Wald- und Wiesenkunst Kunstpark im Val di Sella

Im Val di Sella, dem Dolomitental zwischen Trient und Venedig, prägen Skulpturen die Landschaft. Seit 20 Jahren findet hier die Nature-Art-Biennale Arte Sella statt. Die Künstler überlassen ihre Objekte im Kunstpark jeweils den Elementen – ob die Kathedrale aus Zweigen oder die räudigen Wölfe aus Wolle.

Ein Windstoß wirbelt Laub im Kunstpark im Val di Sella auf. Dichter Nebel hängt an den Steilwänden der Lagorai-Gruppe, dem südlichen Ausläufer der Dolomiten. Im gedämpften Licht sind die Bäume, Felsbrocken und Wege nur schemenhaft zu erkennen. Geräusche hört der Spaziergänger wie durch eine Wand aus Watte. Dann stockt ihm der Atem. Auf dem Grat einer mit knorrigen Wurzeln zerfurchten Anhöhe tauchen drei Wölfe auf. Dürre, abgemagerte Gestalten. Der Nachzügler der kleinen Gruppe schleppt sich mit gebrochenem Rückgrat und lahmen Hinterläufen voran.

„Wolves“ heißt die mehrteilige Skulptur der Britin Sally Matthews aus dem Jahr 2002. Sie gehört zu 38 Werken, die im Kunstpark im Val di Sella zu sehen sind. Das kleine Seitental liegt südlich der viel befahrenen Valsugana, die Trient mit Venedig verbindet. Nur wenige Touristen verirren sich bisher in die Region, in der es eine ungewöhnliche Kunstattraktion gibt: die internationale Biennale der Naturkunst Arte Sella. Seit 1986 zeigen Künstler aus aller Welt entlang dem etwa drei Kilometer langen Forstweg Werke, die sie an Ort und Stelle hergestellt haben. Die oft archaisch wirkenden Arbeiten aus Holz, Wolle, Fels, Papier, Draht oder Zement sind darauf angelegt, von der Natur erobert zu werden. Zerfall und Wandel sind eingeplant. Nature-Art ist eine junge Variante der Land-Art, die durch die Amerikaner Michael Heizer, Richard Long, Walter de Maria und Robert Smithson gegen Ende der 60er-Jahre berühmt geworden ist.

Die ersten Künstler trafen sich in den frühen 80er-Jahren im Kunstpark Val di Sella zur Sommerfrische. Unter ihnen die Philosophin Charlotte Strobele, der Bildhauer Emanuele Montibeller und der Architekt und Maler Enrico Ferrari. Von Spaziergängen brachten sie Steine, Zapfen, Wurzeln, Äste und Reste landwirtschaftlicher Geräte mit, aus denen sie Phantasieobjekte bauten. Als sich von Jahr zu Jahr mehr Künstler einfanden, entstand 1986 die Idee, aus dem privaten Treffen ein Kunstfestival zu machen. Bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer stießen die Initiatoren anfangs auf großes Misstrauen. „Viele sahen in uns Verrückte“, sagt Laura Tomaselli. Die Grundschullehrerin ist Co-Organisatorin der Biennale. „Aber inzwischen sagen viele, dass die Kunst ihnen die Augen für die Schönheit der Natur öffnet.“ Sie weist auf die hügeligen Wälder und die Wiesen, die wie Teppiche vor ihnen ausgebreitet sind: Im Herbst blühen auf ihnen abertausende von mauvefarbenen Safran-Krokussen.

Seite 1 : Kunstpark im Val di Sella
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Autor:
Manuela van Rossem
Fotograf:
Ute Schuckmann