Wald- und Wiesenkunst Natur bestimmt den Fortschritt

Skulptur „Come un alveare, come un uovo?“

„Come un alveare, come un uovo?“, fragt der amerikanische Künstler Steven Siegel: „Wie ein Bienenhaus, wie ein Ei?“ Das acht Meter hohe Gebilde hat er im Jahr 2002 aus Zeitungsremittenden errichtet. Einige der Schlagzeilen seines Recyclingwerks sind bis heute lesbar.

Eine der auffälligsten Skulpturen ist ein über acht Meter hohes Ei, das am Hang klebt. Auf über Kreuz gelegten Ästen steht eine Stützkonstruktion aus Dachlatten. Der New Yorker Künstler Steven Siegel hat sie mit gut 40 Zentner Remittenden einer Lokalzeitung ummantelt. Sie werden als Humus wieder ein Teil des Waldes, aus dem einst das Holz für ihr Papier gewonnen wurde. Das Objekt entstand 2002, noch sind die meisten Schlagzeilen lesbar. In einer lang gezogenen Kurve, oben auf der Böschung, lauern Dutzende einbeinige, etwa ein Meter große Gestalten. Der belgische Bildhauer Bob Verschueren hat sie aus runden Holzscheiben und Ästen montiert. „Sections de Troncs d’Épicéas“, „Abschnitte von Fichtenstämmen“, nennt er die Installation. Wie neugierige Beobachter aus einer fremden Welt neigen sie sich den Besuchern der Arte Sella entgegen – und jagen so manchem von ihnen einen Schauer über den Rücken.

Immer wieder entstehen zwischen Künstlern und einheimischen Helfern enge Freundschaften, wie zwischen dem Österreicher Armin Schubert und Renzo Brandalise. Über drei Wochen lang haben die beiden im vergangenen Sommer Robinienäste zu zwei verschieden großen Viertelkugeln aufgeschichtet. Daraus entstand „Nucleus“, eine übermannshohe, begehbare Skulptur. „Wir haben uns nur mühsam mit Händen und Füßen verständigt“, erzählt Renzo Brandalise, „heute schreiben wir uns regelmäßig. Freunde und ein Wörterbuch helfen beim Übersetzen.“ Auf einer Lichtung wachsen achtzig aus Haselzweigen geflochtene Säulen aus dem Boden. Sie sind zwölf Meter hoch und bilden eine Kathedrale mit drei Schiffen nach. Die Säulen sind nach oben offen. Jede beschützt eine junge Buche vor Wildbiss und zwingt sie so auch, gerade in die Höhe zu wachsen. Die kunstvollen Flechtkonstruktionen verwittern. Am Ende formen die Buchen die Kathedrale. „Mir wird es wie den Baumeistern in der Gotik gehen. Auch sie konnten ihre Kirchen nie vollendet sehen, weil sich die Arbeit über viele Jahrhunderte hinzog“, erklärt der 66 Jahre alte Giuliano Mauri, der diese „Cattedrale Vegetale“ 2002 errichtet hat. „Allerdings bestimmt bei meinem Werk nicht der Mensch, sondern allein die Natur den Fortschritt.“

Seite 2 : Natur bestimmt den Fortschritt
Schlagworte:
Autor:
Manuela van Rossem
Fotograf:
Ute Schuckmann