Schatz am Häusermeer Ein Haus aus Modulen

Mitten in Paris, auf einem Hinterhofgrundstück ohne direkten Straßenzugang, baute ein junger Architekt ein Haus aus vorgefertigten Holzmodulen, die zu Fuß transportiert und vor Ort von Hand zusammengebaut wurden.

Die Lage

Versteckt und schwer erreichbar

Ein paar Hundert Meter hinter dem Pariser Friedhof Père Lachaise liegt zwischen zwei Straßenzügen ein Hinterhofgrundstück, das nur über lange Wege und schmale Durchgänge in den Vorderhäusern zu erreichen ist. Es blieb von einer Gartenfläche übrig, auf der die Mieter der angrenzenden Häuser im 19. Jahrhundert Obst- und Gemüse anbauten. Seit den 1950er-Jahren, als Wohnraum in der französischen Hauptstadt immer kostbarer wurde, sind darauf Appartementhäuser entstanden. Doch irgendwie, keiner weiß genau warum, wurde dieser neun Meter breite und 33 Meter lange Flecken nicht bebaut. Eine Enklave, eingeschnürt in das Korsett der umgebenden Häuser. Von der Straße im Norden führt ein 70 Meter langer Gang hierher, der abrupt an einem gerade mal 90 Zentimeter breiten Torbogen endet. Dahinter liegt, vier Meter tiefer, die Baulücke. Von der Straßenseite im Süden ist das Szenario ähnlich, der Weg 50 Meter lang. „Die Parzelle war zu einer Müllkippe verkommen, die nackten Wände der Nachbarhäuser trugen Graffiti. Gut 15 Jahre wollte niemand das Grundstück kaufen“, sagt Emmanuel Thirard. „Es konnte sich eben keiner vorstellen, dass Bauen hier möglich ist.“ Der Pariser Architekt dagegen schon. Er hatte den Ort zufällig entdeckt und wusste schnell, wie hier ein Haus für ihn, seine Frau Virginie Artaud und ihre beiden kleinen Kinder aussehen sollte.

Die Idee

Ein Haus wie eine Brücke

An seinem nördlichen Ende ist der Bauplatz ganz von den Nachbarbauten begrenzt: Vor Kopf stößt er an die Gartenfassade eines siebenstöckigen Mietshauses, rechts und links an Brandmauern. Im Süden aber grenzt das Grundstück an einen Innenhof und erscheint zu dieser Seite offener – der Blick ist freier. „Wir wollten möglichst viel der Südseite als Garten nutzen“, sagt Emmanuel Thirard. „Deshalb haben wir den Neubau und den Hauptzugang zu unserer Parzelle an der Nordseite platziert.“ Dort galt es, zwei Probleme zugleich zu lösen. Zum einen forderte die Bauvorschrift sechs Meter Abstand zu dem erwähnten Mietshaus. Zum anderen musste der Niveau-Unterschied von vier Metern zwischen den Vorderhäusern und dem tiefer liegenden Baugrund ausgeglichen werden. So kam Emmanuel Thirard fast automatisch die Idee, den Bau wie eine Brücke zwischen die beiden existenten – und glücklicherweise fensterlosen – Häuser - wände im Osten und Westen zu spannen, sodass dieser über dem Baugrund schweben würde.

Die Umsetzung

Leicht aus Prinzip und Notwendigkeit

Von außen betrachtet besteht das Haus aus zwei Bereichen, dem „auf“ der Brücke und dem „unter“ der Brücke, und weil beim ersten Leichtigkeit die konstruktive Notwendigkeit ist, kann sie beim zweiten zum ästhetischen Prinzip erhoben werden. Durch die schmalen Zugänge zum Grundstück passen keine Baumaschinen, deshalb musste das Haus komplett von Hand konstruiert werden. Basis für die „Brücke“ waren neun Meter lange Holzbalken, die quer über die ganze Breite des Grundstücks gesetzt wurden. „Für den Rest entwickelte ich Module aus Holz, die, in der Werkstatt vorgefertigt, von zwei Männern an die Baustelle getragen und vor Ort zusammengesetzt werden konnten“, erklärt Emmanuel Thirard. Diese Sandwich-Elemente wurden auf einer Holzskelettkonstruktion zu Stütz- und Trennwänden, Böden und Decken addiert und versteifen sich gegenseitig. Die Fassaden sind mit Holz-Zement-Paneelen verkleidet – die Eingangsfront im Norden ist eine geschlossene, von wenigen schmalen Fenstern durchbrochene Fläche, die Südseite, wo Garten und Sonnenlicht sind, ist offener und wirkt wie ein konstruktivistisches Bild: Ein schwarzes Quadrat, ein schmaler roter Streifen in L-Form und blaugraue Rechtecke bilden eine Komposition, in der die Fenster als Glasbänder, -quadrate und -dreieck die Geschosshöhen und die Raumaufteilung dahinter verschleifen. Im ers ten Stock befinden sich der Eingang –man betritt das Haus über einen sechs Meter langen Steg aus Industriestahl –, das Elternschlafzimmer und -bad sowie das Atelier der Hausherrin. Im zweiten Stock sind die Zimmer und das Bad der Kinder. Das Erdgeschoss ist ein einziger 65 Quadratmeter großer Raum, der dank der Brückenkonstruktion keine Pfeiler oder tragenden Wände braucht. Er ist offen wie ein Loft konzipiert mit Küche, Essplatz und Salon. Und weil er zu Nord- und Südseite komplett verglast ist, wirkt er fast körperlos. Werden die Ziehharmonika-Fenster zur Seite geschoben, sind Vorgarten und Garten miteinander verbunden „In lauen Sommermonaten weht eine sanfte Brise durch das Haus“, schwärmt der Architekt und Hausherr.

Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Nicolas Fussler/Photofoyer