Timișoara: Europas Kulturhauptstadt 2023 im Portrait

Mit Timișoara (deutsch: Temeswar) im Westen Rumäniens rückt die Europäische Union 2023 eine Stadt in den Fokus, die vielen unbekannt ist, jedoch als vitale, geschichtsträchtige Kulturmetropole glänzt. Die rumänische Journalistin und Dramatikerin Elise Wilk stellt die Metropole im Portrait vor – und gibt einen Ausblick auf das Programm von Europas Kulturhauptstadt 2023. 

An der Vaporetto-Station "Corneliu Coposu" auf dem Bega-Kanal in Timișoara hat sich eine Menschenschlange gebildet. In wenigen Minuten wird ein Wasserbus die Leute ins Fabrikviertel bringen. Von dort aus werden sie auf verschiedenen Wegen ins Reformierte Zentrum "Neues Millennium" gelangen, auf den Spuren eines Geheimnisses um das Verschwinden einer Frau im Jahr 2002. Es ist ein Theaterprojekt, das ein Stadtviertel und dessen Geschichten erkundet. "Die parallele Stadt: Fabrikstadt" wurde vom Autor Peca Ștefan und von der Regisseurin Ana Mărgineanu am ungarischen Theater Csiky Gergely entwickelt. Schauspieler des rumänischen und deutschen Theaters aus Timișoara machen bei der mehrsprachigen Performance mit.

"Man folgt dem Ensemble durch die Straßen und ist mittendrin im Geschehen. Statt ein fiktives Universum zu beobachten, ist man Teil davon", erklärt Peca Ștefan. 2021 hat das Team den ersten Teil über das Viertel Josefstadt herausgebracht, im nächsten Jahr soll der letzte Teil über Elisabethstadt folgen. Die Trilogie wird ein Netz von Erlebnispfaden schaffen. Die Teilnehmenden können dabei ihre Routen selbst wählen. "Nachdem man an dieser Performance teilnimmt, sieht man die Stadt mit anderen Augen", sagt die Regisseurin Ana Mărgineanu. "Die parallele Stadt" entsteht zu einem besonderen Anlass: 2023 wird Timișoara europäische Kulturhauptstadt.

Das multikulturelle Erbe von Timișoara

Mitte Februar 2023 startet das Programm mit Tausenden von Veranstaltungen. Die Nachricht, dass Timișoara die Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas erfolgreich bestanden hat, war keine große Überraschung. Die drittgrößte Stadt Rumäniens, im Westen nahe an der Grenze mit Serbien und Ungarn gelegen, ist die vielleicht weltgewandteste im ganzen Land und kann auf eine seit Jahrhunderten währende multikulturelle Geschichte zurückblicken.

Timișoara – eine Stadt mit Geschichte

Timișoara (deutsch: Temeswar) wurde im 18. Jahrhundert unter Herrschaft der Habsburger zu einem Festungs- und Garnisonsort ausgebaut, gehörte abwechselnd zu Österreich-Ungarn, zu Serbien, zum Osmanischen Reich und seit 100 Jahren zu Rumänien. Der Mix der Kulturen und Religionen hat in der pulsierenden Stadt viele Spuren hinterlassen. Heute leben hier Menschen aus Rumänen, Ungarn, Serbien und Deutschland friedlich zusammen. Diese Vielfalt prägt auch das Kulturleben: Es gibt Theateraufführungen in drei Sprachen, Rockkonzerte, Jazzfestivals, Open-Air-Veranstaltungen der Oper und Lesungen in mehreren Sprachen. Mit ihrer imposanten Dichte an bewundernswerten historischen Gebäuden wirkt Timișoara wie ein riesiges Freiluftmuseum. Hinzu kommt eine überall zu spürende Aufbruchstimmung, ein Gefühl von Freiheit, ein gewisser Glanz, der in der Luft liegt.

"Shine your light – Light up your city!" heißt das Konzept, das die kulturellen Events des Jahres 2023 zusammenbringen wird. Es spielt darauf an, dass Timișoara im Jahr 1884 die erste europäische Stadt war, die elektrische Straßenbeleuchtung einführte. Und auch darauf, dass Mitte Dezember 1989 von hier aus der Funke ausging, der die rumänische Revolution auslöste und der sich im ganzen Land verbreitete. Timișoara war die erste vom Kommunismus befreite Stadt Rumäniens.

Timișoara: Der Charme des "kleinen Wiens"

Auf das "kleine Wien", wie Timișoara wegen der vielen Bauten aus der Kaiserzeit auch genannt wird, ist die Bevölkerung besonders stolz. Es ist die einzige Stadt Europas, in der es drei Staatstheater in drei verschiedenen Sprachen gibt. Es ist eine Stadt, die näher an Budapest und Belgrad liegt als an der Hauptstadt Bukarest. Wo der Frühling früher kommt als anderswo im Land und wo der Aprilwind die Kirschbaumblüten durch die Luft wirbeln lässt wie rosafarbene Schneeflocken. Wo man auch nachts ins Strandbad gehen kann. Die Stadt, wo es Wiener Apfelstrudel auf dem Corso gibt, serbische Pljeskavica am Kiosk neben der orthodoxen Kathe­dra­le und wo am frühen Morgen die Straßen nach ungarischen Langos riechen.

Die Stadt, wo eine alte Garage in einen Theatersaal umgewandelt wurde und wo man in Sommernächten in einer Schiffsbar am Ufer des Bega-Kanals Jazz hört, wo auf dem Asphalt zeitgenössische Gedichte geschrieben sind, wo im Lokal "Yugo" Balkanmusik ertönt und im "Bunker" die Köpfe kräftig zu lauter Rockmusik geschüttelt werden. Die Stadt, wo man auf einem Flugplatz Freilichtfilme schaut, wo man Wasserbus und Tram fährt. Die Stadt, wo die Leute sich mit dem italienischen "Ciao" begrüßen und die seit 2020 mit Dominic Fritz einen deutschen Bürgermeister hat.

Timișoaras architektonische Vielfalt erleben

Wer Timișoara besucht, sollte zwei Stadttouren machen: einmal auf eigene Faust und das zweite Mal mit einer geführten Tour. Es gibt sowohl eine deutschsprachige – buchbar unter viator.com – als auch eine spezialisierte Architektur-Tour auf Englisch (Infos unter: turdearhitectura.ro), um mehr Hintergründe zu erfahren. Die architektonische Vielfalt erzählt die von Veränderung geprägte Geschichte der Stadt. Nicht weniger als 14.000 imposante Bauten bilden das größte architektonische Ensemble historischer Gebäude in Rumänien.

Drachen und Cafés aus alten Zeiten in Timișoara

Die elegante Mischung der Baustile – von Barock und Historismus über Neoklassizismus bis hin zur Wiener Secession – ist das Ergebnis einer langen Tradition des modernen Städtebaus, die bereits im 18. Jahrhundert begann. Wenn man durch die Straßen schlendert, fühlt es sich an, als ob man in einer riesigen Schatztruhe wühlen würde: Jedes Mal entdeckt man ein neues Juwel. Dabei muss man dauernd nach oben schauen zu den augenförmigen Dachterrassenfenstern eines kieselroten Hauses, zu den Drachen-Statuen aus Marmor, die die Fassade eines dottergelben Hauses schmücken, oder zum Turm eines rosafarbenen Gebäudes, der wie eine riesige Parfümflasche aussieht.

Die rumänische Revolution begann in Timișoara

Auf dem Siegesplatz, der früher Opernplatz hieß, wurde im Dezember 1989 Geschichte geschrieben. Hier begann die rumänische Revolution. Die entgegengesetzten Pole des Platzes bilden der Kulturpalast im Norden (beherbergt die Staatsoper sowie das deutsche, ungarische und rumänische Staatstheater) und die orthodoxe Kathe­dra­le der Heiligen drei Hierarchen im Süden. Die Corso-Promenade, die Fußgängerzone zwischen Kulturpalast und Kathe­dra­le, ist von Herrenhäusern aus der Barockzeit und von Jugendstilpalästen geprägt. In diesen Gebäuden befinden sich neben Straßencafés, Restaurants und Boutiques auch die Kinos Capitol und Studio, das Museum des Banats und mehrere Kunstgalerien.

Der Lloyd-Palast – Lipót Baumhorns Handschrift in Timișoara

Eines der eindrucksvollsten Gebäude am Siegesplatz ist der Lloyd-Palast, der 1910 in eklektizistischem Baustil mit Elementen des Barocks und des Jugendstils errichtet wurde. Im ersten Stock befand sich damals der Sitz der Bank Lloyd’s of London, heute ist hier die Polytechnische Universität und im Parterre das berühmte Café Lloyd untergebracht. Teile der Jugendstileinrichtung wie die lindgrünen Stuckdecken, die alten Kandelaber und die Spiegelsäulen sind gut erhalten. Die orthodoxe Kathe­dra­le ist mit einer Höhe von 83,7 Metern die höchste Kirche in Rumänien – und eine der geräumigsten. Sie bietet Platz für 5.000 Menschen.

Streetart am Bega-Kanal in Timișoara

Geht man vom Kulturpalast aus weiter nach Norden, gelangt man gleich in eine weitere Fußgängerzone, die Mărășești-Straße, mit vielen Cafés und hübschen Läden, die zum vielleicht beliebtesten Ort der Stadt, dem Domplatz, führt. Auf einmal fühlt man sich wie von riesigen Lebkuchenhäusern umringt. Es sind prunkvolle Ausrufezeichen in den unterschiedlichsten Baustilen: Paläste, Kathe­dra­len und andere imposante Bauten. Fast in jedem Haus befindet sich ein Restaurant oder Café mit Terrasse. Besonders schön sind die zwei Kathe­dra­len: die römisch-katholische und die serbisch-orthodoxe, das Brück-Haus und der reich verzierte Barockpalast. Dieser besteht aus zwei Stockwerken und einer Mansarde sowie zwei im Wiener Barock gestalteten Eingangstoren. Seit 1984 beherbergt er das Kunstmuseum der Stadt. Das farbenfrohe dreistöckige Brück-Haus beeindruckt mit seinem eigenwilligen Stilmix aus Barock, Wiener Secessionsstil und ungarischen Folklore-Motiven. Im Erdgeschoss befindet sich eine ehrwürdige Apotheke mit Originalmobiliar.

Pulsierendes Leben an Timișoaras Bega

Eine andere Attraktion der Stadt, die man sich nicht entgehen lassen sollte, ist das Ufer des Bega-Kanals, der 1732 als erster schiffbarer Kanal auf dem Gebiet Rumäniens Geschichte geschrieben hat. Entlang der breiten Wasserstraße wurden Radwege angelegt. Sie laden ein, die Stadt im Fahrradsattel sitzend aus ganz anderer Perspektive zu erkunden. In den vergangenen Jahren sind hier zunehmend Bars und Restaurants eröffnet worden. Die Terrassen werden für Kulturevents jeglicher Art genutzt – vom Theater über Filmvorführungen bis zu Konzerten. Auf dem Gelände der Wasserwerke präsentiert sich eine flussnahe Galerie unter freiem Himmel: Street-Art-Kunstschaffende aus der ganzen Welt haben hier auf Hunderten von Betonfassaden hundertfach ihre auffälligen bunten Zeichen hinterlassen.

Lepa Brena – Diva auf dem Kran in Timișoara

Hundert Jahre nach Einführung des elektrischen Lichts schrieb sich noch ein Ereignis in die Geschichte der Stadt ein. Im August 1984 fand auf im heutigen Dan-Păltinişanu-Stadion das einzige von Panzern überwachte Konzert eines internationalen Musikstars im kommunistischen Rumänien statt. Die Pop-Sängerin Lepa Brena, als "Diva des Balkans" der größte Star im damaligen Jugoslawien, trat dort vor 65.000 Menschen auf. Während des Konzertes wurde Brena von einem riesigen Kran in die Höhe gehoben und schwebte über der jubelnden Menschenmenge. "Es war vielleicht der erste Moment in unserem Leben, als wir uns frei gefühlt haben", erinnert sich ein Bewohner der Stadt.

Vom legendären Konzert und von vielen anderen Begebenheiten, die die Stadt geprägt haben, handelt die Theateraufführung "Grand Hostel Timișoara" des freien Theaters Auăleu, das seit 16 Jahren in einem Haus in der Nähe des Lahovary-Platzes das Publikum begeistert. In dem Stück, das auch für das Programm der Kulturhauptstadt geschrieben wurde, wechseln das Ensemble ständig zwischen neun Sprachen. Eine kulturelle Normalität in Timișoara.

Kunst & Kultur in Timișoara

"Grand Hostel Timișoara" und "Die paral­lele Stadt" sind nicht die einzigen Theaterproduktionen, in denen die Stadt an der Bega die Hauptrolle spielt. Auf dem Spielplan des rumänischen Nationaltheaters steht die Produktion "Timișoara: Endstation", die von der rumänischen Revolution handelt. Am Deutschen Staatstheater wird bereits seit mehreren Jahren das Stück "Tagebuch Rumänien. Temeswar" gespielt. Es behandelt die Biografien von sechs Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich sehr persönlich damit auseinandersetzen, wie Eltern und Freundeskreis, aber auch die Stadt mit ihren unterschiedlichen Vierteln ihr Leben geprägt haben.

Die schönste Art, eine Stadt kennenzulernen, ist durch ihre Kunst. Aus diesem Grund laden die Bewohnerinnen und Bewohner von Timișoara Menschen aus der ganzen Welt ein, ihre Stadt zu besuchen. Und sich in sie zu verlieben.

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