Geometrie des Wachstums Park Des Château De Marqueyssac

Kugeln, amorphe Formen und Kuben drängeln sich im Park Des Château De Marqueyssac im Périgord. Als hätte die Geschichte Sinn für Humor, verdankt das Meisterwerk der Buchsbaumschneiderei seine Wiederaufstehung einem Enkel von Marius Rossillon, dem Erfinder des Michelin-Männchens.

Wesen mit struppigem grünem Pelz drängeln sich nebeneinander, es scheint Tausende von ihnen zu geben. Sie sehen wie gigantische Amöben aus. Die meisten kauern mit runden Rücken auf dem Boden. Einige Exemplare balancieren ihre Kugelkörper auf einem Bein, als wollten sie Ausschau halten, und recken sich über die Herde. Sie bevölkert ein Hochplateau beim Städtchen Vézac in der Provinz Périgord im Südwesten Frankreichs. Gut 130 Meter hoch ragen hier Wände aus Kalkstein über der Dordogne empor, so steil, dass Besucher das Gefühl haben, über dem Fluss zu schweben. Mehr als 195 000 spazierten im Vorjahr durch „die Hängenden Gärten“, wie der Park von Château de Marqueyssac auch heißt. Beinahe wäre er in Vergessenheit geraten.

„Bis Mitte der 1990er-Jahre war hier eine Wildnis“, erzählt Kléber Rossillon, ein großer, schlanker Mann. Er trägt eine feine Brille und sein graues Haar elegant geschnitten; er ist Unternehmer, Ende 50, einer der Erben der Schlumberger-Familie. Seine Firma restauriert und betreibt Kulturdenkmäler in ganz Frankreich. Damals hat sie das 22 Hektar große Anwesen übernommen, kaum fünf Kilometer von Rossillons Heimatstadt Beynac entfernt. Von dem zweigeschossigen, schmucklosen Haupthaus mit dem Rundturm blätterte der Putz, das mit Naturstein gedeckte Walmdach war marode, einige Nebengebäude nur mehr Ruinen. „Ich kenne und liebe das Château de Marqueyssac seit meiner Kindheit“, sagt er, und auch, dass bei der Entscheidung für eine Übernahme und eine Sanierung neben Geschäftssinn auch Heimatgefühle im Spiel gewesen seien.

Sechs Kilometer lang winden sich Pfade durch den Garten, den meist besichtigten der Region. Beim Spaziergang streichelt und tätschelt Kléber Rossillon, wie die meisten Gäste, immer wieder die grünen Alien-Gestalten am Wegrand. Wie Igel hocken die kleinsten von ihnen im Rasen, im Schatten von Artgenossen in Schaf-, Grizzly- und Elefantengröße. Sie bestehen aus mehr als 150 000 gut 100 Jahre alten Buchsen. „Bis zu zehn Meter wucherten die ehemaligen Skulpturen in die Höhe“, sagt er. 60 Subunternehmer waren ein Jahr lang bis zur Eröffnung 1996 mit dem Kultivieren des Parks beschäftigt. Während der ersten Woche bahnten sich Arbeiter mit Motorsägen Schneisen. Oft hat der Gartenliebhaber mitgeholfen: „Wir haben als Erstes fast alle Buchse auf Kniehöhe gestutzt. Seither kommen bei ihnen, bis heute, ausschließlich altmodische Scheren zum Einsatz.“

Auf Leitern und, an den steilsten Hängen, angeseilt wie Bergsteiger, trimmen fünf angestellte Gärtner drei- bis viermal pro Jahr zwischen Frühjahr und Spätsommer die Gehölze. 31 Hilfskräfte unterstützen sie bei groben Arbeiten. „Wir haben jahrelange Erfahrung und viel Übung mit Formschnitten; es kommt nicht vor, dass sie uns misslingen. Auch Schablonen benutzen wir kaum“, sagt Jean Lemoussu, Chefgärtner auf Château de Marqueyssac. Schnitt und Laub bleiben liegen. Auch Blätter, die von den Wegen geharkt werden, landen unter den Gehölzen. Die Erde ist gesund, sie braucht kaum Dünger. Ein Problem dagegen sind Pilzerkrankungen wie die „Buchs-Pest“, die jedes Jahr aggressiver wüten. „Mit sanften Methoden ist ihnen nicht beizukommen. Im vergangenen Jahr haben wir 3000 Liter Fungizide versprüht.“ Das Gestaltungsprinzip bei den Topiaries lautet: Der Schnitt folgt dem Wuchs. „Die Pflanzen geben dadurch vor, ob Hecken, Bögen, Kugeln oder andere Formen entstehen. Im Grunde lenkt die Natur die Entwürfe. Wir haben nur gelernt, ihre Absichten zu verstehen und verwirklichen sie lediglich“, sagt Jean Lemoussu. Eine Ausnahme bilden Dutzende, teilweise schulterhohe Kuben, die eine Böschung hinunterzuschlittern scheinen. Sie kippeln, stellen sich quer und verkeilen sich ineinander. „Die Idee dazu kam mir beim Frühstück, als ich mit Zuckerwürfeln spielte“, erzählt Kléber Rossillon über den einzigen eigenen Einfall, den er im Park verwirklicht hat. „Wir sind den Plänen aus dem 19. Jahrhundert weitgehend gefolgt, haben jedoch auch Raum für zeitgenössische Phantasien und Innovationen geschaffen.“ Dazu zählen zwei Miniatur-Niagara-Fälle, die von dem Drainagesystem gespeist werden. Regenwasser, das auf dem undurchlässigen Boden kaum versickern kann, stürzt sich jetzt fotogen in zwei Teiche. Es gibt Picknickstellen, Pavillons, Sonnenterrassen, einen Kinderspielplatz, einen Kletterparcours, zwei Freilichtbühnen und die Panoramaplattform an der Nordspitze, das „Belvédère“.

Die „schöne Aussicht“ hatte einst auch einen Berater von Louis XIV. begeistert: Bertrand Vernet de Marqueyssac. Er ließ sich das Landschlösschen Ende des 17. Jahrhunderts erbauen. Vorbild für seinen Park war Versailles. Der bis heute gefeierte Gartenarchitekt des Sonnenkönigs, André Le Nôtre, schickte nicht nur Pläne, sondern auch einen seiner begabten Schüler, Porcher, um die Arbeiten zu beaufsichtigen. So entstand ein typischer Barockgarten mit Blickachsen, Räumen und perspektivischen Überraschungen. Er galt als einer der prächtigsten in Südfrankreich. 1860 übernahm ein neuer Besitzer das Château. Der ehrgeizige Julien de Cervel machte es sich zur Lebensaufgabe, den Park „zu verbessern“.

Er hatte als Soldat in Italien Verdienste erworben und eine Passion für das Land entwickelt. Zurück in der Heimat, pflanzte er auf seinem Schloss einen Schutzwall gegen die Sehnsucht. Er besteht noch heute aus Zypressen, Akazien, Pinien, Wacholder, Palmen und anderen mediterranen Gewächsen. Gemeinsam mit Eichen, Buchen und Ahorn gedeiht ein Wald, in dem verschlungene Wege zu rustikalen, einsamen Hütten führen. Zehntausende Buchse ließ Julien de Cervel auf Lichtungen und in Parterres im Wald setzen und zu Skulpturen in seinem Märchenreich formen.

Es wuchs und blühte bis zum ersten Weltkrieg. Danach verfielen Schloss und Garten, bis Kléber Rossillon sie neu erfand. Seit 2004 ist der Park mit dem Ehrentitel „Jardin remarquable“ (bemerkenswerter Garten) ausgezeichnet, verliehen vom Ministerium für Kultur und Kommunikation, darüber hinaus gehört Marqueyssac zur EBTS, der European Boxwood and Topiary Society, eine Förderin der Formschnittkunst, die bereits bei den Pharaonen populär war. In ägyptischen Grabmalereien sind dressierte Gehölze dargestellt, ebenso später in römischen Fresken. Plinius der Ältere, ein römischer Gelehrter und Offizier, hat seine Weingärten mit beschnittenen Zypressen umrandet. „Manche werden kunstvoll zu Jagdszenen, Schiffsflotten und Nachbildungen anderer Gegenstände geschnitten“, schrieb er im Jahr 70 nach Christus.

Die Topiaries von Marqueyssac bleiben abstrakt. Kléber Rossillon sagt: „Mir gefallen die geometrischen Figuren am besten, die mit natürlichen Formen kontrastieren, etwa den spitzen Blättern der Palmen und knorrigen Baumriesen.“ Was den Park betrifft, ist der Unternehmer ein Grüner. Die Farbe changiert das ganze Jahr über in den schönsten Nuancen. Nur vereinzelt blüht es im Unterholz, und im Herbst glüht das Laub. Kléber Rossillon ist übrigens der Enkel des Illustrators Marius Rossillon, der das Michelin-Männchen erfand. Bisher hat der Schlossherr der rundlichen Ikone seines Großvaters kein Denkmal gesetzt. Vielleicht bietet demnächst ein Buchs die Idee an. marqueyssac.com, ganzjährig geöffnet.

 

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Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Angela Franke