Süleimans Augenstern Verbreitung der Tulpe in Europa

’Art deco‘, 1930
Fosteriana-Tulpe

Eine Fosteriana-Tulpe mit kanariengelbem Basalfleck und kohlschwarzen Staubfäden - zwei Charakteristika, die bei alten Tulpen zu Schönheitsmerkmalen gehörten.

Unter falschem Namen mauserte sich also die Tulpe zu einem Kleinod in Europas Gärten. Für die Verbreitung der botanischen Neuentdeckung sorgte ein Netz gelehrter Freunde. Begeisterte Botaniker wie Conrad Gesner in Zürich, Carolus Clusius in Wien und später Leiden und Joachim Camerarius in Leipzig korrespondierten eifrig und legten ihrer Post als Freundschaftsgabe Zwiebeln und Samen bei. Im Süden, Norden oder Osten angekommen, gelangten die Pflanzen in kleine ummauerte Gärten, wo neben Kräutern Bescheidenes wie Veilchen, Akeleien oder Anemonen wuchs. Zu den auffälligsten Schätzen gehörten damals neben Tulpen Kaiserkronen und Iris susiana. Dahlien oder Rittersporn kannte noch niemand.

In jener Zeit der Kunst- und Wunderkammern, der Automatenbauer und Alchimisten, war die Tulpe schon bald ein weiteres Puzzlestück des Spiels, das menschliche Kunst mit der Natur trieb. In den Händen der Gärtner verwandelte sie sich zur Phantasiegestalt. Blühte sie im einen Jahr noch einfach gelb, so schmückte sie sich im nächsten Mai mit purpurnen, braunen oder violetten Streifen. Reine Magie, so schien es, und das Erstaunen vor der Blume, die so vielfältig ihre Gestalt änderte, wuchs mit jeder neuen Blüte. Züchter begannen, ihre Schätze mit Phantasienamen zu taufen, Floristen durchstreiften auf der Suche nach Seltenheiten die Lande, und immer schneller stiegen die Preise.

Zuerst brach das Tulpenfieber in Frankreich aus. Im Jahr 1608 gab ein Müller seine Mühle für eine einzige Zwiebel der Tulpe ’Mère Brune‘ her. Der Besitzer einer Brauerei verkaufte sein Geschäft, um in den Besitz der Tulpe ’Brasserie‘ zu gelangen. Unglaubliche Exzesse im Vergleich zu unserem heutigen, von Bausparverträgen geregelten Leben.

Dort verwandelte sich der Tulpenhandel in ein aberwitziges Glücksspiel, das Zeitgenossen als Parodie auf die damals noch jungen Börsengeschäfte verstanden. Gehandelt wurde in den Hinterstuben von Gastwirtschaften. Verkauft wurden nicht reale Zwiebeln, sondern Versprechen auf erst zu erntende Tulpen. Und da es Sitte war, jeden Geschäftsabschluss mit einem Wein zu begießen, wurde so mancher Pakt mit beduseltem Kopf abgeschlossen. Die Zeitspanne, in der die Spekulation aus dem Ruder lief, lässt sich ziemlich genau auf Dezember 1636 bis Februar 1637 fixieren. In dieser Zeit erwarben etliche Glücksritter einzelne Tulpenzwiebeln im Gegenwert von ganzen Häusern mitsamt Garten und hatten das Geld meist nicht einmal in der Tasche, denn sie setzten auf den Gewinn beim Weiterverkauf. Doch an dem Tag, als bei einer noch keine dreißig Stunden zuvor hoch gehandelten ’Admiral Liefkens‘ kein Florist mehr bieten wollte, stürzte das ganze Finanzgebäude zusammen. Gerichtsakten in den Archiven von Haarlem oder Amsterdam zeugen noch heute von den Streitigkeiten, die damals geschlichtet wurden.

Anders als oft behauptet, brach die holländische Wirtschaft nicht zusammen, als der Tulpenhandel aufflog. Aber die Moralapostel ließen sich den Skandal nicht entgehen. Sie veröffentlichten Flugschriften, prangerten Habgier, Wucher und Narretei an und enttarnten Flora, die Muse aller Gärtner, als das, was sie wirklich gewesen war: die größte Hure im alten Rom. Rasend schön, begehrenswert und unersättlich. Denn Flora verkaufte sich immer an den Höchstbietenden.

Die wahren Blumenliebhaber berührte all das wenig. Sie zahlten nach wie vor hohe Preise für Monstres, Fantasticks oder Bizarden. Fünfhunderterlei Farben, so prahlte der Bischof von Eichstädt, zeigten die Tulpen in seinem Besitz. Es gibt diese Blumen noch heute, aber sie sind nur schwer zu bekommen. Die Wirtschaftskontrolleure der Europäischen Gemeinschaft haben den Handel mit ihnen unterbunden. Denn, so fanden die Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts heraus, was den Gärtnern des 17. Jahrhunderts wie Zauberei erschien, ist eine Krankheit. Ein von Blattläusen übertragener Virus beschädigt den Farbaufbau in den Tulpenblüten.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Simon Puschmann