Neu entdeckt Die Blütenfarben

Sie ist bunt, vulgär und reichlich überparfümiert: Das hat die Hyazinthe viele Freunde gekostet. Schuld an der überspannten Erscheinung waren Männer. Jetzt wird sie neu entdeckt.

 

Moden in der Inneneinrichtung bestimmen die Blütenfarben. In den 1880er-Jahren sind fahle und düstere Töne populär. Sie passen ins „altdeutsche Zimmer“ mit schweren Samtportieren und eichenen Schnitzereien. Die dunkelsten Sorten tragen die adeligsten Namen: ‘Prinz von Sachsen-Weimar’ ist indigoblau, ‘König von Württemberg’ azurblau und der ‘Prinz Albrecht von Preußen’ schwarz. Auch draußen, in den Torten- und Teppichbeeten in Vorgärten und Parks, wachsen während der Gründerzeit Hyazinthen in Massen. Tulpen hingegen werden in vielen der neuen Gärtnereikataloge nicht einmal aufgeführt.

Und heute? „Heute fristet die Hyazinthe nur noch ein bescheidenes Nischendasein“, sagt Karsten Meyer von der 1893 in Berlin Zehlendorf gegründeten Blumenzwiebelhandlung Albrecht Hoch. Ihr Verkauf macht einen Bruchteil dessen aus, was an Tulpen über den Ladentisch geht. Keiner will die mastigen Blütenwalzen. Die fleischigen Glöckchen, die aussehen, als seien sie aus Styropor gestanzt: Mopsgesichter im Karnevalskostüm. Mit einem Duft, der so intensiv ist, als wolle er ein ganzes Boudoir parfümieren. Manchen haut das um.

„Schuld haben die Männer“, sagt Rita van der Zalm, „die haben zu große Hyazinthen gezüchtet. Zu groß, zu fest, zu steif. „Früher“, so erinnert sich die holländische Blumen - zwiebelexpertin, „war der wichtig, der Hyazinthen hatte.“ Tulpen kamen erst lange danach. Die mit den Hyazinthen, das seien die Herren mit den großen Hüten, den großen Zigarren und den dicken Autos gewesen. „Hyazinthen und Tulpen“, sagt sie, „das ist wie Mann und Frau. Die Frauen wollen es nicht so groß. Die wollen es lustig. Glöckchen, die im Wind wehen.“

Wie bei den wilden Hyazinthen, Hyacinthus orientalis, von denen es eine Zeit lang hieß, es gebe sie nicht mehr. Oder den für Englands Wälder berühmten Hasenglöckchen, Hyacinthoides non-scripta, eine Verwandte, die später im Mai blüht, die leicht verwildert und Matten im lichten Schatten unter Büschen bildet. Es gibt auch neue zierlichere Züchtungen, zum Beispiel solche, bei denen mehrere Stängel aus einer Zwiebel wachsen wie bei den sogenannten Festivalhyazinthen.

Und es gibt die feinen historischen Sorten, die in Spezialsammlungen gepflegt werden wie dem Hortus Bulborum im holländischen Limmen oder der National Collection im englischen Waterbeach in Cambridgeshire. Dort hütet der frühere Farmer Alan Shipp über 200 Züchtungen, darunter die früher so begehrten gefüllten. Noch heute werden verschollen geglaubte Sorten gefunden, in Russland oder wie vor Kurzem in Litauen.

 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry