Gartenreise Derreen und Garinish Island

Der atlantische Golfstrom schützt die Insel. Was Pflanzenjäger seit 200 Jahren mitbrachten, hat sich im milden, feuchten Klima heimisch gemacht und ist zu phantastischen Größen herangewachsen. Neben klassischen Rabatten wächst Wildes und Tropisches: Irland ist das überraschendste Ziel für Gartenreisen in Europa.

Derreen

Ein miserables Stück Land, gerade mal gut genug, um Barbaren eine Heimat zu sein: Derreen entstand dort, wo Irland alle Versprechungen einlöst – wo es karg, schroff und auf verzaubernde Weise schön ist.

Wir sind eine Stunde zu spät. Gärtner Jackie Ward nimmt’s gelassen. „That’s what always happens.“ Kein Fremder kann sich beim Blick auf die Karte vorstellen, dass die dort als gerade Linie gezeichnete R 573 in hunderterlei Kurven am Berghang der Kenmare-Bucht entlangkraxelt. Und keiner wird es bedauern. Denn hier löst Irland alle Erwartungen ein, ist schroff, karg, steinig und wunderschön. „Das miserabelste Stück Land, das ich jemals sah, gerade gut genug, um Barbaren zu beherbergen“, schrieb ein Verkaufsagent im 18. Jahrhundert. Damals war Derreen in der Gegend hier der einzige beachtliche Besitz. 1866 erbte ihn der 5. Marquis of Landsdowne, verliebte sich in den Fleck und pflanzte über 50 Jahre lang seine Arkadien. Seltene Gehölze ließ er sich aus Kew und Glasnevin, den botanischen Gärten in London und Dublin, kommen.

Er bestellte sie bei Veitch, einer der berühmtesten englischen Baumschulen des 19. Jahrhunderts, die eigene Pflanzenexpeditionen organsierte und über tausend Pflanzen in die Gärten einführte. Und bekam sie vom Earl of Dunraven, wie er ein irischer Garten - maniak. Jackie Ward erinnert sich noch an die 50er-Jahre, als hier 40 Gärtner arbeiteten. Heute gibt es außer ihm – dabei ist er längst im Ruhestand und schaut bloß noch nach dem Rechten – nur zwei, die vor allem damit beschäftigt sind, die Wege frei zu halten. Wohin sollen wir bei knapper Zeit gehen? – „Take the glade walk.“ Im feuchtwarmen Klima sind Rhododendren zu Riesenkraken ausgewachsen. Die Riesen-Lebensbäume, Thuja plicata aus Amerika, gleichen zottigen Urwelttieren. Baumfarne beschatten mit Sonnenschirmen aus imposanten Wedeln das Land. Auf dem Boden aus Nadeln und Laub läuft es sich weich wie auf Daunen. Moos bedeckt wie maßgefertigtes Strickzeug Stämme und Äste. Es riecht nach Harz, nach Humus. Man ahnt die aberhundertmillionen Lebewesen, die im Erdinneren am Wohl der Gemeinschaft über ihnen werkeln. Man fühlt sich wohl. Was kostet die Welt? Egal. Wir brauchen sie nicht mehr.

Garinish Island

Früher kahler Fels eines militärischen Vorpostens: Erst vom Festland gebrachter Humus machte Garinish Island oder Ilnacullin fruchtbar.

Alles glänzt: der Autolack, die Schilder der Pubs, die Fens - terscheiben der Hotels und die Wasserfläche, auf der das Boot schaukelt. Es bringt uns von dem malerischen Städtchen Isle of Holly nach Ilnacullin, zur Garteninsel. Zehn Minuten Fahrt, vorbei an Seerobben, die auf Felsen im Wasser gähnen. Dann landen wir in dem Privatreich des schottischen Kaufmanns und Politikers Annan Bryce. 1910 hat er die 15-Hektar-Insel vom britischen Kriegsministerium gekauft. Sie war Teil eines alten Befestigungsrings um Irlands Küste gegen die gefürchtete napoleonische Invasion. An die Stelle von Kanonen auf dem kahlen Gestein träumte sich Bryce pittoreske Baumsammlungen, breite Flaniertreppen, einen griechischen Tempel als Ausguck zum Caha-Gebirge und einen italienischen Garten als Schmuckstück in der Mitte.

Geld, das er als Eisenbahn- und Bankdirektor verdiente, machte seine Träume wahr. Bryce ließ Felsen wegsprengen, Boden vom Festland holen und Koniferen als Windbrecher pflanzen. Für die Gestaltung gewann er den hochgebildeten Harold Peto (1854–1933), einen Arts-and-Crafts-Anhänger wie die für ihre Rabatten berühmte Gertrude Jekyll, aber mit einem Hang zur florentinischen Renaissance. Peto verwirklichte für seinen Auftraggeber das Mittelmeerparadies vor der irischen Küste. Die Vegetation tat das ihre dazu. Dichtes Gehölz überzieht heute die Insel und schützt die Gärten im Inneren.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry