Schweden setzt die Trends im Garten Chefgärtner Joakim Seiler

Sommerblüten statt Hecken-Einerlei, Küchenbeete gegen Gräser-Monotonie: Schweden setzt die Trends im Garten. Vor allem in Göteborg mit seinen vier großen Parks, in denen die Mitarbeiter Pflanzenexperimente in eigener Regie machen können. Ein Besuch bei der grünen Avantgarde. 

Frisches Kraut in alten Beeten: In Gunnebo Slott folgt Chefgärtner Joakim Seiler dieser Strategie. Das kleine klassizistische Schloss, anderthalb Autostunden von Göteborg entfernt in Mölndal gelegen, gilt als ein Paradebeispiel des gustavianischen Stils – eine reine Holzarchitektur bis in die steinimitierenden Balustraden. Das Außergewöhnliche: Der Architekt Carl Wilhelm Carlberg (1746–1814) hat nicht nur das Schloss, sondern auch den Garten mit seinen Wirtschaftsgebäuden angelegt. Dieses Ensemble ist Herrschaftsgebiet von Joakim Seiler. Doch sein Faible sind die Küchengärten, die früher zu jeder Gutswirtschaft gehörten – auch in Gunnebo. Küchengarten modern heißt für Joakim Seiler: ökologisch. Es gibt wenige, die Fruchtfolgen besser verinnerlicht haben als dieser Gärtner, der in anderer Umgebung als Popstar durchginge. Aber es heißt auch: ästhetisch experimentell.

Neben klassische, mit Gänseblümchen und Stiefmütterchen gerahmte Salatfelder setzt er welche, in denen er alle Regeln der Kunst bricht, als da wären: „Man soll nicht zu viele panaschierte Pflanzen setzen, denn das macht nervös, man darf es nicht mit Rot übertreiben, das wirkt depressiv, und gehäuftes Gelb erzeugt Übelkeit.“ Joakim Seiler lacht darüber. Er sammelt Rot, massiert Gelb, gibt alte Streifenmuster auf, formt Keile und Splitter und Zacken aus Thymian, Majoran, Estragon und knackigem Gemüse. Das Ergebnis: ein Würz-Teppich, dessen Ertrag im Gunnebo-Restaurant auf den Tellern landet und dessen Charme die amerikanische Konzept- Künstlerin und Garten-Avantgardistin Topher Delaney derart begeisterte, dass sie sich letztes Jahr von Joakim Seiler zu einer separaten Aktion nach Gunnebo locken ließ.

Seit knapp zehn Jahren jettet David Schofield, Landschaftsarchitekt aus Blackburn bei Manchester, alle paar Wochen nach Göteborg und eilt schnurstracks in den Liseberg Park, berühmt für „Balder“: eine der grandiosesten, komplett aus Holz gebauten Achterbahnen der Welt. In der Mitte von Balder steht, umrauscht von den stürzenden Wagen, ein Sommerhäuschen-Idyll mit Garten: Symbol der für die Schweden wichtigen Mittsommerzeit und der Besonderheit von Liseberg Park. Denn dieser 20 Hektar große und mitten in Göteborg gelegene Park ist der grünste Vergnügungsgarten Europas. Doch anders als Disney World schickt er seine Gäste nicht auf Fantasy-Tour nach Mexiko, Wildwest oder China, sondern in die schwedische Natur – inszeniert von einem Engländer: dem Spezialisten für Theateraufbauten und Konstruktionen besonderer Art, David Schofield.

Er war am Bau von Balder mit Lauben-Idyll im Zentrum beteiligt. Er hat ein Gischt sprühendes Wildwasser gebaut, bei dem ein Heer von Pumpen im Untergrund die Strudel in Bewegung hält. Die knorrigen Fichten und Eichen kamen aus norddeutschen Baumschulen. Und weil ein Amüsieretablissement auf Kontrast und Sensation setzt, steht nicht allzu weit von dem „Colorado“ genannten Wildwasser entfernt ein mit Schlangen besetzter und von Efeu berankter Pavillon des Kopenhagener Meisterfloristen Tage Andersen. Deko, Trend, Avantgarde oder Kitsch? Es ist alles zusammen und Zeichen dafür, warum die Schweden im Garten die Nase vorn haben. „Stil interessiert mich nicht“, sagt Ulf Nordfjell, „ich will gärtnern.“        

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robert Fischer