Landstriche um Florenz Palazzo Corsini und Villa Cetinale

Das besondere Licht hat sie gelockt. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entdeckten Engländer und Amerikaner die Landstriche um Florenz. Sie kauften alte Villen, rekonstruierten, interpretierten und schufen Gärten neu. Wer sie besucht, lernt viel über Renaissance, Barock und andere Gartenstile.

 

Palazzo Corsini al Prato, Florenz

Mitten in Florenz, ohne betörende Aussicht, zwischen den Straßen Via della Scala und Via il Prato wie in einen Setzkasten gefügt, liegt der Palazzo Corsini: Exempel für einen originalen, wenn auch späten Renaissancegarten und für die Hausregie, die eine moderne italienische Fürstin (Principessa) ebenso führt wie das Zepter über ihr Imperium an Weinbergen und Palazzi. Die Villa, der Garten, der Speisesaal, wuchtige barocke Möbel, vergoldet und mit Marmor bedeckt, Kronleuchter – alles ist beste Kulisse für bezahlte Abendessen. Donna Giorgiana – „I can do every job“ – füllt den Spumante aus eigener Fertigung mit Holundersirup auf, parliert und bringt touristengerecht auf die knappste Formel, was ein echter Renaissancegarten sei: „Er besteht aus drei Farben. Grün, Rot, Grau. Immergrün die Gewächse, rot die Terrakottagefäße, steingrau die Skulpturen.“

Nichts ist bunt. Es gibt keine Blumen. Immer gleiche Gehölze sind für verschiedene Zwecke eingesetzt. Auch in der Villa Corsini. Über einem Achsenkreuz liegt das von Gherardo Silvani (1579–1675) symmetrisch aufgebaute Buchsparterre. Seine Skulpturen säumen den Mittelweg. Sie könnten etwas über die Corsinis erzählen, die 1621 das Haus halbfertig kauften, wenn man wüsste, wen sie im Einzelnen personifizieren. Alle Renaissancegärten sind gelehrt und übermitteln, manchmal spitzfindig, Botschaften ihrer Erbauer. Doch um die zu verstehen, müsste man einiges wissen, über genealogische Verflechtungen und mythologische Interpretationsmuster. Donna Giorgiana erspart es den Laien.

Villa Cetinale Sovicille, bei Siena

Was man für Renaissance halten könnte, was aber niemals welche ist, lernt man im Vordergarten der Villa Cetinale. Kann man es sich adretter wünschen? Makellos einheitliche Buchshecken säumen Beete. Sie sind mit Zitronenbäumchen in Terrakottatöpfen dekoriert. Aber: nur eine Sorte Buchs! Eine Sorte Zitrus! Nie käme das in einem Renaissancegarten vor. Man mischte den Buchs, trug unterschiedliche Sorten von goldfrüchtigen Gehölzen zusammen. Das Vergnügen bestand im gelehrten Sammeln, im Vergleichen und Beschreiben. Das Gärtchen ist ein Kunstfehler, der dem Lord unterlief, der sich 1977 die verfallende Villa kaufte. Antony Lambton war Abgeordneter im britischen Unterhaus. Ein Skandal mit Prostituierten brachte ihn um sein Amt. Er floh nach Italien und wandelte sich zum Gartenkenner. Die Rettung der Villa Cetinale ist sein großes Werk.

Einmal die Villa umrundet, gelangt man zum Höhepunkt des Ortes. Hochhaushohe Zypressen säumen eine straßenbreite Grasallee. Schwarz im Gegenlicht werfen sie raketenförmige Schatten und begleiten den Spaziergänger auf seinem Weg zur zweiläufigen Marmortreppe mit dem Prachteingang al primo piano, im ersten Stock, mit der sich Kurienkardinal Flavio Chigi von Carlo Fontana (1638–1714) seine Sommervilla verschönern ließ. Das wirkt, als habe einer nicht gewusst, mit wie vielen Ausrufezeichen das architektonische Meisterstück zu bejubeln sei. Die Grasallee ist Teil der längsten Blickachse, die man in einem toskanischen Garten finden kann. Sie führt auf einer Seite der Villa bergan zu einer fünfstöckigen Eremitage und legt auf der anderen Seite des Hauses eine kilometerlange Schneise ins Land hin zu einem gigantischen steinernen Herkules. Eine Achse wie eine Kompassnadel, die in der Villa des Kardinals verankert ist: Welch ein anmaßender Anspruch steckt in dieser raumgreifenden Geste.

 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Jonas Unger