Ein Wintermärchen Der Park Knightshayes in Devonshire

Wenn Väterchen Frost das Land mit erstem Raureif bedeckt, wenn Zweige dunkle Linien in die Landschaft von Devonshire malen, dann beginnt in Knightshayes der Gartenzauber: Blätter rascheln, ohne dass sich ein Lüftchen rührt, der Teich bekommt über Nacht eine Silberhaut, und zum letzten Mal im Jahr öffnen sich Blüten.

Wenn im Oktober die Touristenströme im Park Knightshayes versiegen und die großen Tore für den Winter geschlossen werden, atmet Michael Hickson insgeheim auf. Endlich können er und seine sechs Gärtner ungestört arbeiten. Und nun, da endlich die Stille wieder einkehrt, sich eine bleigraue Wolkendecke über die Hügellandschaft von Devon legt und alles in ein weiches Licht taucht, da Bäume und Sträucher ihre aufgeregte Farbenpracht abgelegt haben und es nach frisch geschlagenem Holz und nach verfaulendem Laub riecht, treten die Linien und Strukturen von Zweigen und Ästen hervor.

„Das gibt der Erinnerung einen Ruck, führt einem vor Augen, worum es eigentlich geht“, sagt der Chef des großen Landschaftsgartens von Knightshayes. Sorgfältig ausbalancierte Kontraste von Wuchsformen und Blatttexturen, feine Farbabstufungen bei den Braun- und Grautönen der Gehölze sind Michael Hickson viel wichtiger als jede reißerische Blütenpracht. Er hat keine Angst vor dem grauen Winter. „Wenn ich an einem Weihnachtsmorgen durch den Park stromer, finde ich leicht dreißig, vierzig blühende Pflanzen“, sagt er und beginnt aufzuzählen: Clematis, Rosen, Rosmarin, Zaubernuss, Schneeball, Rhododendren und Kamelien, sogar lang blühende Hydrangeen, lauter verstohlene Winterblüher, die sich unaufdringlich den Linien von Stämmen und Zweigen anpassen und das große Ganze zur Geltung bringen.

Michael Hickson ist kein zimperlicher Gärtner, und er richtet bei der Arbeit den Blick nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich stets in die Ferne. „Eigentlich müsste diese Tilia dort herausgenommen werden“, sagt er, während er von einer kleinen Anhöhe herab die Wirkung des Panoramas inspiziert. „Taken out“ sagt er, was im Englischen so klingt, als würde der Scharfschütze eines Sonderkommandos sprechen. Die hohe, etwas struppige Linde, die sich da vor die Aussicht in das Tal von Tiverton schiebt, hat in seinem Meisterplan, den er für die Entwicklung von Knightshayes auf Jahrzehnte hinaus vorgezeichnet hat, keinen Platz.

„Einen Garten gestalten“, sagt Michael Hickson, „ist so, als ob man ein Bild malt, bei dem sich die Farben ständig neu vermischen.“ Vor allem, wenn es um den Baumbestand geht, braucht man einen langen Atem, muss ständig kontrollieren und korrigieren. Seit 1963 ist Hickson der Chef von Knightshayes Gardens. Auf den Plural kommt es an. Denn Knightshayes ist eine kunstvoll ineinander verzahnte Abfolge von Gärten, die sich von einem streng reglementierten Terrassengarten vor dem Herrenhaus tief in einen Wald aus hochstämmigen Bäumen hineinzieht. Unter hundertjährigen Fichten, Eichen und Buchen sind exotische Magnolien und Rhododendren, Azaleen, Hydrangeen und Buddleia gepflanzt. Zwischen den Sträuchern wachsen Geranien, Helleborus-Arten und Päonien. Wie Rotkäppchen lässt sich der Spaziergänger durch immer neue Ausblicke und Überraschungen vom Haus weg tiefer und tiefer in den Waldgarten ziehen, verführt von einer Märchennatur, die doch nur eine kunstvoll kontrollierte Gartenlandschaft ist.

Seite 1 : Der Park Knightshayes in Devonshire
Schlagworte:
Autor:
Matthias Thibaut
Fotograf:
Howard Sooley