Nadelbäume Lob der Konifere

Jahrzente standen sie in der Ecke, gelitten, aber nicht geliebt. Nabelbäume symbolisieren den 70er-Jahre-Stil, pflegeleicht und unnatürlich in Zuckerhut- und Kissenform. Doch wie es mit stillen Kandidaten ist, mit jeder Saison entwickeln sie mehr Persönlichkeit. Jetzt feiern die Koniferen ihr großes Revival.
Konifere

Koniferen sind nicht jedermanns Lieblinge, heute wie früher. Es gibt Gärtner, die reden nicht gut von ihnen. Die englische Schriftstellerin und Schöpferin der Gärten von Sissinghurst Vita Sackville-West (1892 bis 1962) bekannte: „Ich mag sie nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Thuja, verstaubt, angerostet, ohne Sinn und Zweck mitten auf einem Rasen, der für sich allein viel glücklicher aussehen würde.“ Nur wenige Pflanzen sind extremeren Modeschwankungen ausgesetzt, was vielleicht schon die etwas gezierte Wahl des Wortes erklärt. Von Konifere spricht, falls er nicht Gärtner oder Botaniker ist, wer Besonderes bedeuten will. Nadelbäume hört sich dagegen simpel an, als rede man vom Wald oder Weihnachten.

Eine Glanzzeit hatten Wacholder, Thujen, Zypressen und Scheinzypressen, allesamt Koniferenarten, in den 70er-Jahren. Ordentlich, pflegeleicht, im Sommer und Winter grün passten sie in die Welt der knitterfreien Hemden und verloren die Sympathie in den 1980ern. Zuckerhutfichten vertrugen sich schlecht mit den Krötenparadiesen der Ökogärtner. Immergrün wurde Friedhofsware. Ein Vorurteil, das sich lange hielt. Mit Einschränkungen. Jeder, der die Meisterhäuser in Dessau besucht, schwärmt anschließend von dem Grün drum herum: nichts außer Wiesen mit großen Kiefern darauf, herrlich. Auch Vita Sackville-West gab zu, dass Koniferen in einem Garten effektvoll sein können, wenn sie an der richtigen Stelle stehen. Aber dazu gehöre
ein großer Garten und ein alter, in dem sie viele Jahre hindurch herangewachsen sind. Sie beschreibt die dunklen Arme einer mächtigen Kiefer und wie der Stamm den Sonnenuntergang einfängt.

Konifere

Die Hängeform der Serbischen Fichte, Piceaomorika.

Ein Bild, als würde sie die alten Kiefern in meinem Garten meinen. Es sind noch Bäume der Parforceheide, eines früheren Jagdreviers, von dem um 1900 Bauland abgetrennt worden war. Tief verwurzelt stehen die letzten Zeugen hier in den Gärten im märkischen Sand. Sie fangen die Sonnenhitze, werfen dabei wunderbare Schattenspiele auf die Wiese. Ihre Säulenarchitektur ist ein Wunder, die Struktur ihrer Borke staunenswert, unten trägt der Stamm ein schwarzbraunes Netz, in halber Höhe dann einen kupfernen Mantel. Abends glänzt diese Spiegelrinde, wie der Forstmann sagt, bis unter die Krone, als sei sie frisch poliert. Es sind einfache Waldkiefern, Pinus sylvestris. Wenn der Wind in ihre Kronen fährt, fliegt gelber Staub aus den Pollenblüten,
oder die Bäume werfen trockene Zapfen, die Kienäppel, die wir aufsammeln, denn sie machen mit den heruntergefallenen Kiefernnadeln den Boden sauer. Leicht sauer darf er für die Rhododendren und Azaleen und die anderen Koniferen zwar sein, aber nicht so sauer wie nebenan in der Heide.

Es heißt, Koniferen seien die ältesten existierenden Lebewesen auf unserem Planeten. Nicht nur Nachfahren eines alten Geschlechts, sondern leibhaftig 3000 Jahre alte Geschöpfe. Riesenmammutbäume, man kann ihnen in kalifornischen Wäldern begegnen. Einer der ältesten trägt sogar einen Namen, er heißt President. Inzwischen wurden in den White Mountains von Arizona Fuchsschwanzkiefern gefunden, die wohl noch wesentlich älter sind. Das höchste Wesen, das die Natur Richtung Himmel kreiert hat, ist ebenfalls eine Konifere, eine Sequoia sempervirens, sie misst genau 115,72 Meter, der Dom zu Florenz ist nicht ganz so hoch.

Bestimmendes Merkmal der sieben mitunter sehr großen Koniferenfamilien sind Zapfen: lateinisch cornus-ferre, deutsch Zapfen bildende Gewächse. Die Samen liegen ungeschützt zwischen den Zapfenschuppen, weshalb Koniferen im Reich der Pflanzen zu den Nacktsamern gehören. Die mit den Heckengärten populär gewordenen Eiben bilden, aus der Ferne gesehen, leuchtend rote Beeren, Vögel sitzen in ihren Zweigen und picken danach. Doch es bleibt dabei, auch wenn die Samenhülle aussieht wie eine Beere, botanisch ist die Eibe eine Konifere. Und die Beeren mit dem roten Fruchtmantel (Arillus) sind Zapfen. Ähnlich geht es mit dem Wacholder. Im Gewürzregal findet man seine Beeren. Unter der Lupe kann man mit gutem Willen so etwas wie eine Schuppenhülle erkennen. Wir würzen also das Sauerkraut eigentlich mit Wacholderzapfen.

Das Koniferensortiment ist in den letzten Jahrzehnten sehr groß geworden. Schon ein einzelnes Segment des Angebotes vermittelt den Eindruck, die Welt könnte künftig aus Scheinzypressen bestehen, erbsenfrüchtigen oder fadenförmigen, wie die Sawara-Scheinzypressen. Zu den Sorten gibt es unendlich viele Variationen. Mit rotem oder grünem Laub, durchsetzt mit weißer Panaschierung. Die Baumschulen halten genug bereit für Parks, Straßen und Gärten, besonders für Friedhöfe und noch mehr für Hecken als Grundstücksgrenzen. Es ist schwer zu vermitteln, dass die gekauften Koniferensetzlinge einmal groß werden, vielleicht größer als das Einfamilienhaus, dass sie Luft brauchen ringsherum und Wasser, aber keinen Sumpf. Man begegnet bräunlich sterbenden Thujamauern und ist sich mit Vita Sackville-West einig: Ein Garten ohne diese Mauer wäre schöner.

Ich mag Koniferen trotzdem. Die grünen Gestalten, die im Winter zwischen den kahlen Ästen der Laubbäume hervortreten. Als kämen sie mir im Garten entgegen, im Novembernebel, im Schnee. Jetzt sind sie auf dem Plan, dunkelgrün, manche zart, als hüteten sie den Frühling. Ich mag auch ihre bizarren Formen, ihre Selbstbehauptung und wie sie an manchen Plätzen als ein geschlossenes Ensemble vieler Grüntöne beieinanderstehen. Landschaftskissen. Wolkenhügel vor alten Gemäuern – oder bald wieder Anker in Blumenbeeten, immer häufiger kehren sie in die Gärten zurück.

Auch die bei uns nicht winterharte Araukarie. Die Zimmertanne, dieses altmodische Einzelkind unter der Koniferenverwandtschaft, gehörte bei der Oma auf das Fensterbrett. Sie taucht in den letzten Jahren wieder in den Blumengeschäften auf. Sie war die Lieblingspflanze meines Sohnes, ich weiß nicht warum, vielleicht, weil man an ihr so schön sehen konnte, wie man älter wird. Jedes Jahr ein neuer Quirl. Sie wanderte mit in die Studentenbuden und steht nun mit anderen Pflanzen im Flur eines Universitätsgebäudes. Immergrün, Zimmergrün, das woanders auf der Erde ein mächtiger Baum ist.

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Autor:
Helga Schütz
Fotograf:
Robert Fischer