Wandgestaltung Farbe und Wirkung

Sie bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit, Temperatur und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück.

Harmonische Farben

Harmonischer Durchblick: Räumen, die ineinander übergehen, tut es gut, wenn sie in verschiedenen Farben von ähnlicher Stärke gestrichen werden.

Was Pigmente zum Sprechen bringt

Was lösen Farben bei uns aus? Wie stimmt man sie auf Architektur und die Möbel ab? Nicht nur auf die Nuancen kommt es an, auch auf die Oberfläche: Welche Qualität bringt welches Ergebnis? Grün soll beruhigen, Rot anregen und Violett mystisch sein – zur Wirkung von Farbtönen hat der Farbpsychologe Axel Venn eine Studie durchgeführt, in der er 60 Probanden Farben genau 360 Adjektiven zuordnen ließ. Die Ergebnisse wurden in Zusammenarbeit mit dem Farbsystem RAL als „Farbwörterbuch“ herausgegeben. Sie zeigen, dass unser Farbverständnis kulturell geprägt ist. „Farbe ist eine Metasprache“, erklärt der Autor, „Violett- und Rottöne werden von den meisten Menschen als sehr wertvoll angesehen. Ihren Ursprung hat diese Assoziation im Mittelalter: Damals war das Sekret der Purpurschnecke teurer als Gold. Töne mit starker physiologischer Wirkung wie Blau und Orange werden als kalt beziehungsweise warm empfunden.“

Wer seine Wandfarbe punktgenau auf Stil und Epoche seiner Lieblingsmöbel abstimmen will, findet Rat bei Farbherstellern wie Peter Interiors, Little Greene oder Farrow & Ball. Sie rekonstruieren historische Farbnuancen, mit denen die Farbwelten vergangener Zeiten wieder aufleben. „Eau de Nil“ von Little Greene zum Beispiel ist ein typischer Grünton der 30er-Jahre, „Portland Stone“, ein warmes viktorianisches Grau, und „Polar Blue“ sollen uns in die eiscremefarbenen Fünfziger versetzen. Ganz besondere Töne, wie das Ultramarinblau, mit dem Yves Klein seine berühmten Schwämme färbte, oder das Coelinblau, das Claude Monet für Lufttöne verwendete, stellt die Schweizer Farbenmanufaktur KTColors her. Gründerin Katrin Trautwein produziert Pigmente mit echten Farberden und hochwertigen Halbedelsteinen wie afghanischem Lapislazuli, die zum Teil von Hand in Leinöl auf den Walzenstuhl eingerieben werden. Die „Gourmetköchin“ unter den Farbherstellern bietet darüber hinaus die 80 Farbtöne jener architektonischen Polychromie an, die Le Corbusier zwischen 1931 und 1959 entwickelte. Die Rezepte der Farbklaviatur, die Le Corbusier als optimal empfand, um die Schönheit von Architektur hervorzuheben, waren bis vor gut zehn Jahren in der Fondation Le Corbusier archiviert – bis Katrin Trautwein kam und die Farbtöne rekonstruierte.

Leuchtende Akzente

Leuchtende Akzente: Zitronengelb und Blautürkis bringt Spannung in ein dezentes Spiel von Grautönen.

Generell gilt: Je mehr Pigmente eine Farbe enthält, desto höher ist ihre Deckkraft. Künstlich hergestellte Pigmente, die heute oft die natürlichen Erdfarben ersetzen, sind dabei effizienter – aber nicht unbedingt charmanter. Wie Farben wirken, ist aber nicht nur eine Frage der Pigmente, sondern genauso des Trägermaterials. Die meisten Hersteller bieten Farben in matten, seidenglänzenden und wischfesten Bindemitteln an. Um eine besonders matte oder pudrige Oberfläche zu erzielen, fügt Susanna Leiser ihren Farben Mattierungspulver bei – Perlmutt oder Blütenpollenstaub –, verwendet spezielle Grundierungen und trägt die Farbe schon mal mit Gummispachtel auf: „Die Oberfläche kommuniziert die Farbe – und gibt einem Raum erst seine gewisse Sinnlichkeit.“

 

 

Autor:
Dorothea Sundergeld
Fotograf:
Kumicak + Namslau