Tulpenzucht Hitliste der Blumen

Tulipa whittallii
Tulipa whittallii

Eine der apartesten und grafisch schönsten Wildtulpen in einem eigentümlich karamelisierten Orange.

Doch schon lange vor den Gesundheitskommissaren der EU hatten Geschmacksrichter die hochgezüchteten Phantasietulpen mit ihrem Bann belegt. Hyazinthen lösten Tulpen auf der Hitliste der Blumen ab. Und die Tulpe, gerade noch Augenstern der Vornehmen und Reichen, wurde wie die Aurikel, die Anemone, die Nelke und das Stiefmütterchen zu einer Arbeiterblume. Vor allem unter den Textilwebern im Norden Englands und in Belgien bildeten sich Vereine, in denen nach sechzehn Stunden Tagesschicht die alten geflammten Bizarden oder Bijbloemen weitergezüchtet wurden. Von diesen alten Vereinen hat einer bis heute überlebt. In Wakefield stellen, unbeeindruckt von Moden und EU-Richtlinien, Tulpengärtner ihre Schätze in Bierflaschen vor die Augen der Richter, wie es seit Generationen Sitte ist: Grazien mit makelloser alabasterglatter Haut, die Blüten zu einem perfekten Halbrund geformt, an dem nichts zipfelt oder Wellen schlägt.

Während englische Arbeiter den Tulpenadel verfeinerten, konzentrierte sich in Holland die Blumenzucht zur Industrie. Gegen Ende des 19. Jahrhundert kaufte der Großhändler E. H. Krelage an Zwiebeln auf, was er kriegen konnte, suchte die prächtigsten einfarbigen Sorten aus und gab ihnen, nach Rücksprache mit Charles Darwins Sohn, den Namen Darwintulpen. Auf der Pariser Weltausstellung 1889, für die auch der Eiffelturm gebaut wurde, staunte das Publikum über die ersten Massenpflanzungen.

Wer heute zur Tulpenblüte durch Holland fährt, meint, er sei in ein abstraktes Bild von Mondrian geraten. Zwischen strengwinkligen Straßen und Grachten liegen, mal kleiner, mal größer zurechtgeschnitten, scharlachrote, kanariengelbe oder puderweiße Farbfelder. Im Norden dieses überdimensionalen Gemäldes liegt das Städtchen Limmen und in ihm der Hortus Bulborum. Dort stehen die Ahnen unserer Tulpen, Sorte für Sorte aufgepflanzt, wie artige Schulklassen, die auf einem Grasfeld zum Mannschaftssport angetreten sind.

Die Holländer sind ein praktisches Volk, und man kann sie nicht genug dafür loben, dass sie diese Schätze suchen, aufspüren und ihnen das magere Sandbett mit jährlicher Düngung bereiten, das ihrer Schönheit am besten bekommt. Trotzdem sieht so der Ort nicht aus, an den wir uns die Gespielinnen der Markgrafen, Fuggerprinzen und holländischen Mijnheeren träumen. Ein fürstlicher Gärtner würde in diese Vorratskammer hineingreifen und eine bunte, wie emailliert wirkende Melange pflanzen. So zumindest empfahl es Antoine Joseph Dezaillier d’Argenville, der Russell Page des 18. Jahrhunderts, und Christopher Lloyd, der großartigste Gärtner unserer Zeit, rät zu einem ganz ähnlichen Vorgehen: Erst muss der Frühlingsteppich zubereitet werden aus Stiefmütterchen, Maßliebchen, Vergissmeinnicht, Narzissen und einigen dickblättrigen Hortensien. Dann kommen die Tulpen – wenn’s geht, gleich körbeweise.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Simon Puschmann