Grundsolides aus der Schweiz Die Stühle der Manufaktur Horgenglarus

Wenn es so etwas gibt wie eine Design-DNA der Nationen, dann gehören Stühle von Horgenglarus zum helvetischen Erbgut – und das seit 100 Jahren.

Wie zeichnet ein Kind einen Stuhl? Vier Beine, Sitz, Rückenlehne – fertig. Manche sehen in seinem Werk den sogenannten Frankfurter Stuhl, andere den Schweizer Wirtshausstuhl, Eingeweihte kennen ihn als den Dauerseller von Horgenglarus, einer kleinen, feinen Möbelfabrik in Glarus, im sogenannten Zigerschlitz, einem engen voralpinen Tal nicht weit von Zürich. Der Stuhl, nennen wir ihn einen Klassiker, erscheint in seiner Form so selbstverständlich wie ein Blatt Papier. Schwarz oder weiß lackiert wird er zum Piktogramm und Favoriten bei allen, die das Understatement schätzen.

Im Ort heißt die Firma nur die „Möbeli“. Man arbeitet nicht bei Horgenglarus, sondern in der Möbeli, sitzt auf Stühlen von der Möbeli, lernt von der Möbeli. Jahrzehntelang gab es eine kleine Unternehmenszeitschrift mit Texten über Arbeit und Leben allgemein. Tradition ist allen Mitarbeitern ein Herzenswort. Dazu passt, dass die Möbeli in einem der letzten Schweizer Orte steht, in denen auf dem Marktplatz noch per Hand und von Angesicht zu Angesicht über die Belange der Gemeinde abgestimmt wird.

Dampfkessel der Manufaktur Horgenglarus

Seit den 50er-Jahren im Dienst: Dampfkessel, die das Holz auf 80 Grad erhitzen.

Rund 50 Kollegen arbeiten in der Firma, früher waren es 400. Die Gebäude stammen aus der vorletzten Jahrhundertwende. Der alte Fabrikschornstein vor dem hoch aufragenden Glärnisch ist ein Schlüsselbild für das Selbstverständnis der Manufaktur. Hier geht es um Beständigkeit. „Keine schreienden Produkte“, so Marco Wenger, ist die Devise des Hauses. Seit zwei Jahren ist der 32 Jahre alte Spross einer Holzhandelsdynastie in Interlaken Geschäftsführer. Über dem Eingang der Firma flattert, weißes Kreuz auf rotem Grund, die Schweizer Fahne. Das Linoleum auf dem Werkstattboden gleich hinter der ersten Tür ist durchgewetzt. Für Freunde soliden Handwerks ein sicheres Zeichen: Hier gönnt man guten Materialien die eigene Geschichte.

Ein Stuhl von Horgenglarus ist das Ergebnis vorbildlicher Manufakturarbeit – und die ähnelt einem Staffellauf: Auf jeder Etappe übernimmt ein Spezialist. Der Formspezialist packt das Holz in die Dampfkessel, hebelt es, wenn es weich geschwitzt ist, in sein stählernes Korsett, setzt es mit Spangen fest und schafft es in die saunaheiße Trocknungskammer. Anderthalb Wochen später übernimmt der Sägespezialist die rohe Zarge, befreit sie aus der Form, sägt, raut sie auf, fräst die Backen für die Vorderbeine aus und bringt die Zarge auf Dicke. Der Nächste schleift, bis die Holzoberfläche streichelweich wie ein Pfirsich ist. Und so geht es weiter, bis der Leimspezialist leimt, was zu leimen ist, dann mit einem leichten Schlag aufs Stanzeisen sein Initial „G“ in die Zarge haut und fortan für den Stuhl bürgt. 90 Stück am Tag erwartet Marco Wenger von seiner Mannschaft.

 

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Elke von Radziewsky