Gartenreise Hunting Brook und Annes Grove

Der atlantische Golfstrom schützt die Insel. Was Pflanzenjäger seit 200 Jahren mitbrachten, hat sich im milden, feuchten Klima heimisch gemacht und ist zu phantastischen Größen herangewachsen. Neben klassischen Rabatten wächst Wildes und Tropisches: Irland ist das überraschendste Ziel für Gartenreisen in Europa.

 

Hunting Brook

Sanfter Dschungel-Look durch eine spezielle Schnitttechnik: In seinem Hunting Brook versammelt Jimi Blake Trophäen aus der aktuellen Pflanzenjägerei und mixt sie zum „modern look with a tropical touch“.

Jimi Blakes Hunting Brook ist jung, keine zehn Jahre alt und fast seit Anbeginn einer der meistbesprochenen Gärten in Irlands Presse. Denn Jimi Blake, leidenschaftlicher Pflanzennarr, seit er acht Jahre alt ist, gehört zu einer neuen weltweiten Gartenbewegung. „A huge plant collecting is going on“, sagt er; erzählt von Freunden, die Jahr für Jahr Expeditionen organisieren, und von jener China-Reise auf den Spuren des berühmten irischen Botanikers Augustine Henry, die er vor einiger Zeit mitmachte. 450 Pflanzen hat er von dieser Reise mitgebracht, darunter auch Aralia echinocaulis, einen fiederblättrigen Baum, der inzwischen zu seiner Signature Plant, zu seiner Zeigerpflanze, wurde. Denn sie wächst nicht nur bei ihm, sondern quasi als Sympathiebekundung bei den Freunden aus der kleinen irischen Gartengemeinde: Helen Dillon aus Dublin etwa, berühmt für ihren Stadtgarten („I want the big drama“, A&W 3/07) und für ihre spitze Zunge, was Gartengebräuche betrifft. Sie hat sich einen kleinen Araliendschungel gepflanzt. Jimi Blake, so weiß sie, hat wie wenige die Gabe, aus Samen unerprobter Gewächse Pflanzen nicht nur zu ziehen, sondern auch am Leben zu erhalten. Und so sammeln sich bei dem Grünfinger Pflanzen mit zungenbrecherischen Namen wie Amicia zygomeris, eine Exotin mit wunderschönen Blättern, oder Schefflera tiawianna.

Dabei ist das Ziel dieses modernen Pflanzenjägers nicht, eine botanische Lehranstalt zu begründen. Das schöne Motto heißt: „Collecting and combining“. Er erfindet feurige Rabatten, kombiniert purpur, orange, rot und gelb Blühendes, zum Beispiel Agastache ‘Sangria’, mit der aparten Dahlia australis, einer Wildform aus Guatemala, die bis zu zwei Meter hoch wird; pflanzt Senecio cannabifolius mit riesigen hanfähnlichen Blättern. Tropisches Flair erzielt Jimi Blake nicht mit exotischen Gewächsen, sondern auch mit einer speziellen Schnitttechnik, dem sogenannten Pollarding. Er schneidet Rosskastanie, Aesculus, Tulpenbaum, Liriodendron, Catalpa und Paulownia jährlich bis fast zum Boden zurück. „Dann treiben sie im Frühjahr gigantische Blätter aus.“ Derartiges Gartenwissen ist begehrt und macht aus Jimi Blake einen Vortragsreisenden: Amerika, Kanada, das war es im Frühjahr, Lectures führen ihn durch die Welt.

huntingbrook.com

Annes Grove

Taglilien öffnen ihre Kussmäuler in Annes Grove: Im Rivergarden spielt Irlands schönstes Gartenmärchen.

Patrick und Jane Annesley sind abgekämpft. Parkbesitzer sind Fronarbeiter. Die beiden letzten harten Winter haben furchtbare Schäden angerichtet. Schon seit über 200 Jahren ist Annes Grove im Besitz von Patricks Familie. Doch erst sein Großvater, Richard Grove Annesley, gehörte zu den enthusiastischen Sammlern, die mit Subskriptionen für Saat Pflanzenexpeditionen nach Fernost unterstützt haben. Von 1904 bis 1914 und dann wieder von 1923 bis in die 1950er-Jahre hat er Annes Grove mit allem ausgestattet, was so dazugehört, wenn man im großen Maßstab denkt: sanft gehügelte Wiesen, ein ummauerter Garten mit Rabatten wie aus dem Lehrbuch, ein Rhododendronwald voll selbst gezogenen Raritäten, ein steiler, zum Awbeg, einem Nebenfluss des großen Blackwater Rivers, abfallender Steingarten, der wie eine Schatztruhe mit kleinblätt rigen Alpinen gefüllt ist. Doch am schönsten und unvergleichlich ist Annes Grove durch seinen wilden Rivergarden. Zwischen schottischen Kiefern und afrikanischen Palmen neigen sich japanische Katsurabäume über kleine Stromschnellen im Wasser, die zarten glatten Blätter wie Schuppen übereinandergelegt. Hüfthohe Lilienblüten hängen an Ampelarmen. Taglilien öffnen wie kleine Kussmäuler ihre Knospen und grün gelackter Riesenaronstab mit handtuchgroßen Blättern drängelt sich an den Spaziergänger.

So muss der Dschungel ausgesehen haben, den der Maler Henri Rousseau für sein berühmtes Bild im Kopf hatte. Es ist das Ideal eines Robinsonian Wild Garden, die kunstvolle Kombination exotischer und einheimischer Pflanzen in einer wie natürlich wirkenden Umgebung. Ist der Spaziergänger Gärtner, erkennt er, dass kaum eine Pflanze heimisch, sondern alles Menschenwerk ist. Ist er Laie, wird er glauben, in diesem Irland steckt das Paradies auf Erden. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten bleibt der Garten diesen Sommer geschlossen. Ungewiss, ob der irische Staat beim Unterhalt hilft. Die Eurokrise hat die Verhandlungen schleppend gemacht.

 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry