Thonet

Die haben den Bogen raus

200 Jahre nach ihrer Gründung und nach 100 Jahren Bauhaus steht die Firma Thonet in Frankenberg ganz oben. Der Bugholzstuhl war nur der Anfang ...

Es war einer dieser genialen Momente, als der niederländische Architekt Mart Stam Mitte der 20er-Jahre damit begann, aus Leitungsrohren einen Stuhl zu konstruieren, der ohne Hinterbeine frei in der Luft zu schweben schien. Seine Frau war schwanger. Auch sein ungarischer Kollege Marcel Breuer versuchte in dieser Zeit, dem Sitzen eine neue, federnde Leichtigkeit zu verleihen. Er hatte am Bauhaus eine Lehre als Tischler absolviert, aber nun verlangte er – Stahlrohre. Die Firma Adler sollte liefern, doch die Fahrradbauer weigerten sich: Wir sind doch nicht verrückt! Der Freischwinger wurde trotzdem gebaut – und ein Klassiker im internationalen Möbeldesign. Bis heute. Ein Thonet.

Für die Nachfahren des Möbeltischlers Michael Thonet aus Boppard am Rhein war Fortschritt gewissermaßen eine Routine ihres Geschäfts. Sie kannten sich aus mit guten, innovativen Ideen. Und verstanden es, sie umzusetzen. Schon 1830 hatte der Firmengründer damit begonnen, Bretter aus übereinander geleimten Furnierschichten zu erhitzen und tagelang einzuweichen, um daraus Bauteile für Stühle zu biegen. Das Verfahren hatte seine Grenzen. Biegung war nur in einer Richtung möglich. Trotzdem trafen die spätbiedermeierlich tänzelnden Möbel den Publikumsgeschmack; schon bald war der Verbrauch an Leim so groß, dass der Unternehmer seine eigene Siederei gründen musste. Thonet war einer, der sich nicht so einfach aufhalten ließ. Schon gar nicht, wenn der Erfolg an die Tür klopfte.

Im Jahr 1841 war es der österreichische Staatskanzler Klemens Fürst Metternich, der Thonet davon überzeugte, sein Glück in Wien zu suchen. Und der fand es: Stattete das Palais Liechtenstein mit seinen Möbeln aus, später auch das Palais Schwarzenberg und das „Café Daum“ – die Stühle wurden „Laufsessel“ genannt, weil sie leicht genug waren, ohne Aufwand hierhin und dorthin getragen zu werden. Schnapp dir einen Stuhl – sehr praktisch, sehr dezent, dabei aufregend modern. Der Möbelbauer verfeinerte sein Verfahren, bald konnte er verleimte Bündel und schließlich massives Holz unter Einwirkung von Dampf und Hitze in jede gewünschte Richtung biegen. Mit seinen vier Söhnen machte er sich selbstständig, ließ sich auf den Weltausstellungen in London und Paris feiern – und entwickelte 1859 unter dem Namen „Nr. 14“ die wohl berühmteste Sitzgelegenheit der Welt.

Der Wiener Kaffeehausstuhl war eine Revolution. Federleicht und elegant, filigran in der Erscheinung, dabei fest und stabil, der Ästhetik seiner Epoche angemessen und doch kompromisslos innovativ. Die wenigen Einzelteile ließen sich getrennt fertigen und transportieren; so passten 36 Stühle in eine Kiste von einem Kubikmeter Volumen. Fertig zusammengesteckt und -geschraubt wurden sie erst in den Niederlassungen, die bald in Hamburg und New York er- öffnet wurden, in Odessa, Barcelona, Bukarest, Neapel und Chicago. Neben der Möbelfabrik im mährischen Koritschan entstanden fünf weitere in den waldreichen Regionen Mährens und Polens so- wie im hessischen Frankenberg. Thonet wurde ein Weltunternehmen. So etwas wie der Vorläufer von Ikea? Nicht wirklich, meint der Sammler und Forscher Wolfgang Thillmann (siehe Seite 68). Drei Gulden waren zwar konkurrenzlos günstig für ein so elegantes Möbel, aber immer noch sehr viel Geld für einen einfachen Arbeiter in der Gründerzeit.

"EINE FRAUENQUOTE KANN ES FÜR DIESEN JOB NICHT GEBEN!"
Michael Thonet

Dafür fand der Stuhl Verbreitung in den öffentlichen Räumen einer neuen, rapide wachsenden Schicht von Bürgern – und je mehr Menschen als Angestellte, Beamte, Hochschulprofessoren, Bankiers und freischaffende Künstler in die Städte strömten, desto mehr Sitzplätze brauchten sie in Kaffeehäusern, Konzertsälen, Gaststätten und Stadthallen. Sogar im Postsparkassenamt. Und Thonet lieferte – allein das Modell Nr. 14 bis heute in mehr als 50 Millionen Exemplaren. Dazu Schaukelstühle, Salontische, Barhocker, Fußbänkchen, Kindermöbel, Betschemel, Garderobenständer, Tennisschläger, Klappfauteuils, das sakrale Kanapee Nr. 16 und das voluptuöse Schaukelsofa mit oder ohne Armlehne. Vieles in sechsstelligen Zahlen. Um 1910 arbeiteten 32 000 Menschen in einer weitverzweigten Bugholzmöbel-Industrie der österreich- ungarischen Doppelmonarchie, 150 000 Hektar Buchenwald wurden für die Produktion bewirtschaftet.

Und als hätten moderne Marketing- Strategen die bis dahin übliche Richtung umgekehrt: Die elegant geschwungenen Möbel fanden ihren Weg vom öffentlichen in den privaten Raum; bald definierten sie über alle Grenzen hinweg das Wohnideal einer ganzen Epoche. Dass die Tüftler um Michael Thonet und seine Nachfolger immer wieder Details korrigierten, Stützen einzogen, Sitzflächen tauschten und Verbindungen ausprobierten, fiel höchstens Sammlern und Statikern auf, die das Verhältnis von Materialaufwand und Tragfähigkeit berechnen wollten. Denn wie in den Anfängen des Unternehmens ergaben sich die Lösungen auch weiterhin aus dem Repertoire des gediegenen Handwerks. Und die neue, tragende Strebe sah eben aus wie ein verspielter, unschuldiger Schnörkel.

Die Zeiten änderten sich. Das Bedürfnis nach Distinktion ersetzte die Begeisterung für die modischen und praktischen Möbel. Architekten und Designer entdeckten die Bugholztechnik für ihre Arbeit und machten Furore mit neuen Formen. Speziell die Künstler des Jugendstils und der Wiener Secession, Otto Wagner, Josef Hoffmann oder Adolf Loos, auch Marcel Kammerer oder Otto Prutscher forderten das Können der Möbelhersteller heraus. Die Konkurrenz gewann an Terrain.

Doch Thonet war groß genug, Welt- krieg und Inflation zu überleben. Als 1919 das Bauhaus eine neue Ästhetik des Alltags und ein neues gesellschaftliches Ideal ausrief, hörten die Nachfahren des Michael Thonet sehr genau hin. Und wenige Jahre später waren sie es, die den mutigen Wechsel vom Bugholz zum gebogenen Stahlrohr mit der be- währten Perfektion im Handwerk und strategischer Weitsicht wagten: Mart Stam, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe ließen sich überzeugen. Verner Panton, Egon Eiermann, Norman Foster. War nicht der intelligente Nr. 14 mit seiner fein austarierten Konstruktion und der schlau auf die Bedürfnisse der Logistik abgestimmten Produktion so etwas wie ein Vorläufer gewesen? Der erste Bauhaus-Stuhl?

Heute hat es das Unternehmen Thonet in Frankenberg an der Eder geschafft, 200 Jahre Firmengeschichte seit Gründung der ersten Möbelwerkstatt 1819 zu bewahren – und sich zugleich komplett neu zu erfinden. Seit 1953 und heute in fünfter Generation ist alles unter einem Dach: Breuer, Stam und Mies van der Rohe, Delphin Design und Stefan Diez, Hadi Teherani, James Irvine und Naoto Fukasawa. Und natürlich Michael Thonet. Sein immer noch unerreichter Stuhl Nr. 14 heißt heute 214. Sonst ist eigentlich alles geblieben, wie es immer war.