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Rock 'n' Rose mit Elin Unnes

Elin Unnes ist eine schwedische Musikjournalistin. Und pflanzenverrückt – was sie lange Zeit erfolgreicher verbarg als andere Bondage-Sehnsüchte. Jedenfalls rockt sie aus ihrem Lieblingshobby jede Blümchenseligkeit heraus
Text Elke von Radziewsky
Datum06.08.2020
©Gabriella Dahlman
"IST DAS NUR MEIN PROBLEM, ODER IST ES SAUSCHWER, EINE GUTE VASE ZU FINDEN?"
Elin Unnes in „Gartenverrückt"

Dass man ihr bloß nicht mit Garten kommt. Elin Unnes war als Kind mehr der Typ Stubenhocker, „der im Zimmer liegt und liest“, erzählt sie, und sie habe sich viel gelangweilt. Später wird sie Journalistin, Expertin für Rockmusik, und ihre Welt besteht aus „einem Crack rauchenden Chef und wütenden Bands“, um die sie sich Sorgen macht. Sie schreibt für „Vice“, arbeitet für die BBC. Das sind die Werktage. An den Wochenenden verschwindet sie. Wohin, verrät sie lange niemandem.

Eines Tages, sie ist 29 Jahre alt, nimmt eine Kollegin sie in den Kleingarten ihrer Mutter mit. „Der Tag war lang, mit dem Versprechen auf eine Flasche Wein hat sie mich aus dem Büro in den Garten gelockt.“ Das Erlebnis ist überwältigend. „Rosen überall, wild wuchernd, ich konnte kaum einen Weg hindurchfinden. Und alles roch nach Erdbeeren.“ Das ist nicht Garten, wie sie ihn sich immer vorgestellt hat, pingelig, von Rasenmähern unterjocht. Was sie vorfindet, ist „frei, unkonventionell, dekadent, der reine Himmel“ – und wird ihr neues Ziel. Zwei Jahre beträgt die Wartezeit für einen Kleingarten. In der Zeit liest Elin Unnes jedes Buch, das sie sich beschaffen kann, wobei sie sich auf „essbares Zeug“ konzentriert. Blumen findet sie lahm, ohne Zweck. „Gemüse ist cool.“ Und alles, was sich brennen, sprengen, reiben, im Destillierkolben extrahieren lässt.

Die Neugierde aufs Elementare ist typisch für sie: „Als Kind habe ich den Boden abgeleckt, danach war ich sehr krank.“ Heute gräbt sie Wurzeln der Saponaria, des Seifenkrauts, aus.

Bürstet sie unter fließendem Wasser, zermörsert sie und lässt sie über Nacht in Wasser ziehen. Am nächsten Tag ist die Seifenlauge bereit, mit der sie „in einer ganz normalen Waschmaschine alte Cashmere-Sweater“ wäscht. Oder sie setzt Kartoffeln einerseits auf traditionelle Weise in die Erde, andererseits oben auf ein gemulchtes Beet und deckt sie dort mit Grasschnitt ab, mit Kompost, alten Rhabarberblättern, Unkraut, allem, was sich finden lässt. „Beides bringt nette Resultate.“

Dafür geht’s in Elin Unnes Fall erst einmal zum Bahnhof, rein in den Pendlerzug von Stockholm nach Södertälje, wo die Busse warten, die auf die große Schäreninsel Mörkö fahren. Elins Station heißt Lisstorp und ist nicht mehr als eine Stange an der Chaussee. Kein Haus, kein Mensch, hin und wieder ein vorbeieilendes Auto. Der einzige Pfad führt von der Böschung weg hinein in den Wald. Man muss ihm folgen, um Kurven gehen, immer tiefer hinein, bis sich eine Lichtung öffnet. Rechter Hand liegt weites Moor. Linker Hand, etwas erhöht, Elins Torp, eine rote Schwedenkate auf einer schrägen Wiese. Nachts hört Elin hier Elche durch das Gebüsch stapfen, im Morgengrauen röhren die Hirsche.

Immerhin, Graf Bonde, dem nicht nur diese Kate, sondern weitere hundert, dazu das ganze Land samt Schloss gehören, hat Wasser legen lassen. Ein knapp meterhoher grauer Kunststoff-Kasten steht wie ein Ufo aus einer anderen Zeit auf der Wiese. Ansonsten gibt es in der Hütte einen alten Eisenherd. Den Schornstein intakt zu halten, ist die wichtigste Baumaßnahme der Torp-Bewohner. Duft von selbst gebackenem Brot weht aus der offenen Tür, Zwiebelzöpfe hängen am Fenster, Kleeblüten trocknen auf einem selbst gefertigten Gestell. Von irgendwoher vibriert harter Gitarrenrhythmus. „It was all a dream, but it was so nice, I had a nice house...“ Postpunk von den Viagra Boys, „Sweden’s worst-kept secret“ nennt sie die Musikpresse. Elins Lebensgefährte hat das Cover für die erste Platte gestaltet.

Vor der Kate und den zwei dazugehörenden Hütten lümmeln Gewächse wie Gäste vor einer Kneipe. Ein gemischtes Publikum, Typen vom Dorf wie das Seifenkraut, daneben exotische Vögel, ein seltener Eisenhut, Orientalischer Mohn, zwei Sorten großblütige Clematis. Das sind Überbleibsel vorheriger Torp-Pächter. „Wie ein Spion kann man ihre Spuren lesen“, sagt Elin. „Einer war sehr ordentlich und hat die Basics angelegt. Einen Windschutz etwa aus Reihen unterschiedlicher Johannisbeeren am Kartoffelbeet.“ Ein anderer liebte prächtige Blüten, verstand aber nichts vom Gärtnern. „Der wollte Clematis in den Apfelbaum lenken. Das hat zwar nicht funktioniert, aber wir haben jedes Jahr ein, zwei Prachtblüten.“

Ein älteres Porträt (von Calle Stoltz) zeigt Elin mit dunkel umrahmten Augen, den Kopf halbseitig kahl geschoren. Sie trägt dicke Macker-Ketten und steckt in einer schweren schwarzen Jacke. Heute ist sie weniger extrem, heute reichen Tattoos auf Wade und Oberarm. Und auch die Blumen haben Gnade gefunden. Elin bepflanzt, was sich finden lässt. Autoreifen, Zinkeimer und Emailschüsseln rahmen, überschäumend mit Astern, Cosmeen und Pelargonien gefüllt, die Tür ihrer Kate. Ein Sitzplatz ist mit Flieder eingefasst. Neben einer rostigen Tonne zum Brennen baumelt zwischen zwei Bäumen eine Hängematte. Vieles ist so wie in anderen geliebten Gärten.

Bis auf den abgestorbenen Baum, der wie ein mehrteiliges Zepter in den Himmel ragt. Er steht genau in Elins Blickachse vom Torp hinüber aufs weite Moor. Wegen ihm, dem mächtigen grau-weißen Gerippe, hat sie sich für genau diesen Fleck entschieden. Im Garten, sagt sie, finde sie „die alte Wahrheit über die Motive des Rock ’n’ Roll wieder. Sex und Tod“. Wie Musik sei Garten „nicht nur hübsch, sondern ernst“.

Zum Weiterlesen: Elin Unnes, „Gartenverrückt“, Lebensweisheiten und botanische Tipps von unsterblichen Gartengenies. Atlantik, Hoffmann & Campe Verlag

"ICH FAND, BLUMEN WAREN DIE ANTWORT DER NATUR AUF DAS TESTBILD"
Elin Unnes in „Gartenverrückt"