Landstriche um Florenz Villa Torrigiani, Villa Reale und Villa Cusona

Das besondere Licht hat sie gelockt. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entdeckten Engländer und Amerikaner die Landstriche um Florenz. Sie kauften alte Villen, rekonstruierten, interpretierten und schufen Gärten neu. Wer sie besucht, lernt viel über Renaissance, Barock und andere Gartenstile.

 

Villa Torrigiani di Camigliano, bei Lucca

Anmaßung ist barock. Witz und Scherz und Übermut ebenso. Nicolao Santini, Hausherr der Villa Torrigiani, war Botschafter der Stadtrepublik Lucca in Versailles, dem Hof Ludwig XIV. Nachdem sich Santini 1636 die Renaissancevilla als Sommersitz gekauft hatte, ließ er die nördliche Fassade schlicht wie sie war, verwandelte aber die südliche mit Nischen, Balustraden und Loggien in eine barocke Zuckerbäckerei. Auf das Dach setzte er ein Miniaturtheater. Die Sala terrena, den großen, im Erdgeschoss gelegenen Gartensaal, bedeckte er mit Gemälden und kunstvollem Stuck. Jede Szene, jeder Zentimeter ist Flora gewidmet. André Le Nôtre, so heißt es, spendierte ihm den Gartenplan mit Wasserbecken, Sichtachsen, Spiegelungen und Bosketten.

Heute liegt die Villa Torrigiani wie eine übrig gebliebene Praline auf weitem Grün. Man kennt das von englischen Landhäusern, wo der „Pleasure Ground“ bis an die Türen reicht. Bäume stehen auf Abstand um das Haus, als halte ein rätselhafter Respekt sie auf Distanz. Eine Natur ohne Künstelei, ohne Effekt und Übertreibung: Das war unter dem Diktat der Aufklärung die Gartenmode, für die in Europa Tausende von Renaissance- und Barockanlagen geschliffen wurden. Auch die Villa Torrigiani. Doch etwas existiert noch von der barocken Art, Spaß zu haben. Abseits liegt der Giardino di Flora, ein tief gelegter Garten mit Blumenbeeten. Er ist über und über mit versteckten Wasserspielen versehen, Giochi d’Acqua, mit spuckenden Steinen, Pietra Spugnosa, und einer Wasserwand, die nicht wieder hinauslässt, wen sie einmal gefangen hält.

Villa Reale di Marlia, bei Lucca

Eibenzweige kitzeln die steinerne Colombina unter der Achsel. Mit Pantalone und Arlecchino steht sie in einem der berühmtesten Heckentheater der Welt – hier spielte Paganini. Nicht mehr lange, und auch die Ohren, Nasen und Rockzipfel sind im Gebüsch verschwunden. Träge Verlassenheit herrscht in der Villa Reale in Marlia. Das Haus mit der strengen klassizistischen Fassade steht leer. Verborgen hinter Bäumen und Hecken, gibt es Tennisplätze, eine Schwimmanstalt aus blauer und roter Phantasiearchitektur und ein Gartenkabinett von Jacques Gréber (1882–1962). Auf den Tennisplätzen sammelt sich altes Laub. Der Pool ist ausgetrocknet. Ziegel lösen sich aus den Pfaden im Gréber-Kabinett. Doch jemand mäht Rasen, harkt Wege, stutzt überhaushohe Hecken. Noch, so scheint es, wartet die Villa auf die Rückkehr jener Gesellschaft, die sich hier in sicherer Abgeschiedenheit traf. Zu den Gästen des Kunsthändlers Cecil Pecci-Blunt gehörten die Kennedys, der Aga Khan, Ava Gardner, Kaufleute, Politiker, Künstler. Pecci-Blunt, heißt es, habe im Kalten Krieg Beziehungen zur Eremitage in St. Petersburg gehabt und manches Kunstwerk von dort sei hier durch seine Hände gegangen. Pecci-Blunt schlüpfte nach 1919 in die gut 100 Jahre zuvor von Napoleons Schwester Elisa Bonaparte umgebaute Villa. Da war er für die Hochzeit mit der Nichte des Papstes frisch zum Grafen gekürt. Häuser bleiben, Familien gehen, die ewige Geschichte.

Villa Cusona, bei San Gimignano

In der Villa Cusona herrschen seit Ewigkeiten die Strozzis, unter Italiens noblen Familien lange die Gegenspieler der Medici. Heute bauen sie in großem Stil Wein an. Der Vater, Girolamo Strozzi Guicciardini, ist renommierter Rechtsprofessor in Florenz, Tochter Natalia führt mit der Schwester das Weingut. Eine zugewachsene Allee führt zur Villa hinauf. Zu steil. Keiner braucht sie mehr. Im Buchsparterre blühen moderne Rosen. Mona Lisa sei, so weiß Natalia Strozzi, in 15. Generation ihre Vorfahrin. Geschichte – ohne geht es nicht.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Jonas Unger