Blühendes Kraftpaket Usambaraveilchen - Schöne aus dem Nebelwald

Für den einen ist sie die rechte Ergänzung zu Häkeldeckchen und Sesselschoner. Der andere liebt sie als blühendes Kraftpaket. Kaum einer kennt den turbulenten Hintergrund, aus dem das Usambaraveilchen zu uns kam.
Usambaraveilchen

Wem schenkt man ein Usambaraveilchen? Sicher nicht der Angebeteten. Oder dem Freund. Vielleicht derTante oder der Großmama. Eigentlich kauft man es sich nur selbst. Stellt es auf die Fensterbank. Gießt und zupft Verwelktes ab. Beobachtet, wie die runden Knospen sich öffnen. Dreht die Blütenstiele zur Stube. Hütet es, bis es seine Kraft verliert. Dann wird es entsorgt. In den meisten Fällen führt das Usambaraveilchen ein Singledasein, ähnlich wie Goldfisch und Kanarienvogel. Vermaledeites Einzelleben.

Ganz anders sieht die Welt des aschenputteligen Fensterbrettgewächses in Amerika aus. Denn dort hat es Verehrer ohne Zahl. Fans, die Kollektionen von zwanzig, dreißig, gar hundert der knubbelig drallen Pflanzen hüten. Es gibt Clubs und Internetforen, Ausstellungen und Wettbewerbe. Kein hiesiger Usambaraveilchenverächter kann sich nur entfernt vorstellen, was alles in dem scheinbar so einfältigen Ding steckt. Von amerikanischen Gärtnerhänden gepäppelt, lässt es seine kugelrunden Knospen gerüscht aufblühen, einfach und doppelt gefüllt, marmoriert, gesprenkelt, weiß und rosa gesäumt. Färbt sie blass lavendel, burgunder-samtig, weinrot oder ochsenblutfarben. Und stets steckt es sich ins Zentrum seiner Blüten entenschnabelgelbe Staubfäden, die dick und rund wie Piercingnadeln aussehen, frech sind und kein bisschen altbacken. Was dem Spurensucher vielleicht einen Hinweis auf seine Herkunft geben könnte.

Doch wer weiß denn, wo das Land Usambara liegt, das Ende des 19. Jahrhunderts die Begehrlichkeit deutscher Kolonialpolitiker weckte? Wer bringt die Geschichte von Deutsch-Ostafrika mit einem Blümchen in Verbindung, das zwar Veilchen heißt, aber mit der botanischen Familie der Violacaeen nichts gemein hat. Stattdessen ist es mit der Gloxinie verwandt, mit Haberlea und Ramonda, was wohl eher den Freunden von Trockenmauerpflanzen etwas sagt.

Nicht weit vom Kilimandscharo, im Nordosten Tansanias erhebt sich eine Gneisscholle mit hoch aufragenden Felswänden und Nebelwäldern, in denen so vielfältige Pflanzen wachsen wie sonst nur auf den Galapagos-Inseln. Das sind die Usambaraberge, ein märchenhaftes, bis vor gut hundert Jahren fast unentdecktes Land. Pflanzenjäger durchkämmten zwar den Norden, Süden und Westen Afrikas. Hierher kamen sie erst, als mit einiger Verspätung auch deutsche Expansionspolitiker sich nach Kolonien umschauten. Die erste Expedition zur Erforschung von Usambara scheiterte an dem Aufstand, der sich gegen die herrschaftssüchtigen Übergriffe der Deutsch-Ostafrika-Gesellschaft erhob. Aber schon 1892 hatte der deutsche Bezirkskommissar, Baron Adalbert Emil Walter Redcliffe Le Tanneaux von Saint Paul Illaire, so viel Muße, dass er auf seinen Streifzügen durch das Usamabaragebiet für seinen Vater, einen eifrigen Botaniker, Ausschau nach Pflanzen halten konnte.

Auf den felsigen Ufern eines Flusses, am Waldrand fand der Kommissar mit dem lang dahinrankenden Namen ein Blümchen, das blau wie ein Veilchen blühte – daher sein deutscher Name. Noch war es eine ungezähmte Schönheit mit staksigen, wuchernden Stielen. Die fingernagelgroßen Blüten hielt es nach unten geneigt, damit ihnen kein Regentropfen mitten ins Gesicht platschte. Ein rares Gewächs, das wild nur in Usambara vorkommt. Doch einmal ins Blickfeld von Botanikern geraten, wanderte es nun schnell von Hand zu Hand. Kein Jahr verging, da feierte es erste floristische Erfolge auf einer Ausstellung im belgischen Gent.

Heute ist die Saintpaulia, wie sie nach ihrem Entdecker lateinisch heißt, die Nummer eins der Zimmerpflanzen- Weltproduktion. Milliarden werden jede Saison verkauft, landen als Palettenware auf den Fußböden der Blumenläden oder in Aldi-Regalen. Denn die Pflanze ist supermarkttauglich. Sie lässt sich schnell, zeit- und formgenau für die Verpackung produzieren, ist unempfindlich gegen Pilzkrankheiten und lange Transporte und hält wie eine in Plastikfolie eingeschweißte Gurke schier ewig. Trotzdem muss sie im Laden schnell weg. Eine Woche, höchstens vierzehn Tage, so kurz ist die Galgenfrist. Die Kasse muss klingeln.

Wahrscheinlich kennt keiner der Usambaraveilchen-Fabrikanten das Ursprungsland des Wegwerfgewächses mit dem altmodischen Kick. Dabei ist Usambara ein Land für naturvernarrte Trecker und Ökotouristen geworden, die es ähnlich wie das Bergland von Nepal auf langen Wanderrouten durchziehen. Heute steht Usambara auf der Liste der „hot spots“ für Artenvielfalt. Was uns die runden gelben Staubbeutel ganz anders deuten lässt. Es könnten Fäustchen sein, in Siegergeste all denen entgegengestreckt, die sein Heimatland usurpieren wollen.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry