Eine Erfolgsstory Kletterrose Maréchal Niel

Ein Hauch von Lilie: Ihr Duft galt als unbeschreiblich, ihr Gelbton als sensationell. Die ,Maréchal Niel‘-Kletterrose war über 100 Jahre lang Liebling der Gesellschaft. Heute begeistern sich Kenner wieder für die empfindliche Schöne.

Maréchal Niel-Rose
Der Rosenhof Schultheis hat letztes Jahr 42 ,Maréchal Niel‘- Kletterrosen verkauft und das war gut, selbst wenn man es mit den Tausenderstückzahlen vergleicht, die von anderen Rosen vermarktet werden. Denn die ,Maréchal Niel‘ gibt sich nicht wie Hunds- und Kartoffelrose mit einem Sonnenplatz im Garten zufrieden. Sie braucht ein großzügig bemessenes Glashaus, in dem sie klettern und im Jahr gut sieben Meter wachsen kann. Mit langen Trieben baumelt sie von der Decke herab und krallt sich ahnungslosen Besuchern mit flachen spitzen Stacheln biestig in den Nacken.

Die Kletterrose ,Maréchal Niel‘ ist eine Legende. Menschen, die sie kennen, schwärmen von ihrer Lieblichkeit. Sie taucht in Erzählungen über alte Gärten auf, wo sie hinter trüben Gewächshausscheiben hervorleuchtet, von hausangestellten Gärtnern gepflegt, die ihr schon im Januar einheizen, damit sie lange vor der Saison Blüten treibt.

Sie stammt von den so genannten Teerosen ab, die um 1800 aus der berühmten Gärtnerei Fa Te bei Kanton nach Europa gebracht wurden. Von ihnen hat die Kletterrose ,Maréchal Niel‘ die Frostempfindlichkeit geerbt, die sie als „Blume 2000“ unbrauchbar macht, und noch einige Eigenschaften: Die Zweige erscheinen schlaff, sind jedoch fest. Das mandelgrüne Laub wirkt welk, ist es aber nicht. Die Blütenblätter rollen sich auf. „Hundeohren“ nannten das die Schönheitsrichter des 19. Jahrhunderts abwertend bei anderen Rosen. Der ,Maréchal Niel‘ rechneten sie es als Vorzug an.

Ihr größter Trumpf ist der Duft. Doch sobald ein Rosenfreund den Wohlgeruch beschreiben soll, verdorrt ihm die Zunge. Weinkenner entwickeln Phantasie, wenn sie etwa das Bukett eines edlen hellgelben 1990er Rieslings „Goldkapsel“ rühmen. Sie sagen: Dörraprikose mit getrockneter Ananas, etwas Wachs und Kamille, vielleicht eine Spur Petrol. Parfümeure bemühen das ganze Universum der Blumen, Bäume und Gewürze, um ihre Essenzen zu preisen. Gärtner sind seit jeher wortkarg. Die Hamburger Lehrerin und Rosenbegeisterte Alma de L’Aigle versuchte Ende der Fünfzigerjahre mit einem Duftvokabular der Einsilbigkeit abzuhelfen. In langen Listen vergleicht sie Rosendüfte mit „geschälten Kochäpfeln“, „Kinderpudding“, „Waldboden im Frühling“ oder einem „frisch gescheuerten Eichentisch“. Doch bei der ,Maréchal Niel‘ versiegte ihre Erfindungsgabe, „ein Hauch von Lilie“ (welcher?) war alles was ihr einfiel, dann verwies sie auf den typischen „,Maréchal Niel‘-Duft“.

Das spezielle Gelb ist der zweite Trumpf: zart, zitronig, schwefelig, etwas Champagner – in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es eine Sensation. 1857, in dem Jahr, in dem die Krinoline Frauenmode wurde und Gustave Flaubert seine „Madame Bovary“ veröffentlichte, entdeckte Monsieur Pradel, ein Gärtner in Montauban, bei einem Zufallssämling die ersehnte Farbe. Monsieur Pradel war entweder naiv oder ungeschickt. Er ließ sich den Schatz rauben. Victor Verdier, Preisrichter auf einer Rosenausstellung in Montauban, sah die noch Namenlose, nahm sie mit und führte sie 1864 in Paris in die Gesellschaft ein. Er gab ihr den Namen des damals bejubelten französischen Politikers Adolphe Niel, Feldmarschall von Frankreich, militärischer Berater von Napoleon III., Held von Solferino. Ein Mann, so hatten die Sterne bei seiner Geburt – Sonne in Uranus-Konjunktion, Mars im Quadrat – prophezeit, der immer siegen wird.

Das Horoskop galt wohl auch für die Namensvetterin. Ihr Siegeszug hatte keine Vorbilder. Nicht ein elegantes Haus, das kein gläsernes Treibzimmer für eine ,Maréchal Niel‘ anbaute, in dem es keine in Kristall geschliffene Kelchvasen für ihre lax überhängenden Stiele gab. Sie arrivierte zur Rose der guten Gesellschaft. In Mecklenburg, Vorpommern und Hamburg trugen Herren in der Saison eine Blüte im Knopfloch. In Sachsen und Schlesien brachten die Gutsherrn einander frisch gebrochene Zweige als Freundschaftsbeweis mit. Einer Umfrage zufolge, die 1883 im In- und Ausland erhoben wurde, rangierte die ,Maréchal Niel‘ als die schönste, beste, edelste auf einer Bestsellerliste von sechzehn Rosen – ein Ruhm, der bis weit ins 20. Jahrhundert anhielt. Victor Verdier wäre zum Bill Gates der Rosenzüchter geworden, hätte es damals schon Lizenzen auf neue Sorten gegeben.

Heute kann man die Menschen an einer Hand abzählen, die noch eine ,Maréchal Niel‘-Rose ziehen. Gustav Lange gehört dazu, der große Hamburger Landschaftsarchitekt, und Matthias Riedel, der in Zuschendorf bei Dresden das Erbe der Pillnitzer Gartenkunst bewahrt. Im „Haus Rosenbrunn“ des Frankfurter Palmengartens ist eine zu finden und im Rosenmuseum in Bad Nauheim. Mitte April öffnen sich die ersten Blüten.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry