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Knoll International

Eine Möbelfirma mit Tradition tritt wieder hinter ihren vielen Klassikern hervor. Im italienischen Foligno bei Assisi fertigt Knoll International neue Möbel – und arbeitet an einer neuen Strategie.
Datum13.02.2020

Knoll, das ist wirklich eine lange Geschichte“, sagt Demetrio Apolloni, seit 2012 Europa-Chef der Marke. Es ist ein transatlantisches Abenteuer. Gleich zu Beginn steht eine Lovestory. Nicht ohne Grund fällt der Name Bauhaus.

Nach einer Epoche der Berechenbarkeit scheint Knoll nun neu erwacht, versucht, sein Pro l zu schärfen. Von New York aus forcierte die Marke seit den späten 30er-Jahren die Entwicklung moderner Möbel – zunächst in Amerika, später international. Was wir unter Moderne verstehen, wie wir Räume konzipieren und Marken erleben, das hat Knoll vorgelebt und angestoßen. Aus gutem Grund heißt das Firmenmotto „Modern Always“. Demetrio Apolloni trat 2012 im Auftrag der amerikanischen Eigentümerfamilie an. Seine Mission: die Marke in Europa sichtbarer zu machen. Er leitete für B & B Italia die US-Geschäfte, war für Vitra und Cassina tätig. Bei Knoll hat er großen Erfolg. In den letzten sechs Jahren ist die Firma beträchtlich gewachsen. Dass sie eigene Präsentationen zum Bauhausjahr zeigt, hat nichts mit Hybris zu tun, sondern mit historischen Fakten. Ein maßgebliches Kapitel der Knoll-Story behandelt die Durchsetzung der Bauhausmöbel von Amerika aus. Im Firmenprogramm wimmelt es von Klassikern: Ludwig Mies an der Rohes „Barcelona“-Sessel, Marcel Breuers Stahlrohrsessel „Wassily“, der Stuhl und der Sessel des Bildhauers Harry Bertoia, die „Pedestal“-Tische und „Tulip“-Stühle von Eero Saarinen, um nur einige zu nennen. Trotz des historischen Erbes ist das Unternehmen alles andere als museal.

Bei einem Besuch der wichtigsten europäischen Fertigungsstätte von Knoll in Folignio, 1963 von den Castiglioni- Brüdern entworfen, erlebt man, wie die Marke traditionelle Stücke kontinuierlich weiterentwickelt. Ziel Apollonis und seines Teams ist die Verbesserung, ohne Gestalt oder Design der Entwürfe anzurühren – ein delikater Prozess. Wie kann die Fertigung einfacher, das Resultat zugleich besser werden? Wie lässt sich die charakteristische Form lederbezogener Kissen der „MR Chaise“ von Mies van der Rohe am besten erreichen? Das Geheimnis liegt in einem textilen Innen- leben, das den Schaumstoff für Käufer und Nutzer unsichtbar in Form hält und den Fertigungsprozess erleichtert.

Blick zurück zu den Anfängen: Die Knoll-Geschichte beginnt mit dem Deutschen Hans Knoll, der 1938 nach Amerika auswandert. Er stammt aus einer württembergischen Familie traditionsreicher Möbelhersteller, ist Neffe von Walter Knoll, nach dem ein ebenfalls bekanntes Möbelunternehmen benannt ist. Ein Jahr nach seiner Ankunft gründet er mitten in New York sein eigenes Label. Er lernt die amerikanische Innenarchitektin Florence Schust kennen, die bei ihm arbeitet und rasch die Planungsabteilung übernimmt. „Schu“, wie sie genannt wird, hat enge Bindungen zur Architektenfamilie Saarinen, zu dem finnischen Traditionalisten Eliel Saarinen und dessen dem organischen Design verbundenem Sohn Eero. Sie studiert in London, später an der Cranbrook Academy in Michigan. An den Hochschulen von Cambridge, Massachusetts und dem Illinois Institute of Technology in Chicago sind ihre Lehrer Walter Gropius, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe. „Sie verstand, was die Bauhausidee war“, sagt Demetrio Apolloni. „Nicht das einzelne Produkt stand bei ihr im Fokus, sondern das Resultat, der Lebensstil, der ganzheitliche Ansatz.“ Mies vertraute ihr die Neuauflage einiger seiner Möbel an. 1946 heiraten Florence und Hans Knoll. Nach seinem frühen Tod 1955 bei einem Autounfall in Kuba übernimmt sie die Firmenleitung, baut das Netz von Kreativen aus, für das Hans Knoll erste Kontakte geknüpft hatte. Zum Erfolgskonzept der Firma gehört es, Bürolandschaften und Chefbüros mit wohnlichen, zum Teil repräsentativen Möbeln auszustatten, gradlinig und dabei nicht ohne eine gewisse Grandezza. Die Büros der TV-Serie „Mad Men“ führen eine puristische Moderne vor, wie es sie so höchstens in von Florence Knoll gestalteten Büros gab. Nicht Einzelobjekte bietet Knoll damals an, sondern ein umfassendes Verständnis von Raum und Stil. Für große amerikanische Firmen wie General Motors oder Verlage in New York entwirft sie die Führungsetagen. Das Unternehmen Knoll bringt seine Möbel nach Europa, auch nach Deutschland, wo die amerikanische Kollektion mit europäischen Wurzeln rasch Furore macht und Florence Knoll 1960 auf dem „Spiegel“-Titel landet. 1965 zieht sie sich aus der Firma zurück. Ab 1966 entwickelt Massimo Vignelli das Grafikdesign der Marke, in der Schrift Helvetica und mit warmem Rotton bis heute in Gebrauch. Der damalige Knoll-Chef Robert Cadwallader beauftragt Richard Sapper mit dem Entwurf von Büromöbeln. Sapper, in Mailand zu Hause, sei „eine gute Mischung aus einem starrköpfigen Deutschen und einem romantischen Italiener“. Investor Marshall Cogan erwirbt Knoll International 1977, Sohn Andrew Cogan übernimmt 2001 die Leitung des börsennotierten Unternehmens. Florence, vielfach geehrt und als Beraterin geschätzt, stirbt im Januar 2019 im Alter von 101.

Eine lange Geschichte also ... Wenn Europa-Chef Apolloni über den Wert von Knoll in Europa nachdenkt, hört man heraus, dass er noch viel vorhat. Er macht auch gleich mal die Proportionen deutlich: Knoll International hat 4000 Mitarbeiter, 250 sind es in Europa, 6 entwickeln im Forschungszentrum in Meda neue Produkte. In den USA gibt es vier Werke, zwei kleine in Italien. Und doch gelang es Apolloni, die Marke in Europa zurück aufs Spielfeld zu holen. Sie müsse proaktiv sein, sagt der Manager. Dazu gehöre, sich auf der Messe den Wettbewerbern zu stellen. Neuerdings nicht nur beim Salone del Mobile in Mailand, sondern auch in Köln. Weniger am einzelnen Produkt orientieren sich die neuen Fotoproduktionen, sondern vielmehr an gegenwärtigen Lebensentwürfen und -stilen. Sie zeigen: Ein „Barcelona“-Sessel gehört nicht in die Ecke, als sei er ein anbetungswürdiges Kunstobjekt. Besser ist es, Freude daran zu haben – also gleich zwei gegenüber dem Sofa zu nutzen, idealerweise einem, das von Florence Knoll gestaltet wurde. Neuere Knoll-Modelle stammen von David Adjaye, Marc Newson, Jehs+Laub, die Mailänder Novitäten 2019 von Piero Lissoni sowie Barber & Osgerby. Mit un-terhaltsamen, monografischen Broschüren zeigt Apolloni, was ein Original von Knoll heute ausmacht. Etwa Mies van der Rohes „Barcelona“-Sessel. Käufern soll der spezi sche Wert nahegebracht werden, fast so, als seien sie beim Firmenbesuch dabei, wo man erfährt, wie sorgsam mit jedem Gestell, jeder Marmorplatte, jedem Gurt, Kissen und Bezug hantiert wird, bevor aus Einzelteilen ein wertvolles Gebrauchsobjekt wird.

Von sämtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werde der „Barcelona“-Sessel in Ehren gehalten wie eine Madonnen-Statue, erklärt der Verantwortliche für Qualität in der Fabrik in Foligno. Auf welche Weise die Befestigung der Gurte des Sessels mittels Aluminium-Nieten verbessert und der Lederzuschnitt optimiert wird, ist ein Prozess, der vom Käufer unbemerkt immer weiterläuft. So entdeckte man, dass der Sessel in seiner Frühphase während der 30er-Jahre weit weniger straff gepolstert war. In Foligno machte man sich an die Umsetzung eines etwas legereren Erscheinungsbilds mittels aktueller Techniken. Bei einer Reihe von Möbeln, so auch dem „Womb“-Sessel von Saarinen, gibt es mittlerweile Relax-Varianten, die zeit- gemäßen Gewohnheiten entsprechen. Sie sind flexibler, ohne dass dabei Größen, Proportionen oder gar Details tangiert werden. Denn „Gott steckt im Detail“, zitieren sie in Foligno Mies van der Rohe. Eine Firma mit mehr als 80- jähriger Geschichte kennt keine Hektik. Geht Apollonis Plan auf, verändert sich unsere Wahrnehmung. Knoll wäre dann in neuer Weise sichtbar – modern wie immer.