Sehen und gesehen werden: Grundriss, Material und Garten

Mit den großen Pötten auf Augenhöhe sein wollte ein Ehepaar in seiner Neubauwohnung an der Hamburger Elbchaussee. Der Architekt ersann einen diagonalen Grundriss, der aus fast jedem Raum Blick auf den Hafen bietet.

Grundriss

Grundriss

Der Grundriss

Lob der Diagonale

Stefan Trompeter gelang es, neben den gewünschten Wohnfunktionen sogar noch die Küche und den Essbereich entlang der elbzugewandten Fenster anzuordnen. Hierdurch fiel zwar vor allem die Küche mit dem angegliederten Essplatz deutlich kleiner als eigentlich gewünscht aus, dafür muss man jetzt nur im Büro, in der Ankleide, im Gäste-WC und einer inliegenden Wirtschaftskammer auf den Elbblick verzichten. Die größte Herausforderung stellte das Bad dar. Der Planer fand schließlich die Lösung, indem er in der Schlafzimmerwand oberhalb des Betts einen breiten Durchbruch schuf, hinter dem sich das Bad befindet. Die Öffnung lässt sich mit zwei Schiebefronten schließen, die badseitig verspiegelt sind. Duschen ist also mit Flusspanorama möglich oder ohne. Die Aussicht gewinnt noch dadurch, dass der Bad bereich wegen der Abflüsse um eine Stufe erhöht werden musste. Das diagonal gestaltete Entree wiederum geht auf eine Idee des Hausherrn zurück – und auf die Position der Eingangstür, die nicht zu verändern war. Indem in einer Hälfte des Apartments das Prinzip der rechten Winkel aufgegeben wurde, konnten die Volumina freier genutzt werden. Der sich nach hinten verjüngende Eingangsbereich wirkt – auch dank einer runden Lichtvoute – überraschend großzügig.

Wohnzimmer

Die Nische im Wohnzimmer ist mit Rochenhaut bespannt.

Die Materialien

Nur ausgesuchte Qualität

Von der komplett in der Wand versenkbaren Rauchglastür im Flur bis zum Körbchen für Havaneser-Rüde Caspar ent standen fast alle Einbauten in Maßbzw. Einzelanfertigung. Bei der Wahl der Materialien galt es, die besondere Lage des Hauses einzubeziehen, ohne in die Falle maritimer Klischees zu tappen. Grau gebeizte, bis zu acht Meter lange Eichendielen erinnern entfernt an Bootsplanken, die spiegelnden Lackfronten des mit Madrona Maser furnierten Einbaumöbels könnten auch im Jachtbau Anwendung finden. „Dies war eines der eher seltenen privaten Projekte, bei denen wir alle Register ziehen durften“, verrät Stefan Trompeter. Eine Wandnische im Flur wurde mit Rochenhaut ausgekleidet, die Schranktüren im Schlafzimmer sind mit Ziegenpergament bezogen. Die mit Bioethanol betriebene Feuerstelle im Essbereich hat eine Einfassung aus meergrünem, rostrot gesprenkeltem Schiefer, und für eine als Bar geplante weitere Nische fertigte die Mayer’sche Hofkunstanstalt in München einen drei Zentimeter dicken gläsernen Eisboden. Dass trotz der Vielfalt der Werkstoffe kein optischer Wirrwarr entstand, liegt an ihrer geschickten Dosierung und leisen Tonalität.

Blick vom Garten

Blick vom Garten auf die Fenster der Küche und des Essbereichs und auf die Terrasse. Darunter liegt das Souterrain mit einem weiteren Apartment.

Der Garten

Immergrüne Wellen

Auch die Außenanlage sollte nicht mit der Aussicht in Konkurrenz treten. Der Gartenplaner Ludwig Gerns aus Hannover verstand es, das schmale Gartengrundstück, das sich terrassenartig von der Hausseite auf eine kleine Schlucht zubewegt, als grüne Insel über dem Strom zu inszenieren. Rückseitig wird das Gelände von einer in Würde gealterten, drei Meter hohen Mauer begrenzt – ein Windbrecher, der im Sommer zudem als Wärmespeicher dient. Als Sichtblende gegenüber dem tiefer gelegenen, zum Souterrain gehörenden Teil des Gartens setzte Gerns eine wellenartig geschnittene Hecke aus Ilex. Bei der Bepflanzung verwendete er dichtes Grün (Eibe, Kirschlorbeer und immergrüne Gräser) mit wenigen Farbakzenten wie rötlichem Fächerahorn, weiß blühenden Hortensien und japanischen Azaleen. „Bei der Planung wurde darauf geachtet, dass der Pflegeaufwand nicht zu hoch ist“, sagt Gerns. Als Reverenz an den Genius Loci und in Wiederaufnahme der diagonalen Struktur des Apartments wurde ein Steg aus asiatischem Bangkirai-Holz quer über das Grundstück gelegt. Wie sehr das hessische Unternehmerpaar inzwischen in der Hansestadt angekommen ist, verrät der gusseiserne Gartenpavillon, der ebenso gut in einem der nonchalanten Gärtchen am Strand von Övelgönne stehen könnte. Entworfen hat ihn – der Hausherr.

Autor:
Reinhard Krause
Fotograf:
Volker Wenziawski