Exotik vor der Haustür Rhododendron - Vermächtnis aus Fernost

Eine Prise Tibet, ein Quäntchen Malaysia: Keine andere Pflanze überzieht im Frühjahr den Garten derart mit tropischer Üppigkeit wie der Rhododendron.

Rhododendren muss man nicht gesehen haben, um sich in sie zu verlieben. Oder von einem heiligen Schauer erfasst zu werden und zu begreifen, welch wunderbare unheimliche Pflanzenwesen diese Rhododendren sind. Es reicht, über diese „Rosenbäume“, wie sie die Griechen nannten, zu lesen. Eine gute Möglichkeit zum Beispiel ist, sich in Begleitung der englischen Romanautorin Daphne du Maurier auf den Weg zu machen, Zeile für Zeile auf dem dunklen Pfad durch den Wald nach Manderley vorzudringen, zu jenem Schloss, das hoch über den Klippen von Cornwall liegt und wo jenes Drama um die schöne und später tote Rebecca spielte, und schon taucht etwas auf, was vielleicht ein Leben lang im Inneren fest hängt. Das liest sich dann so:

Rhododendron im Park
„Plötzlich lichtete sich die Dunkelheit vor uns; ich erblickte den Himmel wieder, die finstere Reihe der Bäume wich zurück, das Gewirr der Sträucher war verschwunden, und zu beiden Seiten des Weges erhob sich eine blutrote Mauer hoch über unsere Köpfe. Das waren die Rhododendronbüsche von Manderley. Ihr plötzliches Auftreten hatte etwas Verwirrendes, etwas Erschreckendes. Der düstere Wald hatte mich auf diesen Anblick nicht vorbereitet. Das flammende Blütenmeer überwältigte mich, diese unwahrscheinlich verschwenderische Fülle, die kein Blatt, keinen Zweig sehen ließ, nur das blutige Rot, üppig und unwirklich und keinem Rhododendron, den ich je gesehen hatte, vergleichbar.“

Standort also: ein Schloss. Verwendungszweck: Drama. Gerne Mord! Aber der Standort kann auch ein Vorort sein, ein bürgerlicher Kleingarten, mit Papa-Mama-Kind. Ich zum Beispiel fand meinen ersten Rhododendron gleich nach der Geburt vor, lange bevor ich englische Kriminalromane las. Sagen wir, meine Mutter fand ihn vor, bei ihrer Rückkehr aus dem Kreißsaal, er war ein Geschenk des Gatten für große Mühen, und wenn er dafür vielleicht ein wenig klein ausfiel, kaum höher war als ich, ein Baby gleichfalls, so ist er doch über die Jahre uns allen über den Kopf gewachsen, zu einem Gebirge von gigantischem Ausmaß. Da steht er nun, ein Massiv in Lavendelblau, wenn man zur rechten Zeit hinschaut, was etwa der Juni wäre.

Zu Lavendelblau passt reines Weiß, aber auch Rosé wäre schön, sagte meine Mutter, oder ein schärferes Pink, vielleicht gar dunkleres Violett, was den Kreis zu Lavendelblau beinahe schließen würde, weshalb ich alle Jahre wieder im Garten meiner Eltern stehe und bewundere, auf welche unheimliche Weise sich ein Rhododendron vermehren kann, zu einer veritablen Rhododendronlandschaft. Denn ein Rhododendron kommt vielleicht – aber bleibt selten alleine, was nicht überall auf Zustimmung stößt. Es gab Zeiten, als Rhododendren sich verteidigen mussten, gegen Vorurteile der vielfältigsten Art. Zu groß für kleine Gärten, maulten einige, zu klein kariert für guten Geschmack, befand man früher streng. Rhododendren seien Emporkömmlinge mit der protziger Aura eines „korpulenten Börsenmaklers, den wir nicht zum Essen bei uns haben wollen“, meinte Harold Nicholsen, der große englische Gärtner, und beschwor seine Vita, keinen dieser Kerle in ihr ästhetisches Paradies von Sissinghurst einzulassen – und konnte doch nicht verhindern, dass den Burggraben von Sissinghurst Castle entlang noch heute ein ganzes Geschwader von schrill blütigen Azaleen vor Anker liegt, ein Anblick, der allen Besuchern im Frühling die hingehauchten Ohs und Ahs entlockt. Orange! Und Gelb! Flammendes Rot! Unvergleichlich, diese Azaleen, welche wir als kleine wilde Schwestern der Rhododendren betrachten müssen. Und wieder bestätigt sich, dass man über Geschmack nicht streiten sollte. Denn was hätte der elegante Harold wohl gesagt beim Anblick der Rhododendren im Garten der Jil Sander, Hamburg-Pöseldorf: ‚Cunnigham’s White‘ natürlich, ein Klassiker der puren Art, roséfarbene Knospen, die sich rein weiß öffnen, garniert an Taxus-Kegel, mit Alsterblick? Hat das, bitte, nicht Klasse?

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Autor:
Susanne Mayer
Fotograf:
Angela Franke