Verwandlung am Wasser Modernes Reetdachhaus mit Glasanbau

Zu dunkel, zu klein, aber traumhaft gelegen – damit aus einem Reetdachhaus am See ein modernes Feriendomizil für eine Hamburger Familie werden konnte, setzte Architekt Thomas Dietrich auf Kontraste: Er baute eine Glasbox an und gab dem Altbau mit subtilen Eingriffen seinen Charme zurück.

Erste Reihe
Gartenseite: Alt- und Neubau vom Reetdachhaus

Auf der Gartenseite öffnen sich Altund Neubau ganz zum Wasser, selbst in der Sauna hat man Seeblick.

Die Lage

Logenplatz am See

Schwer zu sagen, welche Sicht die idyllischere ist: vom Reetdachhaus aufs Wasser – oder vom Wasser aufs Haus. Am Kellersee in der Holsteinischen Schweiz nördlich von Lübeck liegt auf einem Hanggrundstück ein reetgedecktes altes Fachwerkgebäude mit modernem Glasvorbau. Über Schilfreihen hinweg sieht man aufs andere Ufer, das hier, an der schmalen Fissauer Bucht, ganz nah ist. Und kein öffentlicher Weg trennt den Garten vom Wasser: Das Grundstück hat direkten Seezugang, eine begehrte Rarität im Norden, für die es auf dieser Seite des Sees nur noch drei weitere Beispiele gibt. Und dass eines davon vor vier Jahren überhaupt offiziell zum Verkauf stand, die Erben hatten sich zerstritten, war Glück für eine Familie aus Süddeutschland. Seit Längerem in Hamburg lebend, suchte sie nach einem schnell erreichbaren Wochenenddomizil, wo man in der Nähe, wenn schon nicht bergwandern und Skifahren, so doch segeln kann, und das sich als ideale „family location“ eignet, wie die Hausherrin heute sagt: so attraktiv, dass auch die schon bald erwachsenen Kinder und ihre Freunde gern hinkommen, auch dann noch, wenn sie selbst einmal Kinder haben sollten.

Der Wunsch

Den alten Charme zeitgemäß bewahren

Dafür allerdings war eine umfassende Renovierung und Erweiterung notwendig. Das Gebäude aus dem Jahr 1937 hatte eine rustikale, dunkle Ausstattung, und der Wintergarten, den der Vorbesitzer in den 1980er-Jahren zur Seeseite im Osten vor das Souterrain gesetzt hatte, war ebenfalls düster und dazu marode. Als fast größtes Hindernis stellte sich heraus, dass für all die in den Jahrzehnten vorgenommenen Um- und Einbauten keine Genehmigungen vorlagen, etwa für einen Kachelofen im Wohnzimmer, der dort aus statischen Gründen nie hätte stehen dürfen und sofort entfernt wurde. Außerdem – kaum nachvollziehbar – nahm das Reetdachhaus weder im Grund- noch im Aufriss Bezug zum Wasser. Die neuen Besitzer aber wünschten sich ein zeitgemäßes Domizil mit mehr Licht und mehr Platz – aber der Charakter des Altbaus sollte dabei erhalten bleiben, „ohne dass es altertümelnd wirkt“. Sie beauftragten den Architekten und Innenarchitekten Thomas Dietrich, der schon ihr Haus in Hamburg umgebaut hatte. Er setzte auf den Kontrast zwischen Bewahren und Erneuern und schuf dabei ein Ensemble, das seiner privilegierten Lage endlich gerecht wird – eben ein Haus am See.

Die Idee

Charakter durch Kontraste

Zwei Eingriffe sind es vor allem, die den heutigen Charakter des Reetdachhauses mit seinen 152 Quadratmetern Wohnfläche bestimmen. Der eine ist subtil, der andere radikal, und beide öffnen das Gebäude zum See. Im Erdgeschoss geschieht dies, weil der Architekt die Küche zum zentralen Wohnbereich hin öffnete – die Familie kocht gern gemeinsam –, sodass ein großer Raum mit Licht- und Sichtachsen zwischen der Straßen- und der Gartenseite des Hauses entstand. Alles ist auf Durchlässigkeit ausgerichtet, „durchwohnen“ nennt Thomas Dietrich das. Auf der Südseite wurde der Raum durch einen schmalen, erkerartigen Vorsprung im Baukörper erweitert. Er verbreitert die Gartenfassade, lässt von drei Seiten Licht einströmen und schafft einen Durchblick von der Einfahrt geradewegs aufs Wasser. Alles wirkt hell und großzügig, und gerade dadurch wird im Detail der Charme des alten Hauses bewahrt und betont.

Im Kontrast zu dieser behutsamen Veränderung steht der Anbau im Gartengeschoss, zu dem heute eine gerade Treppe gegenüber der Eingangstür hinunterführt – eine weitere Lichtachse. Früher befand sich dort eine Wand, die alte, gewundene Treppe lag daneben. Damit sich heute niemand beim Hinabgehen den Kopf stößt, musste Thomas Dietrich „tricksen“, wie er sagt, und die Wand über dem Treppenabgang abschrägen. Im dahinterliegenden Arbeitszimmer hatte sie damit einen Knick, den der Architekt durch den Einbau einer Holzbank verbarg. Der neue Anbau wurde vor das Souterrain (mit Bad und Gästezimmer, die ehemalige Garage) gebaut. Er steht an der Stelle des alten Wintergartens, ist jedoch größer und viel, viel moderner. Auf einem Betonfundament steht die 50 Quadratmeter große, rechteckige Glasbox, eine Art Familienterrarium, das mit der Rasenfläche davor eine fließende, wunderbar leichte Verbindung zum See darstellt. „Je näher man im Haus in Richtung Wasser kommt, umso entspannter wird die körperliche Haltung“, beschreibt Thomas Dietrich den Effekt. „Im Anbau legt man sich fast automatisch auf die Kissen am Boden.“ Die Box ist auf voller Länge (12,5 Meter) und ganzer Höhe (2,5 Meter) verglast, mit einer Ziegelwand nebst Kamin an der Kopfseite. Flankiert wird sie von einem Ensemble aus Geräteschuppen, Sonnenterrasse und Saunahaus, das sich dem Nachbargrundstück entlang dem See entgegenstreckt. Ein Opfer forderte der Anbau allerdings: das Reetdach. Aus baurechtlichen Gründen (Abstand) und wegen des möglichen Funkenflugs durch den Kamin musste es durch ein Hartdach mit Kunstreetbedeckung ersetzt werden.

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Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Ute Schuckmann