Die Dramatikerin Kamelie - Exotin aus China

Im 18. Jahrhundert gelangten die ersten Kamelien aus China an den sächsischen Hof. Mit Ofen- und Bodenheizung hielt Hofgärtner Johann Heinrich Seidel das kostbare Gehölz am Leben und vermehrte es – Grundstock für eine Spezialgärtnerei, die Dresden für ein knappes Jahrhundert zum Mittelpunkt des modischen Blumenlebens machte. Ob hier die älteste Kamelie Europas wächst, untersuchen jetzt Genforscher der TU Dresden.

Es nieselt. Die Erde pappt an den Schuhen. Irgendwo in den Feldern, im so genannten Wolfstal, Kilometer von dem sächsischen Städtchen Roßwein entfernt, soll eine 200-jährige Kamelie blühen. Der Pfad endet vor einer buckeligen Wiese. Zwischen Gestrüpp und einigen Methusalem-Bäumen taucht ein Gewächshaus auf: Die Tür lässt sich öffnen. Wie in einem Käfig erhebt sich, über sechs Meter hoch, sechs Meter breit, mit muskulösem Stamm, ledern glänzendem Laub und porzellanweißen golfballgroßen Blüten Camellia japonica ,Alba plena‘ – eine Exotin aus Fernost, Überlebende der Zeit, in der in und um Dresden Kamelien gepflanzt wurden, die heute zu den ältesten Europas gehören.

Eine Sachse, Georg Meister, reisender Gärtner des Kurfürsten Johann Georg IV., schickt die ersten Nachrichten über das Gewächs aus China nach Deutschland: In seinem „Orientalisch-Indianischen Kunst- und Lustgärtner“ beschreibt er 1692 den „Arbor Zuwacky“ oder Sansanqua, wie die Chinesen sagen, als einen „Baum mit Blüten“, rot wie die Stockrose Malva Hortensis. Doch kein Exemplar übersteht die Seereise. Auch der schwedische Gelehrte Carl von Linné hat nur ein verdorrtes Herbar-Exemplar auf dem Schreibtisch, als er die Pflanze 1735 unter dem Namen Kamelie in seine „Systema Naturae“ einfügt. Vier Jahre nach der botanischen Registrierung, 1739, gelangen die ersten beiden lebenden Exemplare in die Gewächshäuser von Lord Petre in Thorndon, Essex. Bevor sie eingehen, zeichnet sie der in Heidelberg geborene Blumenmaler Georg Ehret als Dekoration für das Bild eines Fasans. Das mit 1740 datierte Aquarell wird kopiert und erscheint in der „Naturhistorie der Vögel“ von 1747: ein Prachtband für vermögende Naturfreunde, die nicht nur das Konterfei, sondern die Porträtierte selbst besitzen wollen. Kamelien werden zu Trophäen in den Orangerien der großen und kleinen Schlösser in England, Frankreich, Böhmen und Sachsen. Kapitäne der East India Company und anderer Gesellschaften verdienen sich ein saftiges Zubrot mit dem Import.

Mindestens eine Kamelie gelangt in den Herzogin-Garten am Dresdener Zwinger. Hofgärtner Johann Heinrich Seidel annonciert 1792 ihre Blüte. Die Schöne gilt als schwierig. Draußen erfriert sie, und im Gewächshaus will sie es nicht warm haben. Schon bei 15 Grad wirft sie Knospen und Blüten ab. Sie leidet in trockener Luft, verträgt keine Mittagssonne und lechzt nach frischer Luft. Wer das kapriziöse Gewächs am Leben halten kann, erwirbt den Ruf eines Meisters – wie Johann Heinrich Seidel. Es ist ihm gestattet, sein karges Salär mit dem Verkauf vermehrter Pflanzen aufzubessern.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robert Fischer