Wildnis mit Vergangenheit Verwunschene Parks

Oisu
Baum in Oisu

Zum Umfallen müde – nach zweihundert Jahren geht auch die Zeit eines Lebensbaumes zu Ende. Das symbolische Gehölz wurde mit Arnold Böcklins Bildern im 19. Jahrhundert populär und ist in vielen estnischen Landschaftsparks zu finden. In Oisu stehen die Bäume nahe beim dunkelrot gestrichenen Haus.

Aprikosen und Amarant sind verschwunden. Doch nicht nur Bäume können mehrere hundert Jahre alt werden. Auch einige der kleinen Pflanzen haben sich, Zwiebel um Zwiebel, Generation auf Generation, heimisch gemacht. In dem verwunschenen Park von Oisu zum Beispiel mit seinen Terrassen und den Treppen, die von ungezählten Schritten abgewetzt wurden, blühen im Juni, dem späten estnischen Frühjahr, Buschwindröschen, Vergissmeinnicht und Tulpen – keine prächtigen Keukenhof-Züchtungen, sondern kleine gelbe Tulipa silvestris, die, wie die Vergissmeinnicht, ein Gärtner vielleicht vor 150 Jahren gepflanzt hat, vielleicht derselbe, der das Rasenparterre angelegt hat, ein aus Gras- und Kiesflächen auf den Boden geschneidertes Muster. Das Gartenkunststück lebt noch, weil es von den Hausmeistern der landwirtschaftlichen Schule gepflegt wird, die hier einquartiert wurde. Das Rasenparterre ist nicht so prächtig wie das im Dresdner Zwinger, doch weitab von höfischer Architektur wirkt es umso bezaubernder.

Rund 1150 Güter wurden 1914 gezählt. Gut vierhundert Güter gibt es noch. Hundert davon haben staatliche Denkmalpfleger und auch einige Privatleute gesäubert, durchgeholzt und restauriert. Am konsequentesten in Palmse: ein Anwesen mit einem Schlösschen, dessen Gartenseite von einer Freitreppe geschmückt ist, die an Konditorformen für runde Petits Fours erinnert. Im Park stehen wohl ein Dutzend Pavillons, die, wie im idealen Landschaftspark, mit Wegen oder Blickachsen in Beziehung gebracht sind. Es gibt eine wie durch ein Wunder erhaltene alte Orangerie und das Teehaus, in dem die Gutsbesitzerfamilie von der Pahlen Gäste empfing, die für das Haupthaus nicht vornehm genug waren. Palmse wurde von den Gartendenkmalpflegern auf den historischen Zustand von 1753 festgebannt und ist eine Touristenattraktion mit Shop, Café, geharkten Wegen und einem Hotel: fraglos wunderschön – und trotzdem nicht so faszinierend wie Luke, der eigentümlichste Park Estlands. In Luke haben die Gartendenkmalpfleger die Verwilderung teilweise genutzt. So gibt es noch den barocken „Quinconce“, den auf Schachspielart gepflanzten, hallenartig wirkenden Lustwald. Und auch das alte Labyrinth lebt noch. Doch nach fast sieben Jahrzehnten ohne Aufsicht haben sich die früher zu grünen Wänden dressierten Linden in Ballerinen verwandelt, die sich nach links und rechts recken, um möglichst viel Licht zu erhaschen. Nur die Wurzeln und die unteren Teile der Stämme stehen fest dort, wo Gärtner sie vor gut zweihundert Jahren gepflanzt haben. Keine Kunst hat den tanzenden Wald erschaffen, aber auch die Natur allein konnte ihn nicht hervorbringen.

Wie die schönsten Parks haben die Esten ihre ältesten Bäume unter Denkmalschutz gestellt. Sie haben ihnen sogar Namen gegeben, sie Ruuga, Koori oder Lauri genannt, eine Eiche mit einem Leibesumfang von acht Metern. Auch in den Familiennamen der Esten spiegelt sich Naturliebe, viele heißen Roos, Rose oder Mets, Wald und Aas wie Wiese. Da scheint es natürlich, dass in Estland die bei uns seit Jahren rar gewordenen Störche allerorten durchs hohe Gras staksen – dabei immer auf Distanz bedacht, eine Eigentümlichkeit, die man auch den Esten nachsagt. In den Wiesen blühen die bei uns von Pestiziden an die Wegesränder gedrängten Margariten und Kornblumen. Und der Himmel über der ganzen Pracht scheint blauer als in jedem deutschen Heimatfilm der Fünfzigerjahre.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Aernout Overbeeke