Palermo Uno – Sophies Welt

Im Brera – Mailands begehrtem Design District – eine Wohnung zu finden ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Galeristin Sophie Wannenes knackte den Jackpot: Sie bezog dort ein Apartment, das sie zugleich als Showroom nutzt.

"ICH HABE SEHR VIEL MIT FARBE GEARBEITET UND ALLES mitgebracht, WAS ICH LIEBE"
Sophie Wannenes

Als Sophie Wannenes im September 2018 die Wohnung in dem eleganten 30er-Jahre-Bau auf der Via Palermo zum ersten Mal betrat, traf sie fast der Schlag. "Sie war ein Wrack", erzählt sie, total heruntergekommen.“ Gut 15 Monate hatte niemand in dem Apartment in der zweiten Etage gewohnt, und die letzte Renovierung schien auch schon mindestens ein Vierteljahrhundert zurückzuliegen. Die umtriebige Geschäftsfrau zögerte trotzdem keine Sekunde. Leben und arbeiten auf 150 Quadratmetern in Mailands berühmtem Design District? Dort wo Bof , Missoni, Michele De Lucchi oder das angesagte Designer-Duo Dimore ihr Studio haben? Das war die Chance für die passionierte Einrichterin. Sie griff zu subito! Der Mietvertrag war kaum unterschrieben, schon starteten die Renovierungsarbeiten. In einer Rekordzeit von nur zwei Monaten gelang es der toughen Stilexpertin, die abgerockten Räume in ein glamouröses Juwel zu verwandeln. „Ich habe den Handwerkern ordentlich Stress gemacht“, sagt Sophie Wannenes und lacht.

Zu tun gab es genug: Allein im Wohnzimmer mussten fünf Schichten Tapeten entfernt werden, die von Vorgängern über Jahrzehnte einfach übereinandergeleimt worden waren. Sie ließ Stuckdecken freilegen, Parkett- und Terrazzoböden aufarbeiten, und neben einer komplett neu installierten Elektrik schuf die neue Mieterin zudem einen großen bogenförmigen Durchbruch zwischen Wohn- und Esszimmer „Die Raumfolge war perfekt“, so Wannenes. „Ich habe in erster Linie mit Farbe gearbeitet und alles mitgebracht, was ich liebe.“ Vom großzügigen Entree, für das sie einen warmen Rotton namens „Della Robbia Aubergine“ wählte, führen sechs Türen in die umliegenden Räume: Küche, Wohn- und Esszimmer, den Masterbedroom sowie zwei weitere Räume, die sie als Büro und Galerie nutzt. Und was Sophie Wannenes liebt, ist vor allem eines: extravagant.

"FÜR MICH IST EINRICHTEN EIN VERGNÜGEN keine ARBEIT"
Sophie Wannenes

Die Kosmopolitin stammt aus einer Dynastie erfolgreicher Antiquitätenhändler. Ihre Mutter ist Französin, ihr Vater ein Italiener mit holländischen Wurzeln, der mit seinen 86 Jahren noch immer ziemlich umtriebig ist. Er gilt als Koryphäe für französische Möbel des 18. Jahrhunderts und versorgt bis heute Sammler und Museen in ganz Europa mit exquisiten Preziosen. „Wenn man in einem Haus aufwächst, das wie Versailles aussieht, prägt das natürlich“, sagt die Tochter. „Auch wenn man die Konsequenzen erst sehr viel später realisiert.“ Dass Sophie der Familientradition einmal folgen würde, hatte zunächst niemand gedacht, denn der Handel mit Schönem und Seltenem war anfangs so gar nicht ihr Ding. Sie studierte lieber Kommunikation an der Goldsmiths University in London und stieg finalmente 2005 ins Designbusiness ein. Sie entwarf erste Leuchten, die sie unter dem Label Narkisso vertrieb, und startete mit dem Verleih und Verkauf von Möbeln und Requisiten für Filmsets, Werbeaufnahmen und Events. Inzwischen berät Wannenes auch Privatkunden bei der Gestaltung ihres Interiors. Souverän spielt sie mit Stilen und Epochen, wie man am eigenwilligen Mix ihrer Einrichtung erkennt – mit gewagten, amboyanten Farben, handverlesenen Vintage-Möbeln und einer eklektischen Auswahl zeitgenössischer Objekte nationaler und internationaler Provenienz. Jedes der von ihr ausgesuchten Stücke ist von besonderer handwerklicher Qualität – Ehrensache bei Wannenes.

Mit dem Einzug in die Via Palermo hat sich die 42-Jährige gleich zwei Herzenswünsche erfüllt: Zum einen konnte und kann sie für sich privat ein Ambiente im besten Designviertel der Stadt kreieren, in dem sie sich immer wieder aufs Neue austobt. Zum anderen hat sie einen Ort, an dem sie ihren Gästen Arbeiten internationaler Künstler und Designer präsentiert, die sie selbst besonders schätzt. „Ich will Mut machen, etwas auszuprobieren“, sagt sie. „Mit einem authentisch belebten Interior ist das viel einfacher. Wer die Räume betritt, bekommt Lust auf Farbe, auf Design, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht ein wenig too much wirkt.“

Too much? Im Gegenteil! Alt und neu ergänzen sich im „PalermoUno“, wie Wannenes ihr Studio-Galerie-Apartment nennt, ganz selbstverständlich. Zu ihren Lieblingsstücken zählen zum Beispiel die thronartigen Sitzmöbel des in New York lebenden Mario Milana, aber auch skulpturale Marmortische von Marzotti Edizioni oder experimentelle Teppiche von Ilo Rugs. Die herrlichen Stuckdecken der Wohnung zieren zeitgenössische Lüster von Mason Editions, Hängeleuchten des britischen Labels Tala und farbige Glaskugeln der tschechischen Manufaktur Bomma. Besonderen Wert legte Wannenes jedoch auf die individuelle Wandgestaltung in jedem Raum. Die Muster und Farbkombinationen entwarf sie größtenteils selbst, die Ausführung überließ sie allerdings den Profis von Pictalab Mailand, die zudem handgefertigte Tapeten lieferten.

"BEIM UMBAU HABE ICH den Handwerkern ORDENTLICH STRESS GEMACHT"
Sophie Wannenes

Wer Palermo Uno besuchen möchte, kann dies von Montag bis Freitag zwischen 10 und 19 Uhr tun. Alle Ingredienzien ihres Interiors – von den Wandfarben der französischen Manufaktur Ressource Peintures bis zu Trinkgläsern der Chicagoer Architektin Felicia Ferrone – sind selbstverständlich über Wannenes zu beziehen. Und wie wählt sie die Exponate aus? „Nach meinem Geschmack“, erklärt sie selbstbewusst. Was alle anderen haben, interessiert sie nicht. Deshalb ist sie ständig auf der Suche nach neuen Talenten und außergewöhnlichen Objekten: „Ich liebe das, was ich tue, und versuche immer, meine Reisen – ob beruflich oder privat – mit Entdeckungen zu verbinden. Für mich ist das keine Arbeit, sondern Vergnügen.“ Zweimal pro Jahr wird sich die Einrichtung von Palermo Uno zukünftig verändern. 

Seit dem 9. April 2019 sind die Türen  von „Sophies Welt“ im Brera Design District für Tausende von Besuchern aus aller Welt geöffnet.