Mit Gemüse gestalten Küchengärten der etwas anderen Art

Vom Küchengarten auf Schloss Ippenburg bei Osnabrück stand nur noch eine Mauer. Peter Carl aus Hannover hat ihn neu entworfen. Der Landschaftsarchitekt hat eine Struktur gewählt, die garantiert, dass der Garten seine Fasson behält – auch wenn mal keiner Lust auf Brokkoli und Rote Bete hat, sondern lieber Blumen und Rasen hätscheln möchte.

Peter Carl entwirft in seinem Alltag Innenstädte, Bahnhofsvorplätze, wandelt Kasernengelände in Parks um und formt Ufergelände – fürs Wochenende hält er sich einen Schrebergarten. Vor zwölf Jahren hat sich der Landschaftsarchitekt aus Hannover als „Pflichterholung“ in der Kolonie „Immergrün“ eine Parzelle gepachtet. Sie ist etwa 350 Quadratmeter groß – inklusive Hütte und Unterstand. Da sät er im Frühjahr Rote Bete, pflanzt später Grünkohl, pflegt einen alten Apfelbaum – die Äpfel schmecken nur so lala, aber er ist vorbildlich zurechtgestutzt – und einen jungen Weinstock namens Blauer Burgunder.

Peter Carl, der nicht nur studierter Landschaftsarchitekt ist, sondern auch gelernter Gärtner, hat sich lange Kunden gewünscht, denen er Küchengärten entwerfen kann. Die Aufgabe stellte sich ihm nicht, bis im Jahr 2010 Viktoria von dem Bussche, Baronin auf Ippenburg, für die Teilnahme an der Landesgartenschau in Bad Essen den alten Potager im Park wieder hergestellt haben wollte. 3700 Quadratmeter, ein Riesenareal, vergleicht man es mit den heutigen Durchschnitts-Gärten, die ein Siebtel davon haben. Doch früher musste der große Raum die Menschen ernähren, die in einer Schlossgemeinschaft zusammenwohnten. Peter Carl begriff seine Aufgabe pädagogisch: Der Küchengarten, neben Rosengärten, Labyrinth und Staudenbeeten eigentlich ein Stiefkind der Schau, sollte die Besucher locken.

Sein Plan ist denkbar simpel, auch weil vieles gestrichen worden ist. Pergolen wären fein gewesen für Wein, Rankgerüste für Kürbisse oder Spalierobst an der alten Küchengartenmauer. Sie fielen der Kalkulation zum Opfer. Wer heute durch den Garten geht, vermisst nichts davon. So vielfältig ist die auf einem einfachen Raster aus Streifenbeeten basierende Anlage geworden. Hauptwege für Schubkarren oder kleine Traktoren, Nebenwege zwischen den schmalen Pflanzbeeten: Die Aufteilung ähnelt einem Forst, einer Idealstadt (auch New York funktioniert so) oder den Anordnungen von Dioden auf einer Platine. Für Abwechslung sorgen einige Notwendigkeiten. Etwa die sechs schmalen, beetlangen Wasserbecken. Hochge- mauert, sodass das Schöpfen leichtfällt. Für Peter Carl sind sie von zentraler Wichtigkeit. Wasser aus dem Schlauch ist viel zu kalt. Das ist der Grund, warum traditionell immer Regenwasser gesammelt wurde. Dazu kommen gepflasterte Sitzplätze, ebenfalls ins Raster eingefügt, die perfekten Orte für Feinschmecker-Picknicks. Und Hecken aus Blutbuche, die wie Riegel zwischen den Beeten stehen. Sie bieten Wind- und Sichtschutz. Die entscheidende Idee war, eine rationale Struktur einzusetzen, in der sich statt Gemüse auch Dauerkulturen (also Rhabarber, Meerrettich, langlebige Kräuter), Rasen oder Schnittblumen pflanzen lassen, ohne dass das Ganze seine Fasson verliert. „Eine gewisse Ordnung“, so Peter Carl, „kann jeden Garten beleben.“

Das Team bestand aus drei Spezialisten. Denn das Ziel für die Schau war Vielfalt. „Lange Möhren, spitze, dicke, dunkle und runde. Grünkohl in den verschiedensten Sorten und blau- blättriger Spitzkohl, alles sollte nebeneinander wachsen“, sagt Peter Carl. Die Besucher sollten kosten, erleben, was alles möglich ist, und ein unzufriedenes Gefühl mit dem Angebot in den Supermärkten entwickeln. Mit Selbstangebautem könnte man den Spaß am Gemüseessen um Etliches erhöhen. Und: Um selbst den Pak Choi, den asiatischen Senfkohl, kultivieren zu wollen, muss man erst einmal wissen, wie er auf dem Beet aussieht, wie er schmeckt.

Für die Verteilung der Gewächse auf den Beeten holte er sich Unterstützung in der Universität von Osnabrück. Dietmar Münstermann unterrichtet dort Pflanzenverwendung, und obwohl er vom Fach ist, sagt er: „Ein Bepflanzungsplanung ist immer aufwendig, aber bei Gemüse muss man sich wirklich einfuchsen. Mit Chrysanthemen und Rosen ist es einfacher.“ Eine zusätzliche Aufgabe war es, Saat von solchen Gemüsesorten zu finden, die widerstandsfähig sind und ohne Gift wachsen. Dietmar Münstermann fand sie bei zwei marktführenden Lieferanten. (Beide und weitere spezialisierte Anbieter sind im Register auf Seite 168 zu finden.)

Doch was nutzt die schönste Planerei, das theoretische Wis- sen, die ergatterte Saat ohne den Gärtner, der sie zeitgerecht heranziehen kann? Das Glück führte Peter Carl zu Friedo Nötel aus Pattensen, einen im Verein zur Erhaltung der Nutzpflan- zenvielfalt (VEN) organisierten Gärtner, wie er im Buche steht. Von April bis September säte Friedo Nötel aus, bereitete das Land vor – „da musste erst mal Stickstoff rein“ –, trieb die Pflanzen mit zusätzlichem Dünger an, schneller zu gedeihen, falls es nötig war.

Die Gemüsepflanzen im französischen Jardin Potager sind nach ästhetischen Gesichtspunkten angeordnet. Sie ergeben ein Muster. Damit es bleibt, wird kaum geerntet. Für den größeren Effekt kommen Zierpflanzen hinzu. Ein traditioneller Küchengarten dagegen, der vornehmlich für den Nutzen unterhalten wird, „sieht nach der Ernte ziemlich abgewrackt aus“, so Dietmar Münstermann. Für Ippenburg hat er deshalb den Mittelweg gewählt, den er schon aus dem Garten seiner Mutter kennt: „Bei ihr wuchsen neben dem Gemüse Cosmeen, Jungfer im Grünen und massenweise Jelängerjelieber.“ Nichts war bei ihr nach Farben sortiert, das machte man im klassischen Bauerngarten nicht, „der war bunt“. Ihre Blumen waren dafür da, dem Garten zwischen den Ernten immer wieder ein anderes schönes Bild zu geben. Genutzt werden solche, die entweder wie Dahlie und Gladiole zum klassischen Bauerngarten gehören. Die wie Tagetes oder Ringelblumen die Gesundheit der Gemüse fördern. Oder die essbare Blüten haben, dazu gehören Kapuzinerkresse und Hemerocallis. Die Taglilien schmecken zum Beispiel nussig.

Das Gemüse wird nach den Regeln des biologischen Gärtnerns angeordnet – dem Fruchtwechsel. Stark-, Mittel- und Schwachzehrer müssen in einem bestimmten Turnus ihren Platz wechseln. Starkzehrer (Kartoffeln, Kohl), dürfen nur alle vier Jahre an denselben Ort gesetzt werden, Mittelzehrer (Zwiebeln) nur alle zwei Jahre, und die Schwachzehrer (Bohnen, Erbsen) kommen dorthin, wo vorher ein Starkzehrer wuchs. Das ist trickreich und führt mitunter zur Verzettelung. Tatsächlich tolerieren die Pflanzen – je nach Boden – meist mehr als die Gebote vorgeben.

Dietmar Münstermann durchbricht die Regeln wissentlich, denn ihm geht es auch ums Pittoreske. Er nutzt die grafische Wirkung von Porree und Artischocken ebenso wie die koloristischen Werte von speziellen Rote-Bete-Sorten und buntstieligem Mangold. Damit der Garten nicht wie ein zweidimensionaler Teppich aussieht, sorgt er für Höhe: Stangenbohnen mit ihren Klettergerüsten sind dafür gut, auch die hochwachsen- den Artischocken, die man wie Sonnenblumen als Rankhilfen für Wicken nutzen kann.

Peter Carl hat es im Mai dieses Jahres erst fünfmal auf seine Parzelle geschafft. „So ein Küchengarten“, sagt er, „ist, wenn er verlottert, eine ständige Ermahnung.“ Er macht viel Arbeit. Anders als die Kisten, die die Verfechter des Urban Gardening in Tempelhof und anderswo bepflanzen. Davon hält Peter Carl wenig: „Keine Pflanze will in einer Kiste wachsen, und wenn, dann nur aus einer Notwendigkeit.“ Etwa, wenn der Boden kontaminiert ist, so wie auf dem Berliner Flugfeld. Für ihn ist diese Art der Gärtnerei etwas für Menschen, die keine Verantwortung für einen Garten übernehmen wollen. Kaum größer als einen Quadratmeter, kippt man die Kiste, wenn man keine Lust mehr hat, einfach um und stapelt sie. Fertig.

Andersherum ist der Küchengarten, der nach beständiger Pflege ruft, das perfekte Terrain für Menschen, die gern hacken, kratzen, jäten und wässern – lauter Tun, mit dem man sich bei Gehölzen und Stauden öfter mal bedächtig zurückhalten sollte. Und wohin mit den ganzen Beeren, Rüben und Kräutern von dreieinhalb Hektar Gemüseland? Viktoria von dem Bussche hat das auf Ippenburg geschickt gelöst. Thomas Bühner, ein Spitzenkoch aus dem benachbarten Osnabrück, nutzt ihren Garten: Stoff für eine neue Geschichte.

 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Regina Recht