Extreme Entschleunigung

Wer in Mexico City lebt, wird wenigstens von Zeit zu Zeit zwei Dinge besonders zu schätzen wissen: Stille und Abgeschiedenheit. Beides fand Emmanuel Picault in dem Örtchen Santa Catarina südlich der Megacity

Zu den im ersten Moment überraschend klingenden Tatsachen gehört die Erkenntnis, dass der quirlig brodelnde Moloch Mexico City ein vortreffliches Versuchsgelände für die Entdeckung der Langsamkeit ist. Damit sind nicht die Kellner gemeint, die manchmal in einer Art Superzeitlupe das Bier servieren, dass man befürchten muss, es würde sich schon auf halbem Weg zum Gast weit oberhalb der empfohlenen Trinktemperatur befinden. Wer dem Rauschen der Stadt nämlich entkommen will, tut das höchstwahrscheinlich im Schritttempo.

"„Ich habe diesen Platz am Morgen nach einer Party entdeckt“"
Emmanuel Picault

Am Samstagmorgen jedenfalls stehen alle Autos, so weit das Auge reicht. Und es reicht weit über die ausufernden Vororte im Süden. Auf der Autobahn dasselbe Bild. Martin, schwer verkatert auf dem Beifahrersitz („Macht euch doch nichts, wenn ich rauche“), weiß aber, wie man dem möglicherweise entkommen kann. Er lotst Emmanuel zur übergeordneten Schnellstraße. In Mexico City gibt es nämlich oberhalb der Autobahn-Hochtrasse noch einen gebührenpflichtigen Super-Highway. Freie Fahrt für reiche Bürger. Aber auch hier heißt freie Fahrt bis jenseits der Stadtgrenze mehr Stop als Go. So kann für die gut 80 Kilometer in das südlich gelegene Dorf Santa Catarina statt der veranschlagten eineinhalb Stunden auch mal locker ein halber Tag bis zur Ankunft verstreichen.

Das nehmen Emmanuel Picault und sein Mann Martin Michaelis gern in Kauf. Ihre Flucht aus der Stadt stoppt in Santa Catarina kurz am Straßenrand, wo Martin „die besten Burritos und Tacos" ordert, die vor Ort gespätfrühstückt und als Verpflegung für den Rest des Tages eingesackt werden. Kurz danach ein Halt am Mini-Supermarkt, der mehrere eisgekühlte Sixpacks gegen spontanes Verdursten bereithält. Am Ende der Straße dann signalisiert freudiges Gebell die Ankunft im Paradies. Hund erwartet Herrchen ...

"Erst mal gab es nur eine Mauer. Danach kam lange Zeit gar nichts"
Emmanuel Picault

Emmanuel und Martin verschwinden kurz und tauchen Minuten später wieder auf, Martin in lässigem Kaftan. Emmanuel mit umgeschlungenem Handtuch, dessen er sich sofort wieder entledigt – für einen Sprung in den Pool. Nach der Abkühlung und einem erfrischenden Mittagsbier ist er bereit für die Besichtigung des Anwesens. „Ich habe das Stück Land hier nach einer Party in der Nähe entdeckt.“ Die Berge des Nationalparks El Tepozteco im Rücken, die Sicht über die endlose Weite der anschließenden Ebene.

Der Erwerb ging schnell über die Bühne. Das Haus jedoch brauchte seine Zeit. „Ich ließ das Grundstück auf mich wirken, bis ich sicher war, was ich bauen will.“ Er erzählt, wie er nur einen Kreidestrich über Stock und Stein gezogen, geradewegs auf das Tal zu. Ein Arbeiter aus dem Dorf zog daran entlang die erste Mauer hoch. Sie bildet die Hauptsichtachse – und blieb erst mal für einige Zeit allein. Eine zweite Mauer, die geraume Zeit später dazukam, bildet ein Kreuz mit der ersten. Sie definiert die Lebensachse. An ihr entlang reihen sich Eingangshalle, Terrasse, Wohnraum, Küche. Parallel verläuft ein Trakt mit Schlafraum, Dusche und dazwischen dem WC.

Dass Letzteres eigens erwähnt wird, liegt an seiner exponierten Stellung. Denn wer hier die Sitzposition einnimmt, genießt einen famosen Blick entlang der Sichtachse ins Tal. Dem kann man sich tatsächlich kaum entziehen, denn das gesamte Anwesen besitzt keine Fenster und keine Türen (das WC allerdings schon!). „Zu Beginn hatten wir nicht mal ein Dach“, erinnert sich Emmanuel. „Und es ist ja nicht so, dass es hier nie regnet.“ An den Mauern setzte schon Moos an, als dieses Manko endlich behoben wurde. Schmale Steintreppen führen hinauf – zu einer noch mal spektakuläreren Sicht.

"Das Haus ist aus dem Bauch heraus entstanden. Alles reine Intuition"
Emmanuel Picault

Das Haus ist intuitiv entstanden, Pläne gab es keine. Eine Ausbildung hat Emmanuel auch nicht. Der gebürtige Franzose begann als Journalist, folgte seinem Jugendtraum und siedelte als junger Erwachsener nach Mexiko über. Dort beschäftigt er sich ausgiebig mit den dortigen Designern der 60er und eröffnete die sehr erfolgreiche Design-Galerie „Chic by accident“. Nach zwölf Jahren schließt er sie – als die Geschäfte auf dem Höhepunkt sind – und wendet sich dem Interieurdesign zu. Er gestaltet die coolsten Clubs und Bars der Stadt. Das „MN Roy“ ist ein Mekka für Partygänger aus aller Welt, das „Reves“, vom Magazin „Wallpaper“ zur besten Bar des Jahres gekürt. Im Edelviertel Polanco entwirft Emmanuel die Untergrund-Bar „Jules“, die aber nur schwer zu finden ist. Im Hinterraum eines gewöhnlichen Taco-Restaurants befindet sich eine massive Kühlschranktür, die geöffnet und durchschritten werden muss. Zu identifizieren ist sie nur dadurch, dass sie von einem schwergewichtigen Mann bewacht wird. Die Heimlichtuerei dieses „Speak Easy“-Konzepts stammt aus Zeiten der Prohibition und gibt heute den Extra-Thrill (und einigen Spaß beim Suchen).

So, jetzt reicht’s aber mal mit Hausrundgang, Lebens- und Baugeschichte, denkt sich Martin, als gebürtiger Berliner ebenfalls ein Zugereister. Abgesehen davon könnte er auch noch einige Anekdoten aus seinen Engagements als Art Director für diverse Modemagazine zum Besten geben. Aber Martin vermisst aktuell ganz eindeutig den Genuss- und Geselligkeitsfaktor und drängt zu einem feuchtfröhlichen Lunch, den er am beschatteten Gartenplatz angerichtet hat. Also Burritos, Tacos und Bier hingestellt. Niemanden der Anwesenden muss er übertrieben lange drängen.

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 04/20

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