Polens schönste Parks & Gärten Landschaftspark Arkadia

Flieder, wenn auch staksig, duftet ebenso in Nieborow in Arkadia, eine Autostunde südwestlich von Warschau, wo Direktor Stefan Gorski hundert Leute beschäftigt.

Ruine im Park Arkadia

Ruinen im Park ARKADIA, das Reich der polnischen Prinzessin Helena Radziwill, ein Schatzhaus im Grünen, gefüllt mit architektonischen Souvenirs aus Antike und Gotik.

Die ehemalige Residenz des Radziwill-Clans ist heute Museum und Studienheim für Kulturschaffende. Alljährlich treffen sich hier verdiente alte Damen. Sie speisen unter Decken, die Stuckateure für die Radziwills mit gipsernen Blättchen belegten, schlafen in Zimmern hinter den Museumskordeln, Räume, die einst für die Dienerschaft der prinzlichen Gäste bestimmt waren. Zu Nieborow gehört Arkadia. 21 von Stefan Gorskis 100 Leuten bewachen dort als schwarz gekleidete Wächter zu Fuß oder auf dem Fahrrad die Reste eines Parks, der früher einmal zu den Höhepunkten einer europäischen Gartenreise gehörte.

Die Straße von Warschau nach Arkadia führt durch kein schönes Land. Es ist flach. Nirgends steht ein altes Haus. Dafür sind Einfamilienhäuser in Bungalowformat wie Strohballen auf einem Feld über das Land gestreut, gebaut mit Riesensteinen, aus Gasbeton oder Poroton. Noch unverputzt sind sie schon bewohnt. Lkws ziehen wie Kamele einer lang gezogenen Karawane über Land. Arkadia liegt an einer ihrer Routen. Man sieht ihre hohen Planen durch die Bäume und hört sie noch neben dem Heiligtum der Hohepriesterin.

In diesem Landstrich gibt es keinen glitzernden Strom wie in Wörlitz bei Dessau, keine idyllische Schlucht wie in Seifersdorf bei Dresden, nichts von dem, was andernorts den Anlass bot, einen Garten zu bauen. Nichts außer dem 1774 von den Radziwills erworbenen Schloss Nieborow in der Nachbarschaft und dem unbändigen Willen einer unermesslich reichen Prinzessin.

Helena Radziwill war 25 Jahre alt, als sie 1778 mit ihrer Parkarbeit begann. Sie ließ die Lupia aufstauen, einen See ausheben, Bäume herbeischaffen und Parkstaffagen bauen. Vierzig Jahre hat sie an ihrer Welt gebaut, nicht nachgegeben und ist dabei nie fertig geworden. Durch ein Netz von Handelsagenten, das sich über ganz Europa erstreckte und dem polnischen Hochadel Luxusartikel aus dem Ausland lieferte, beschaffte sie sich Architekturfragmente, kaufte Teile von Sammlungen wie der des 1798 gestorbenen Königs Stanislaw August Poniatowski. Gierig folgte sie allen Moden in der Parkdekoration, immer besessener, je mehr die großmächtigen Nachbarn von ihrem Vaterland verschluckten.

Sie errichtete einen Tempel, ein gotisches Haus und ein Haus des Markgrafen, eine römische Reitbahn, ein gläsernes Zelt des Ritters, eine Schweizer Hütte und eine pappelumsäumte Rousseau-Insel: Gartenstaffagen, die wie Oblaten in einem Poesiealbum in den Landschaftsparks der Zeit wiederkehren.

Sie sind die äußeren Abzeichen eines empfindsamen, über Ländergrenzen reichenden Freundschaftskults. Auch das Fürstenpaar von Anhalt-Dessau in Wörlitz, Tina und Moritz von Brühl in Seifersdorf, Sachsen, sowie Friedrich von Schönburg im Park Greenfield im ebenfalls sächsischen Waldenburg hatten ihre Rousseau-Insel. Obwohl Hunderte Kilometer entfernt, konnten diese Geistesverwandten so ihre Gedanken im Park gemeinsam auf den verehrten Philosophen richten. Der hatte nicht nur das Motto „Zurück zur Natur“ ausgegeben, sondern auch eine „Botanik für gelehrte Frauenzimmer“ in Form von Lehrbriefen geschrieben. Aber die polnische Prinzessin war weniger an Blumen und Bäumen interessiert als an einer Dekoration der Landschaft mit phantastischen Bauwerken.

Heiligtum der Hohepriesterin

Heiligtum der Hohepriesterin in Arkadia

Arkadia, 16,6 Hektar groß, liegt eine Autostunde entfernt im Südwesten von Warschau. Helena Radziwill (1753–1821) baute den sentimentalen Landschaftspark 1778 bis 1821 dicht bei der Familienresidenz Nieborow ohne Schloss oder Landhaus, dafür mit etlichen Parkbauten. Zu ihnen gehört das Heiligtum der Hohepriesterin. Etliche der ursprünglich vorhandenen Architekturen ließ Helenas Nachfahre Zygmunt Radziwill Mitte des 19. Jahrhunderts abtragen und verkaufen.

Das Merkwürdigste von allen und eines der seltsamsten unter den Parkstaffagen in ganz Europa ist das von ihr sogenannte Heiligtum der Hohepriesterin. Verquer wie eine von dem italienischen Bühnenbildner und Kupferstecher Giambattista Piranesi gezeichnete Architekturphantasie hat es keine ersichtliche Logik. Durchgänge, Fenster, Nischen, Höfe, Giebel und eine Säulenpergola scheinen beliebig wie von einem Riesenkind aneinandergefügt zu sein. Das Mauerwerk besteht aus einem Mix von Ziegeln, Eisenstein, antiken Baufragmenten, eingesetzten Masken und Reliefs.

Bis heute gibt das Heiligtum der Hohepriesterin den Forschern Rätsel auf. Wer hat es entworfen? Was bedeutet es? Die Prinzessin war Mitglied in mehreren Freimaurerlogen, Verbindungen, die sich auf alte Steinmetzzünfte zurückführen. Hat sie das Bauen als Lebensziel vielleicht nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch wörtlich genommen?

Etwas von der Melancholie der Prinzessin ohne Vaterland haftet bis heute an ihrem Arkadia. „L’esperance nourrit une chimère et la vie sécoule“ – „Die Hoffnung nährt eine Chimäre, während das Leben zerrinnt“ steht als Inschrift an einem Parkgebäude. Doch bevor der Besucher zu grübeln anfängt, rauscht draußen ein Lkw vorbei. Zwei Straßenkreuzungen weiter rasseln die Schranken einer kleinen Bahnstation herunter, für den Schnellzug Berlin–Warschau. Arkadia ist laut geworden.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robert Fischer