Glockenspiel Glockenblumen - Familie der Campanula

Zart oder herb, zwergenklein oder riesengroß: Die Familie der Campanula ist vielseitig und bunt, und man kann sie eigentlich nur lieben. Aber warum kaufen fast nur Frauen Glockenblumen? Ein Fall für Pflanzenpsychologen.

Es gibt nichts Zarteres, Unschuldigeres, Verträumteres als Glockenblumen. Kinder wissen das, Mütter wissen das, manche Männer auch. Die großen Künstler der Vergangenheit aber müssen es übersehen haben, auch wenn sie gern Blumen zum Motiv wählten. Van Dyck malte sich mit der Sonnenblume, Dürer mit einer Distel. Spitzweg erfand den Kaktusfreund. Und sogar der große Romantiker Runge, der so schön sagte, wir müssten wieder wie Kinder werden, porträtierte lieber die Amaryllis. Von der Glockenblume fabrizierte er Scherenschnitte, zierliche Silhouetten, hübsches Spielzeug zwar, aber nichts Repräsentatives.

Was ist der Grund für diese Missachtung? Woran mag es liegen, dass gewiefte Gärtnerinnen wie Anja Maubach sogar über Katzenminze mit mehr Gefühl sprechen als über die Glockenblumen? Weil Katzenminze Gertrud Jekylls Wappenblume ist, antworten die Kenner. Hätte diese englische Supergärtnerin statt Katzenminze Glockenblumen geliebt, wer weiß? Solche Vermutungen führen auf Abwege. Natürlich hatte Gertrud Jekyll einen triftigen Grund. Das Blau der Glockenblume stimmt nicht. Es passt in keine blaue Rabatte. Zu viel Rot macht es weich und weiblich, angenehm für alle anderen Farben, außer Blau – jene Farbe, die den Menschen, so Kandinsky, in die Unendlichkeit rufe.

Die Glockenblume mit ihrer unreinen Farbe ist deshalb, psychologisch betrachtet, nichts für Sucher von absoluten Wahrheiten. Trotzdem findet man in einer Gruppe von Pflanzenfreunden ausgefuchste Glockenblumensammler. Steingartler halten sich einen Schatz verschiedenster Campanula. Da diese Gartenalpinisten jedoch genauso wie die Kletteralpinisten von sportlichem Ehrgeiz getrieben werden, sind sie nur glücklich, wenn die Pflanzen heikel und die Böden, die sie brauchen, extrem sind. Ihnen reichen Garantieblüher wie Campanula poscharskyana nicht. Lieber schleppen sie Stein um Stein ins heimatliche Miniaturgebirge, errichten neben zwergigen Kalkschutthalden für Campanula zoysii auch noch Tuffsteinhügelchen für Campanula morettiana oder eine Felsenspitze für Campanula collina, die fest auf ihren 15 Zentimeter hohen Stängeln steht und bei Wind siegesgewiss die Glöckchen wie Wimpel wehen lässt.

Von ganz anderem Naturell als solche Raritäten sind die Glockenblumen, die sich die holländischen Feingärtner ausgesucht haben. Ihre Rabatten sollen natürlich und eher wild aussehen. Den dafür nötigen ruppigen Charme besitzt die gelb blühende Campanula thyrsoides, bei der die Blüten in staunenswerten dicken Walzen um den Stängel geordnet sind. Auch die schlaksige Campanula x burghaltii, die der Niederländer Piet Oudolf in seine längst zum stilbildenden Kanon gewordene Auswahl von „Droomplanten“ aufgenommen hat, passt in die gepflegte Wildnis. Sie ist von herber Schönheit, hat schlottrige Blätter und einen schlappen Stängel, treibt zum Ausgleich aber neben den lang gestreckten, wie aus blütenweißem Papier geschnittenen Glocken wunderbare auberginefarbene Knospen.

Doch wild ist nicht gleichbedeutend mit einfach. Die meisten Glockenblumen sind nichts für faule Gärtner. Zwar kann man schnell schöne Erfolge sehen. Aber nach ein, zwei Jahren ist die attraktive Campanula punctata wieder verschwunden, vermutlich an Unterernährung eingegangen. Sie braucht Zusatzfutter zum Leben, etwas Kompost oder Langzeitdünger. Andere Glockenblumen werden von den Schnecken gefressen, oder sie kippen um und liegen wie Fußangeln im Schattenbeet. Wer das vermeiden will, der pflanzt die fast mannshohe Waldglockenblume Campanula lactiflora eben schlau zwischen hohe Farne und Rodgersien oder wählt die standfestere, nur einen Kopf kleinere Campanula latifolia, zum Beispiel in der Sorte ‚Macrantha‘. Sie eignet sich außerdem gut für die Vase, wenn die Schnittstelle gleich nach dem Schneiden in heißes Wasser getaucht wird. Der Volksmund warnt allerdings vor dem Abpflücken der Glockenblume. Denn die Folge, so steht es im „Lexikon des Aberglaubens“, sei Blitzschlag oder mächtiger Niederschlag. Andersherum funktioniere es auch: Dreimal auf die Glockenblume gespuckt, wehrt Regen ab. Den Wetterpropheten von ARD und ZDF sei der Tipp als Gegenleistung für einen sonnigen Sommer gratis spendiert.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry