. Sie züchtete sehr erfolgreich und gründete 1954 mit Flaminia Goretti Specht den florentinischen Irisgarten, in dem der jährliche „Premio Firenze“ abgehalten wird, der internationale Iris-Wettbewerb.

Was hat Ihren Vater dazu veranlasst, jede Notiz, jedes Foto, jeden Brief und jede Bestellung aufzuheben?

In seinem Studio arbeiteten 20 bis 25 Kollegen. Er war nur wenige Tage in der Woche da, meist Samstag bis Montag, manchmal Dienstagfrüh. Aber er wollte über alles Bescheid wissen. Jede Kleinigkeit in einem Entwurf war ihm wichtig, also ließ er alles aufschreiben.

Welche Eigenschaft Ihres Vaters haben Sie besonders bewundert?

Seine Kühnheit. Was er wollte, tat er. Er hatte nicht nur Ideen, er realisierte sie auch. Weil ihm gute Lieferanten für Düngemittel fehlten, gründete er eine Firma, die sie lieferte. „Fito“, sie besteht noch heute. Das Gleiche galt für Keramik, er wollte schlichte Gefäße. Weil er sie auf dem Markt nicht fand, gründete er „Arno“.

Kühn trifft auch auf seine Gärten zu. Da gibt es keine braven Kabinette, keine Mulden und Hügel, sondern gepflasterte Linien und Raster im Rasen ...

Ihm war wichtig, dass ein Garten Künstlerisches aufweist, dass er nicht nur aus Pflanzen besteht. Mein Vater war Künstler – sobald er einen Garten betreten hatte, entwickelte er ein Gefühl dafür, wie der Raum genutzt werden kann. Wie Perspektiven durch den Garten nach außen führen, wie sie die Landschaft in den Garten holen können. Für ihn waren das
übergeordnete Verbindungen, die Architektur und Natur, Haus und Garten zusammenschließen.

Gleichzeitig hatte er ein feines Gespür für die Verletzungen der Natur. Ein Garten sollte keine eigene neue Landschaft schaffen, sondern nur eine neue Wahrnehmung der vorhandenen erzeugen...

Deshalb nahm er seine Rolleiflex, fotografierte auf einer Baustelle alles, machte Notizen und skizzierte. Das Archiv bewahrt das alles auf. Im Büro ließ mein Vater die Fotos zu Rundumblicken zusammenfügen. Dann setzte er sich an einen Tisch, ganz frei, ganz weiß, und fing an zu zeichnen. Zu den einzelnen Gärten gibt es etliche Entwürfe. Am Ende entschied er sich oft für den einfachsten.

Das Interesse am Garten ist immer auch ein metaphysisches, schrieb Ihr Vater. Er wollte den „Sonnengesang“ des heiligen Franziskus zur Pflichtlektüre in Gartenschulen machen ...

Er war sehr religiös. Grün bedeutete für ihn Gott und Schöpfung. Er schrieb Verde, das italienische Wort für Grün, ein Leben lang mit einem großen V.

Seite 2 : Interview mit Anna Porcinai
Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Alessio Gaurino, Regina Recht