Wie wohnt Brigitta Spinocchia Freund in London?
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Wer wohnt denn da? Homestory & Interview mit Innenarchitektin Brigitta Spinocchia Freund

Die Londoner Innenarchitektin Brigitta Spinocchia Freund hat eine Villa in Notting Hill in ein großzügiges Zuhause für ihre fünfköpfige Familie verwandelt. Klassisch britisches Ambiente, zeitgenössische Kunst und überraschende Designobjekte prägen die Räume. Nach Einschätzung unserer Kolumnistin verraten sie nicht nur fundierte Kennerschaft, sondern auch Humor und Freude am stilbewussten Bruch mit Konventionen. Die Folgerung: Hier lebt eine kreative Familie, die ihr Zuhause auch als Ort der Begegnung versteht.
Datum26.08.2026

Wer bitte denkt bei diesem Raum nicht sofort an England? Der erste Eindruck ist so eindeutig britisch, dass er schon fast wie eine Persiflage wirkt. Die Bibliothek mit den XXL-Chesterfield-Sofas kann man sich fast nirgends sonst als in Großbritannien vorstellen. Oder vielleicht noch in den USA. Denn die stilmöbelartigen Regaleinbauten plus die schmiedeeiserne Empore vervollständigen den Look einen Hauch zu perfekt. Hier wurde doch Kensington womöglich an die US-Ostküste verfrachtet! Inklusive Efeugrün. Die Einrichtung soll gelebt und mit authentischem Charme wirken, aber es scheint keinerlei Spuren von Patina zu geben.

Viel Platz für Geselligkeit

Und schon folgt das nächste Rätsel. Denn die Küche auf dem Foto nebenan entführt stilistisch eher nach Italien. Mit ihrem edlen Tafelparkett und den Barhockern im Memphis-Stil könnte man sich glaubhaft in Florenz, Venedig oder Rom befinden. Dazu passen auch der frei stehende Eisschrank und die Esse, die beide womöglich aus der Florentiner Manufaktur Officine Gullo stammen. Dort werden nämlich luxuriöse Metallküchen in Handarbeit auch nach eigenen Vorstellungen gefertigt. Was die individuellen kupfernen Beschläge, wie ich sie so zumindest noch nicht gesehen habe, erklären würde. Ich denke, ich kann schon an dieser Stelle sagen, dass – wer immer hier lebt – eine Leidenschaft fürs Kochen und Bewirten hat. 

Der stilistische Bruch zwischen MemphisHockern und gediegenem italienischem Landhausstil wirkt gewagt und ist sicher nicht das Werk eines beauftragten Interior-Profis

Das ist keine Showküche, sondern Passion. Und auch wenn man nicht weiter in den Raum schauen kann: Ich bin mir sicher, dass sich dahinter ein riesiger Esstisch anschließt. An dem in großer geselliger Runde gespeist wird, was vorher von Hausherr, Hausherrin oder beiden gemeinsam zubereitet wurde. Was zur nächsten Frage und Vermutung führt. Ist es das Haus einer Frau, eines Mannes oder eines Paares? Ich tippe auf eine Familie! Obwohl alles einen edlen und kostbaren Eindruck macht, drückt das Ambiente zugleich eine unkomplizierte Wohnlichkeit und Großzügigkeit aus, die locker mehr als zwei Personen beherbergen kann. Vielleicht liegt es ja an der in Regenbogenfarben belegten Treppe, die mit herkömmlichen Konventionen bricht und dem Interieur seine unbedingte Seriosität nimmt. Genau wie der Wandbehang über dem Kamin. Der sieht ja aus wie ein Drachen aus Flokati und passt in seiner Originalität perfekt zum archaisch geformten Sessel, dem pelzbezogenen Sofa und dem erst auf den zweiten Blick erkennbaren rauchenden Mund im Stuckmedaillon. Man zeigt Humor. Was wieder typisch britisch wäre. Ich habe mich gerade selbst überzeugt und lege mich nun auf England fest.

Die Passion zur Profession gemacht

Die Profession der hier Wohnenden betreffend tippe ich ins Kunstmilieu. Ein GaleristInnenpaar, das sich auf Contemporary Art und Newcomer spezialisiert hat, wäre in meiner Vorstellung idealer Kandidat. Oder vielleicht – wenn es wirklich London wäre – betreiben sie gemeinsam eine Art Kunstberatung und Vermittlung von Investitionen im Kunstbereich. In jedem Fall herrscht hier ein Geschmack jenseits des (bürgerlichen) Mainstreams, verbunden mit einer offensichtlichen fundierten Kennerschaft im Bereich von Design, Interior und Kunst. 

Lesezimmer de luxe. Was für ein einladender Ort für den Rückzug mit einem guten Buch aus den Regalen genauso wie für geschäftliche Besprechungen im privaten, vertrauensbildenden Rahmen.

Meine Assoziation bringt mich zu folgendem Fazit: Im Herzen von London wohnt ein kreatives und erfolgreiches Paar mit nicht mehr kleinem Kind. Als InhaberInnen eines Ateliers oder Studios nutzen sie ihr Zuhause als repräsentativen Salon für Einladungen ihrer illustren Klientel, die sich in den Räumen verteilt von dem Ambiente inspirieren und zugleich dabei von der Expertise der GastgeberInnen überzeugen lassen kann. 

Klaviatur der Farben: Vermutlich führt die Treppe in die privaten Räume der Villa – darauf deutet zumindest der Veloursbelag hin. Die regelrechte Abstufung in Regenbogenfarben beweist Humor und greift den unkonventionellen Mix der Einrichtung auf.

Steht dieses Haus doch in den USA, Italien oder womöglich ganz woanders, wären seine Bewohnenden vom britischen Lifestyle mindestens stark beeinflusst und inspiriert. Was mich angeht: I am convinced ...

 

Interview mit Innenarchitektin Brigitta Spinocchia Freund

Andere stapeln hoch, um die Wohnfläche ihres Hauses zu vergrößern. Nicht so die Innenarchitektin Brigitta Spinocchia Freund. Sie hat stattdessen den Boden ausheben lassen, um in ihrer Londoner Villa genügend Platz fürs Familienleben – und ganz nebenbei ein Paradebeispiel ihrer Arbeit – zu schaffen. 

 

Tatsächlich London also! Wo genau steht Ihr Haus und wie sieht es aus? 

Unser Zuhause liegt in Notting Hill, im Westen Londons. Ich hatte schon viele Jahre, bevor wir das Haus gefunden haben, davon geträumt, in genau dieser Straße einmal zu wohnen. An dem Gebäude selbst haben mich sofort die wundervollen Proportionen begeistert. Zudem steht es in Südausrichtung, die die Räume mit Tageslicht durchflutet. Vor allem aber ist es ein einladender Ort, der Menschen zusammenbringt. 
 

Wie lange leben Sie schon dort?

Wir wohnen hier nun schon seit mehreren Jahren, und in dieser Zeit hat sich das Haus gemeinsam mit unserer Familie weiterentwickelt. Mein Mann und ich haben drei Kinder. So wie sie größer geworden sind, ist auch das Haus gewachsen. Wir haben es sich auf natürliche Weise entfalten lassen und im Laufe der Zeit Kunstwerke, Möbel und Gegenstände gesammelt. Ich glaube, genau diese Umstände verleihen ihm Wärme und seine Persönlichkeit.

Pragmatische Ästhetin: Für Brigitta Spinocchia Freund müssen Räume funktionieren, um schön zu sein.

In welchem Zustand war das Gebäude? Mussten Sie viele Veränderungen vornehmen? 

Allerdings! Es hatte wunderbares Potenzial, das war schon zu erkennen. Aber es erforderte umfangreiche bauliche Maßnahmen. Die ursprüngliche Treppe behinderte sowohl die Bewegungsfreiheit als auch den Lichteinfall, also verlegten wir sie in den hinteren Teil des Grundstücks und gestalteten den Grundriss komplett neu. Durch den unterirdischen Aushub ließ sich die Wohnfläche unsichtbar vergrößern, dazu bauten wir einen Aufzug ein und fügten ein teilweise verglastes Dach hinzu. Diese Veränderungen haben die Art und Weise, wie das Haus erlebt wird, grundlegend verändert. Das Licht kann nun durch das gesamte Haus strömen und schafft eine viel stärkere Verbindung zwischen den Räumen. 

 

Sie leiten ein Designstudio. Inwieweit dient Ihr Zuhause auch als Rahmen für geschäftliche Kontakte?

Unser Zuhause ist in erster Linie ein Familienheim, aber gelegentlich wird es auch zu einem Ort, an dem wir KundInnen und MitarbeiterInnen empfangen. Ich glaube, dass Menschen unseren Designansatz am besten verstehen, wenn sie einen Raum erleben, anstatt nur Fotos zu betrachten. Das Haus ist nicht als Ausstellungsraum gedacht, aber es spiegelt auf natürliche Weise die Werte wider, die unsere Arbeit prägen: Handwerkskunst, sorgfältig ausgewählte Materialien, gesammelte Objekte und Innenräume, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln, anstatt wie konserviert zu wirken.

 

Gibt es Erkenntnisse, die Sie bei der Gestaltung Ihres eigenen Zuhauses gewonnen haben und die Sie in Ihr Berufsleben übertragen haben?

Unser Haus hat mir noch mal verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Gestaltung an die Lebensweise der Menschen anzupassen. Es sind die Schichten, die sich im Laufe der Zeit aufbauen, die einem Zuhause seine Identität verleihen: Bücher, die viel gelesen wurden, Kunstwerke, die in verschiedenen Lebensphasen gesammelt wurden, Gegenstände, die von Reisen mitgebracht wurden, und Kinderzeichnungen, die neben zeitgenössischer Kunst stehen. Zusammen erzählen sie die Geschichte der Menschen, die dort leben.
 

An welchem Gegenstand im Interieur hängt Ihr Herz besonders?

Wenn ich mich für ein einziges Stück entscheiden müsste, wäre es „Untitled (Hands)“ von Jaume Plensa. Mein Mann und ich haben es ausgesucht, als unser Sohn geboren wurde, und es hat für uns eine tiefe Bedeutung erlangt. Obwohl die Skulptur die Hände des Künstlers und seiner Frau darstellt, habe ich darin immer die Beziehung zwischen Eltern und Kind gesehen. Sie erinnert uns an ein ganz besonderes Kapitel in unserem Leben und liegt mir seitdem wirklich sehr am Herzen.