RADIKAL MINIMAL

Rückkehr aus London: Designer Torsten Neeland hat seinen Hamburger Wohnsitz in den Grindelhochhäusern neu eingerichtet. Sein Apartment verbindet Nachkriegsmoderne mit einem kuratierten Minimalismus. Jeder Stuhl, jedes Kunstwerk erzählt eine Geschichte.

Hochhaussiedlungen haben keinen glänzenden Ruf in Deutschland – im Gegenteil, sie sind oft Synonym für armseliges Design und sozialen Niedergang. Doch die Grindelhochhäuser in Hamburg spielen in einer anderen Liga und haben das von Anfang an getan. Sie sind, wie der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt urteilt, eines der wenigen „kompromisslosen Zeugnisse der Moderne“ im Nachkriegsdeutschland. Diesen Rang merkt man ihnen heute noch an, und genau deshalb können sich hier auch Menschen mit gestalterischen Ansprüchen wohlfühlen. So wie der Designer Torsten Neeland, der bereits in den Neunzigerjahren einzog. Seither blieb das Apartment, in dem er auch arbeitet, ein Standort, sogar während er überwiegend in London tätig war. „Ich bin hier in der Nähe aufgewachsen, ich fand die Grindelhochhäuser schon immer toll“, bekennt er. Zu deren Charme gehört auch, dass sie in bester Lage stehen, am Rande des Nobelviertels Harvestehude, in der Nähe der Universität und des beliebten Isemarkts.

"Die Prototypen enden sowieso bei mir. Warum soll ich sie ins Lager stellen? Ich mag die Sachen."

In London etablierte Neeland sein Studio für Industriedesign und Innenarchitektur, plante Einzelhandelsgeschäfte, entwarf Leuchten, Geschirr und Gebrauchsgegenstände für Marken wie Anta, Magazin, Anthologie Quartett, Dornbracht und Yoji Yamamoto.

Brexit und Corona waren es schließlich, die Neeland wieder ganz nach Hamburg brachten. Die Entscheidung, sich aus England vorerst zurückzuziehen, war für ihn auch der Anlass, die gemietete Wohnung neu zu gestalten. Ein Fußboden aus hellem Betonestrich wurde verlegt, die Wände neu verputzt – nun wirken die 80 Quadratmeter so, als wäre sie nie für etwas anderes gedacht gewesen, als für eine strahlend helle, minimalistische Lebenswelt. „Ich liebe zurückhaltendes Design“, beschreibt Torsten Neeland seinen Stil. „Ich strebe Einfachheit an.“ Aber sein Minimalismus hat es in sich. Was in den Entwürfen so einfach erscheint, ist oft Ergebnis komplexer Überlegungen und Technologien. So wie bei dem Glas, aus dem er seinen Gästen Mineralwasser serviert. Der Prototyp vermittelt eine winzige Irritation, ist er doch unregelmäßig oval verformt, dennoch stapelbar und dazu haptisch angenehm. Neben den Gläsern trifft der Besucher in der Wohnung auf eine ganze Sammlung von Designobjekten. Jeder Stuhl, jedes Kunstwerk hat eine Geschichte zu erzählen, die mit Torsten Neeland und seinem Leben zu tun hat.

„Arbeiten und Leben gehen bei mir ineinander über, egal ob die Objekte experimentell oder kommerziell sind“, erklärt er. Und eine praktische Seite hat das Ganze auch. „Die Prototypen enden sowieso bei mir. Warum soll ich sie ins Lager stellen? Ich mag die Sachen.“ Und weil er ein Designer ist, der gern und viel mit anderen kooperiert, stehen neben seinen eigenen Entwürfen auch solche von Freunden und Vorbildern. Da sind Editionen von Jenny Holzer und Rosemarie Trockel, zwei Vasen von Enzo Mari aus dem Jahr 1969, bestehend aus je einem Stück verformter Rohrleitung. Dazu kommen Stühle von Jasper Morrison, ein Papierkorb von Konstantin Grcic und ein Tisch von Hauke Murken für Nils Holger Moormann. Und dann stehen da auch noch zwei Stühle von Rei Kawakubo, auf die Torsten Neeland besonders stolz ist. Die japanische Modedesignerin und Gründerin der Marke Comme des Garçons ist eine seiner Heldinnen: „Sie arbeitet sehr radikal und hat im Design viel bewegt.“

"Arbeiten und Leben gehen bei mir ineinander über, egal ob die Objekte experimentell oder kommerziell sind."

Dass die Wohnung so strahlend wirkt, liegt nicht nur an den hellen Farben von Wänden, Böden und Teppichen, sondern auch am Grundriss. Sowohl das Arbeits- als auch das Wohnzimmer bekommen Tageslicht von zwei Seiten, die Fenster sind teils bodentief und von einem umlaufenden, sehr schmalen französischen Balkon begleitet. Der Blick geht über üppige Wipfel hinweg in die Weite – eleganter kann man kaum wohnen in Hamburgs innerer Stadt.

Allein bei der Küche endet Neelands Begeisterung. Zwar hat er sie mit Schränken und MDF-Fronten minimalistisch ausgestattet. Doch sie ist winzig, beinahe eine Pantry. Schlechte Voraussetzungen, wenn man für Gäste kochen will. Und das will Neeland oft. „Man muss alles gut planen“, sagt er. „Und dann rennt man hin und her zwischen Herd und Esstisch“. Übrigens auch ein eigener Entwurf. „Dass die Küche so klein ist, verstehe ich nicht“, sagt er, „ob es an der Rolle der Frau in der Bauzeit lag? Oder daran, dass es sowieso kaum Lebensmittel gab?“ Womöglich findet sich der Grund aber auch in dem ursprünglichen Zweck der Häuser, die als Unterkünfte für britische Besatzungsoffiziere geplant waren. In jedem Haus waren jeweils Kantinen und Gemeinschaftsräume untergebracht – mehr als Toast und Spiegelei zuzubereiten war im militärischen Lebensstil der späten Vierzigerjahre offenbar nicht vorgesehen. Doch obwohl die Militärs nie einzogen, blieben die kleinen Küchen auch in den späteren Umplanungen erhalten – eine Tatsache, die selbst ein Top-Designer nicht ändern, sondern nur hinnehmen kann. —

Deutschlands erste Hochhaussiedlung Zwölf

Hochhausscheiben in städtischer Lage mit keinerlei formalen Bezügen zur Umgebung – es scheint, als ob mit den Grindelhochhäusern die stadtplanerischen Träume von Le Corbusier Gestalt angenommen hätten. Tatsächlich waren die Planer der Häuser, allen voran der leitende Architekt Bernhard Hermkes, noch aus den 1920er-Jahren tief von Le Corbusiers Gedanken beeinflusst. Zudem waren sie Vollprofis. Für den ersten Entwurf der Grindelhochhäuser brauchten sie – heute unvorstellbar – ganze drei Wochen. Das war 1946. Auftraggeber waren die britischen Besatzungsbehörden, die in der ausgebombten Stadt dringend Wohnraum für ihre Offiziere schaffen wollten. Das ambitionierte Vorhaben, 900 Wohnungen mit 150.000 Quadratmetern Fläche auf dem Gelände zu bauen, war nur realisierbar, indem man in die Höhe plante. Sämtliche Häuser stehen in Nord-Süd-Richtung. Die Bewohner genießen demnach – soweit sie in durchgesteckten Wohnungen leben – von Osten her Morgensonne und vom Westen das Abendlicht. Den Ideen Le Corbusiers entsprechen auch die Grünflächen, die Geschäftsräume im Erdgeschoss, gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen, Fahrstühle, Müllschlucker im Treppenhaus sowie gemeinsame Waschküchen. Vieles davon war zur Entstehungszeit ultramodern. Alle Grundbedürfnisse sollten in den Grindelhochhäusern erfüllt werden.

"Ich liebe zurückhaltendes Design."

Dieses Grundkonzept blieb auch bestehen, als sich die Engländer schon 1947 wieder aus dem Projekt zurückzogen – sie hatten mit den Vereinigten Staaten die sogenannte Bizone in Deutschland gegründet und ihr Hauptquartier dafür nach Frankfurt verlegt. Die Planungshoheit für die Grindelhochhäuser ging an die städtische Wohnungsgesellschaft SAGA über, die das ursprüngliche Konzept weiterverfolgte und 2.122 Wohnungen bis Mitte der 1950er-Jahre fertigstellte. 5.400 Menschen fanden hier in unterschiedlichen Wohnungstypen ein Zuhause, von Ein-ZimmerApartments bis zu großzügigen Atelierwohnungen. Nach einer Phase des Niedergangs wurden die Grindelhochhäuser Ende der 1990er-Jahre saniert, seit 2000 stehen sie unter Denkmalschutz. Inzwischen sind die Wohnungen wieder sehr beliebt. Heute leben rund 3.500 Menschen im Quartier. Die einst mageren Bäume sind groß und üppig geworden und in den Ladenlokalen arbeiten statt Schlachtern, Bäckern und Juwelieren nun eher Künstler, Architekten und Modedesigner.

"Die Grindelhochhäuser fand ich schon immer toll – ich bin hier in der Nähe aufgewachsen."