Tierparks Vorbild Carl Hagenbeck

Tiergärten rücken auf der Liste Reisender in den Rang von Museen. Der Grund: Prominente Architekten und Landschaftsgärtner bauen Parks, in denen Tiere in Harmonie mit der Natur leben. Der Zoo erfährt seine Renaissance als Paradies für die Spezies.

Schon einmal glühten die Menschen im Zoo-Fieber. Das war in der späten Gründerzeit, dem Kolonialzeitalter, jenen Jahren, als der Tiergroßhändler Carl Hagenbeck – zu seinen Kunden gehörten die Sultane der Türkei und Marokkos, der Mikado von Japan und der Zar von Russland – auf den Kartoffeläckern vor Hamburg seinen Ausstellungs- und Vergnügungspark baute. Ein Park, wie er im Buche steht, mit Schlängelwegen und täglichem Konzert, mit Japan-Garten, Spazier-Alleen – und als Sensation: lebenden Tieren ohne Gitter und Zaun. Nur breite Gräben und schmale Spazierwege trennen Vorder-, Mittel- und Hintergründe von den drei großen Panoramen. Von idealen Punkten aus gesehen scheint es, als lebten Löwe, Gazelle und Flamingo – vorn die Beute, hinten der Räuber – kraft menschlicher Verfügung friedlich vereint. Am Eröffnungsabend im Mai 1907 ließen sich Carl Hagenbeck und seine Frau als Adam und Eva im neuen Paradies feiern. Dieses Urkonzept, so Stephan Hering-Hagenbeck, Tiergartenchef in sechster Generation, blieb nicht nur für alle Hagenbecks verpflichtend. Der gitterlose Panoramastil wurde damals zur Blaupause für ein gutes Dutzend auf der Welt verstreut liegender Zoos, lieferte die Vorbilder für Rom (1909/10), Edinburgh (1913), St. Louis (1920), Detroit (1929/30) und auch Paris-Vincennes (1931).

Tiersammlungen stillten ebenso wie Völkerschauen und Weltausstellungen das von Berichten aus den Kolonien genährte Fernweh. An ihnen lasen Menschen der westlichen Nationen ihre Potenz und Fähigkeit zu ewig währendem Fortschritt ab. Zwei Weltkriege zerstörten diese Zuversicht. Die Menschen fingen an zu begreifen, welchen Schaden sie in der Natur anrichten. Die traurigen Augen der Elefanten verleideten vielen den Blick in die Gehege. Abgestumpft in ihren Käfigen hin und her tigernde Raubkatzen erzeugten ein schlechtes Gewissen. Zoo – ohne mich: Nicht in den Tiergarten zu gehen war quasi der kleinste Beitrag, den man zum Tierschutz leisten konnte. Was konnte diese Gemütslage Anfang des 21. Jahrhunderts in eine Renaissance der Zoos verwandeln? Stephan Hering-Hagenbeck antwortet: „Tiergärten ändern sich, sie ändern sich sogar ständig.“ Weshalb er auch eher eine Evolution sieht.

Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach