Gärten in Nord-Frankreich Normandie - Reise zu den schönsten Gärten

Noch sind die Gärten im Norden Frankreichs ein Geheimtipp, eher Engländern bekannt als deutschen Reisenden. Dabei zieht das scheinbar schroffe Land, das für seine leuchtende Alabasterküste, frische Austern und Calvados bekannt ist, seit alters Pflanzenliebhaber an. Unsere Auswahl führt zu restaurierten Mini-Versailles, Arts-and-Crafts-Ablegern und modernen Blütenexperimenten.

Château de Brécy in Saint-Gabriel-Brécy

Kein Buchsblättchen tanzt aus der Reihe, jede Blüte und jedes Zweiglein sind Musterschüler im Fach Geometrie, und der Kies auf den Pfaden ist so akkurat geharkt, dass nicht wenige Gäste zögerlich staken, weil sie sich scheuen, den Belag mit Fußabdrücken zu verunstalten. Der Versuch, beim Nach-rechts-und-links-Schauen Fehler in der Symmetrie der Arrangements aus geschorenen Pyramiden, Dreiecksflächen, Linien und Quadern zu entdecken, wird misslingen – die zwei Hektar großen Jardins du Château de Brécy in der Normandie gehören einem hortologischen Perfektionisten: Didier Wirth ist Präsident des französischen Nationalkomitees für Gärten und Parks, und er ist Träger des Kreuzes der Ehrenlegion.

Fast jedes Wochenende fährt er gut anderthalb Autostunden von Paris Richtung Nordwesten nach Saint-Gabriel-Brécy auf sein Landschloss. 1992 kaufte er das im 17. Jahrhundert errichtete Anwesen und ließ es nach historischen Plänen rekonstruieren. Zu den wenigen Stilbrüchen zählen das Himmelblau der Blumenkübel, ein kleiner anarchischer Kräutergarten und ein Hochsitz, versteckt im Geäst einer alten Buche. Dort schwebt Didier Wirth oft, unsichtbar für die fünf Gärtner und die Besucher, und genießt die Makellosigkeit seines Werks aus der Vogelperspektive.

„Die Liebe zur Geometrie ist typisch für Monsieur Wirth“, sagt Michel Ransquin, der Hausmeister. Seine Aufgabe ist es, penibel Ordnung zu halten. Während er auf den drei vom Haus aufsteigenden Terrassen patrouilliert, klaubt er hier und da welke Blätter auf und stürzt immer wieder auf eines der Topiary-Kunstwerke zu, um vorlaute Triebe zurechtzustutzen. Dabei erzählt er, dass sich einige Besucher über die gestalterische Strenge beklagten, vor allem zu Ostern, wenn der Park nach der Winterpause wieder öffnet und Blüten, die das ehrwürdige Grün aufheitern, noch auf sich warten lassen: „Manche behaupten gar, es rieche hier nach Gruft.“ Der Eindruck ändert sich spätestens im Frühsommer, wenn mehr als hundert Clematissorten, englische Rosen und Glyzinien duften.

Zum höchstgelegenen Abschnitt des Gartens führt eine schmiedeeiserne Pforte. „Niemandsland zwischen Himmel und Erde“ nennt ihn der Hausherr. Ein Läufer aus Rasen führt den Hügel hinauf. Getrimmte Buchen stehen Spalier. Oben angekommen, schweift der Blick über ein scheinbar unberührtes Idyll der Normandie. Es war Didier Wirth einige Behördenkorrespondenz und eine ziemliche Summe wert: Er hat auf eigene Kosten eine Überlandstromleitung unterirdisch verlegen lassen.

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Autor:
Heidi Howcroft
Fotograf:
Regina Recht