Everybody´s Darling Höhepunkt der Dahlien-Saison

Dahlie ‚Mambo‘
Dahlie Mambo
Zur Dahlienzeit von Ende Juli bis Anfang Oktober geht es an den Wochenenden im Hamburger Volkspark zu wie auf dem „Dom“. 12 000 Besucher pro Tag: Für Chefgärtner Rolf Hofmann, einen drahtigen Marathonläufer-Typ, ist der Rummel eine Wonne. Er hat dem Ruhm der Dahlie sein Leben verschrieben. 100 Stunden pro Woche putzt er Verblühtes aus, düngt mit getrocknetem Rindermist und Hornspänen, bekämpft Schnecken mit Schneckenkorn und Läuse mit grüner Seife, wässert und bindet hoch. Von Feierabend bis Mitternacht sitzt er am Computer und beantwortet „Dahlienfragen“ oder organisiert Kurse, in denen bis zum Stecklingmachen die komplette Dahliengärtnerei gelehrt wird. Höhepunkt der Saison ist für Hofmann die Dahlien-Weltpremiere mit einem Prominenten. Jan Ullrich, Heidi Kabel, Steffi Graf und Loki Schmidt hatte er schon da. Jetzt träumt er von Michael Schumacher, der in seinem Ferrari zur Taufe einer feuerroten Ball- Dahlie vorfährt. „Dafür würde ich glatt die Gartenwege eben hobeln lassen“, sagt Dahlien-Hofmann.

In der Lüneburger Vorstadt, zwischen den Rosen ‚Schneewittchen‘ und ,Märchenland‘, am anderen Ende des Bungalowgartens von Michael Otto blühen unterdessen acht ausgesuchte Dahlien in einer „Isolierpopulation“ um die Wette. Rosen, Rasen und Rabatten trennen sie von den übrigen Dahlien. Bestäubende Bienen, Hummeln und Schmetterlinge fliegen nicht zu ihnen herüber. „Wahrscheinlich“, schränkt der Züchter ein. Dieses Jahr konzentriert er sich auf die Blüten einiger Mosaiktypen, fröhlich getupfte dreifarbige Blumen, die ihre Farbmuster aus zwei Gewebeschichten zusammensetzen. Michael Otto will die Kontraste verbessern. Außerdem hapert es mit der Aufhängung. „Manche Blüten wackeln auf den Stängeln.“ Aus der bis zum Oktober gewonnenen Saat wird er 1100 Sämlinge ziehen. Nur knapp 100 von ihnen entgehen im ersten Jahr dem Kompost, im zweiten Jahr bleiben dann noch zehn übrig.

Michael Otto hat hart gearbeitet, um es der mexikanischen Blume in Lüneburg behaglich zu machen. „Der Sandboden war zu leicht, Dahlien sind Starkzehrer, außerdem brauchen sie Feuchtigkeit.“ Von den Straßenbaustellen der Umgebung hat er über vier Jahrzehnte Lehm – „das Betriebskapital“ – herbeigekarrt und ihn, wenn er vom Frost mürbe gefroren ist, zusammen mit Gartenkompost in die kargen Beete eingearbeitet. „Wenn ich 100 Jahre weitermache, habe ich so fruchtbare Erde wie in der Magdeburger Börde.“ Die Bewässerungsanlage für das zu trockene Land hat der Professor selbst ausgetüftelt – mit Dreiviertel-Zoll-Schläuchen für den höheren Wasserdruck und eine größere Reichweite der Sprenger. Er hat die Beete in dem abschüssigen Gelände mit der Schlauchwaage als Nivelliergerät so terrassiert, dass sie drei Prozent Gegengefälle haben: „Damit auch bei Sturzregen nichts von dem Humus und Lehm weggeschwemmt wird.“ Die ausdauernde Knochenarbeit trug medienwirksame Früchte.

Immer noch mit Staunen erinnert sich Michael Otto an den Tag, als „acht Fernsehkameras, 20 Journalisten von Radiostationen und 40 Zeitschriftenredakteure“ um ihn herum standen. Eine seiner Dahlien feierte bei Rolf Hofmann im Hamburger Volkspark Weltpremiere. Taufpatin und Namensgeberin war Loki Schmidt. „Sie bestand auf einer naturähnlichen Blüte. Da kam ja nur eine von mir in Frage“, sagt der Züchter mit Zufriedenheit. Noch ein paar Jahre nach dem Festakt haben er und seine Frau Elisabeth der Liebhaberin von Wildblumen jedes Frühjahr Knollen ihres Täuflings geschickt. Die Pflanzen haben nicht überdauert. Zum Dahliengärtner muss man vielleicht doch geboren sein.

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Seite 2 : Höhepunkt der Dahlien-Saison
Schlagworte:
Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry