„Wer wohnt? denn da“ – Zu Gast bei Frédéric Winkler und Ema Pradère

Die Bestsellerautorin Meike Winnemuth („Das große Los“, „Bin im Garten“) versucht, anhand einiger Fotos eines Zuhauses die Bewohner zu erraten. Meist geht es schief. Sie findet das lustig.

Tonbandgerät und Jukebox. Eiserne Rolltore und Industrie-Estrich. Daneben Kunstsinn – und Keramik aus einer Hand. Unsere Autorin orakelt: Ein Mann. Ein Keramiker. Einer aus Frankreich – denn wo sonst würde die luftgetrocknete Salami an einem Flaschenzug hängen?

EIN MUSIKLIEBHABER. Eine alte Jukebox steht in der Ecke, es gibt ein Kofferradio mit einer Antenne von hier bis zum Himmel, wuchtige Lautsprecher, die im Streamingzeitalter fast schon nostalgisch wirken, einen Plattenspieler, ein Tonbandgerät. Ein Tonbandgerät! Alles hier schreit: ein Mann. Ein Flohmarktgänger mit einem guten Händchen, wenn auch mit skurrilem Beuteschema: ein einzelner antiker Holzski? Warum? Okay, die korrekte Antwort des Flohmarktiers auf solche Fragen lautet natürlich stets: warum nicht?

Hochinteressant finde ich das Bett: eine Matratze auf dem Boden, über das Bettzeug ist lässig irgendeine Decke geschmissen, die eigentlich zu klein ist. Ein bezaubernd rebellischer Akt in einer Welt, die Schlafen zur Religion gemacht und Betten im Lauf der letzten Jahre zu Schichttorten aus mundgeblasenen Boxspringmatratzen, schaumgeborenen Toppern und engelsflügelweichen Daunendecken geschichtet hat. Ich habe den leisen Verdacht, dass der Bewohner sich noch nie mit dem Thema Fadendichte beschäftigt hat – hier wird geschlafen, weil man durch das Tagwerk eh schon müde ist, wo liegt das Problem?

Einfach doll ist das Bad, das aussieht, als ob früher zehn dreckige Männer nach getaner Arbeit darin geduscht hätten. Durch eiserne Rolltore von der Küche getrennt, mit alten Heizkörpern ausgestattet, die wirken, als ob an ihnen einst etwas Unaussprechliches getrocknet wurde. Alles rau, alles funktional und alles ungehobelt.

Aber eben nicht nur: Das Haus ist deshalb interessant, weil es so angenehm schizophren ist. Offensichtlich war es einst eine Werkstatt: unverputzte Steinwände, alter Industrie-Estrich, Werkstatt-Paraphernalien wie Flaschenzüge, geschmiedete Haken, unverkleidete Steckdosen über der Küchenarbeitsfläche. Doch daneben sorgsam inszenierte Requisiten der Hochkultur. Da steht zum Beispiel eine Skulptur von Alexander Calder neben dem Herd, die verdächtig echt aussieht. Da gibt es japanische Stiche, den Katalog einer Modeausstellung aus dem New Yorker Met, einen Marmorkamin, die Mantis-Wandleuchte von Bernard Schottlander, einem großen Bewunderer von Calder. Das ist alles schon sehr fein und sehr bewusst ausgesucht.

Vielleicht ist es die luftgetrocknete Salami, die an den Flaschenzügen hängt, aber ich glaube, wir befinden uns in Frankreich. Mir fällt sehr die Keramik auf, die sämtlich aus einer Hand zu stammen scheint. Wohnt hier ein französischer Keramiker, weltgewandt, aber trotzdem froh, immer wieder an seine Ursprünge zurückkehren zu dürfen?

Sie wohnen hier: Frédéric Winkler, Gründer des Leuchten-Labels DCW Éditions, und die Keramikerin Ema Pradère

Meike Winnemuth bekommt die Auflösung unseres Wohnrätsels und nimmt Kontakt zu Frédéric Winkler auf.

Dass dieses Haus mitten in Paris steht, ist kaum zu glauben.

Haus ist ein großes Wort ...

Häuschen?

Eher. Es ist eine alte Remise, angeblich wurden dort einst Guillotinen gelagert.

Sehr ... romantisch.

Oh, es wird noch besser. Ich habe die Remise vor der Trennung von meiner Lebensgefährtin gekauft und war lange nicht in der Lage, sie zu betreten. In meinem Liebeskummer habe ich zwei Jahre bei verschiedenen Freunden auf dem Sofa geschlafen. Irgendwo hab ich die Schlüssel zum Haus verloren. Egal, ich war eh nicht imstande, mein Leben wieder zusammenzuflicken. Ema sprach mich auf der Messe Maison & Objet an. Ich warf ihre Nummer weg, weil ich noch nicht bereit war. Aber sie meldete sich einige Zeit später und zeigte mir ihre Arbeiten. Ich habe mich erst in ihre Keramik verliebt, dann in sie. Sie suchte damals einen Platz für ihren Brennofen, und ich bot ihr das Haus an.

Die Schlüssel ...?

Fanden sich wieder, magisch. Und ich fragte Ema, ob sie mit mir in dem Haus leben wollte. Sie sagte ja – und fuhr zwei Wochen später für drei Monate nach Japan (lacht). So begann es mit uns und dem Haus, damals vor sechs Jahren.

Franzosen kriegen einfach die schönsten Liebesgeschichten hin. War die Einrichtung ein Gemeinschaftsprojekt? 

Wir wollten es gar nicht einrichten, beide nicht, insofern ja. Als wir einzogen, war es ein Bürogebäude mit lauter Zwischenwänden. Wir haben alles rausgerissen, ein paar neue Fenster eingesetzt – und das war es auch schon im Wesentlichen. Ema und ich sind uns einig darin, dass Komfort gefährlich sein kann.

Gefährlich? Wie das?

Man wird leicht bequem. Verliert seine Beweglichkeit. Das gilt nicht nur fürs Wohnen, sondern fürs Leben im Allgemeinen. Hält man sich an die bekannten Pfade, hat man keine Chance mehr, sich zu verirren und Neues zu entdecken. Dagegen muss man aktiv angehen.

Die Gestaltung Ihres Hauses ist tat- sächlich sehr funktionell, beweglich: Arbeitsschemel, Fabrikleuchten, rohe Wände, Matratzen auf dem Boden. Es wirkt improvisiert.

Gut! Genau das soll es sein! Nichts ist deprimierender als Perfektion. Es ist wie bei einer Bergbesteigung: Der Weg zum Gipfel ist aufregend, der Gipfel selbst dagegen langweilig, enttäuschend, kalt – und man muss wieder runter. Ich hänge mein Herz daher nicht an Objekte. Alles, was wir im Haus haben, kann morgen schon wieder weg sein, da ist ständige Bewegung. Wenn einem Besucher was gefällt, schenke ich es ihm. Ema ist da oft böse auf mich.

"Gutes Licht ist wie ein gutes Paar Schuhe. Es reißt alles raus"
Frédéric Winkler

Da ist es praktisch, dass Sie eine Leuchtenfirma haben, Sie können immer für Nachschub sorgen.

Das Licht ist ohnehin das Wichtigste, es strukturiert die Räume. Eine gute Leuchte ist wie ein gutes Paar Schuhe, es reißt alles raus. Licht schafft Atmosphäre, ob zum Kartenspielen, zum Essen oder zum Küssen. Mehr braucht man nicht. Mich macht das Zuviel nervös. Meine Tochter benutzt sechs Sorten Shampoo, das ist doch Wahnsinn!

Aber ein paar Obsessionen haben doch auch Sie, Musik zum Beispiel. Das alte Tonband, die Jukebox ...

Ja klar. Musik ist wichtig. Sie lässt träumen. Sie macht glücklich. Ich singe jeden Morgen unter der Dusche.

Ihre Dusche ist perfekt dafür, würde ich sagen. Noch ein Wort zum Bett?

Ich reise viel und schlafe in den absurdesten Hotelbetten. Alle in Kingsize, hoch, mit Kissenbergen – was für eine Verschwendung für eine Nacht! Ich schlafe am liebsten im Gras oder auf dem Boden. Unser Bett kommt dem nah. Man muss morgens wirklich im Wortsinn aufstehen. Der Tag fängt einfach anders an.