Stadtfarmer richten Ackerflächen in Kreuzberg ein Urbane Landwirtschaft

Private Beete gibt es nicht, dafür Rabattpunkte für solidarisches Jäten und Hacken beim späteren Gemüsekauf. Im tiefsten Kreuzberg haben zwei botanische Laien, ein Historiker und ein Filmemacher, aus Pflanzsäcken und Bäckerkisten mobile Ackerflächen eingerichtet. Seit 2009 betreiben die Stadtfarmer nach Vorbildern in New York, London und Havanna ihren Prinzessinnengarten am Berliner Moritzplatz.

Urbane Landwirtschaft: Das passte auch nach Kreuzberg mit seinen vielen Einwanderern aus ländlichen Regionen, Menschen mit geringem Einkommen und ohne Gärten, so fanden die beiden. Anders als beim Guerrilla Gardening bepflanzen städtische Farmer nicht in Nacht-und-Nebel-Aktionen verlotterte Ecken. Sie nutzen mit der Hilfe Verbündeter und dem Einverständnis der Grundstückseigner temporär deren unbebaute Flächen. Das alte Wertheim-Grundstück mieten Marco und Robert vom Liegenschaftsfonds Berlin jährlich neu, so lange bis sich ein Investor findet, der bauen will.

Marco und Robert beschreiben die Prinzessinnengärten am liebsten als „einen Ort, an dem ein Kreuzberger Jugendlicher, seine gärtnerisch versierte Mutter aus der ersten Migrationsgeneration, eine Professorin der Agrarwissenschaften, ein Gartenaktivist aus New York, eine junge bürgerliche Familie und eine Biobäuerin aus einem Brandenburger Hofprojekt zusammentreffen, miteinander arbeiten, voneinander lernen und gemeinsam das Selbstangebaute verspeisen, beste Rezepte austauschen und sich entspannen“.

Der Garten als Bindeglied. Das ist einzigartig. Es werden gemeinsam Radieschen gesät, Künstler finden eine grüne Bühne. Kinder lernen gärtnern und Gemüse kosten, die sie nie zuvor aßen. Eintritt frei! Mitmachen kann jeder, ohne gleich ein Gärtner zu sein. Die Pflanzsäcke und Hochbeete mit den Kompostbeeten bilden eine eigenartige blühende Landschaft: regionales Gemüse und alte Salatsorten vor Graffiti. Es duftet, und Bienen summen am verkehrsreichen Ort. Ein türkischer Großvater hat seinen Enkel geschultert und erzählt ihm von den Gärten Anatoliens. Ein Paar trinkt Tee aus Gartenkräutern. Zwei Mädchen zupfen Unkraut aus Tetrapak-Beeten. Ein Radler samt Ernte rollt davon. Robert und Marco erinnern sich an das letzte Jahr als eines, in dem die Dinge einfach passierten: „100 rollende Beete, schwärmende Bienen, singende Köche, Kartoffelkäfer, vertikales Gärtnern, 15 alte Kartoffelsorten und Besucher aus Mumbai, New York und Mexico City.“ Sogar eine kubanische Delegation reiste an. Bei alldem geht es ihnen nicht um Schönheit: „Wir sind keine Gartenarchitekten.“

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Autor:
Inge Ahrens
Fotograf:
Jan Kopetzky