Glashütte Die Uhrenmeile

Sein Name bringt in aller Welt Sammleraugen zum Leuchten, seine Produkte werden zu Höchstpreisen gehandelt, in New York und Dubai bis Shanghai. In dem Erzgebirgsstädtchen selbst sind die Uhren irgendwie stehen geblieben. Eine Ortsbesichtigung in Glashütte, Sachsens Metropole der feinsten Uhrmacherkunst.

Gleichzeitig aber, und das ist das Seltsame, boomt das Städtchen. Rund um den kleinen Ferdinand-Adolph-Lange-Platz, im Volksmund „Uhrenmeile“ oder „Uhrenstrich“ genannt, sitzen auf wenigen hundert Quadratmetern die Hauptquartiere vier führender deutscher Uhrenmarken beisammen. Sowohl bei A. Lange & Söhne, Nomos und Tutima als auch der Glashütter Uhrenbetriebe GmbH (GUB) – Nachfolgerin des einstigen Glashütter Uhrenkombinats und heutige Tochter der Schweizer Swatch Group – laufen die Geschäfte wie ein frisch geöltes Uhrwerk. Die ortsansässigen Uhrmacherschulen können gar nicht so schnell Nachwuchs ausbilden, wie ihn die insgesamt elf hiesigen Uhrenmarken derzeit gerne einstellen würden. Mehr als 1000 Menschen arbeiten wieder „in der Uhr“, wie man hier sagt. Und Jahr für Jahr reisen um die 40000 Neugierige ins Müglitztal, lassen sich durch die gläserne GUB-Manufaktur und das großartige städtische Uhrenmuseum führen, das Stadtverwaltung und Swatch-Konzern vor drei Jahren in der historischen Uhrmacherschule eröffnet haben.

Zwanzig Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch der Uhrenindustrie kommt Glashütte sichtlich in Gang. Wer die Wurzeln dieses Paradoxons verstehen will, muss von der Uhrenmeile ein Stück die Hauptstraße hinaufwandern, vorbei an ehemaligen Silberstollen und durch das schmiedeeiserne Tor des städtischen Friedhofs: Hier ruht unter hohen Tannen und tonnenschwerem Granit Ferdinand Adolph Lange (1815–1875). Lange, ein Dresdner Uhrmacher und Entrepreneur, hatte sich nach Wanderjahren in der Schweiz und Frankreich in den Kopf gesetzt, in Sachsen ebenfalls eine Uhrenfertigung aufbauen zu wollen. Tatsächlich sponserte die sächsische Landesregierung sein Vorhaben mit 5580 Talern Kredit, allerdings unter der Auflage, binnen drei Jahren 15 Lehrlinge in der Uhrmacherei auszubilden. Außerdem, so beschieden die Dresdner Beamten, müsse Lange sein Uhrenwerk in Glashütte ansiedeln – damals eine verarmte, nur über Feldwege und eine siebenstündige Postkutschenfahrt zu erreichende Erzgebirgsgemeinde, die nach Versiegen ihrer Silberstollen derart in Not geraten war, dass ihre verzweifelten Bürger ein Hilfsgesuch nach Dresden geschickt hatten. Das war etwa so, als würde die EU heute einem Autokonzern vorschreiben, sein Werk am Nordzipfel Lapplands zu errichten.

Lange aber nahm Kredit und Herausforderung an und gründete 1845 Glashüttes erste Uhrenmanufaktur. Und weil er jedem seiner Lehrlinge ein Spezialgebiet wie Edelsteinschliff, Gravur oder Zeigerbau zugedachte und weil jeder dieser Experten später seinen eigenen Betrieb eröffnete, entwickelte sich bald ein Netzwerk versierter Spezialwerkstätten in Glashütte. Dieses sogenannte „Verlagswesen“ entwickelte sich zum zum enormen Wettbewerbsvorteil für die sächsischen Uhrmacher. Denn gemeinsam konnten diese Spezialisten weitaus präzisere und viel filigranere Uhren fertigen, als es ein einzelner Allrounder je vermocht hätte. Nebenbei sorgten Lange und Nachfolger für Straßenbau und Elektrifizierung ihrer neuen Heimat und gründeten 1878 eine Uhrmacherschule, deren Absolventen Glashüttes Namen und Renommee weit hinaus in die Welt trugen. Bald stand die Herkunftsbezeichnung „Glashütte I/SA“ für beste Wertarbeit, wobei der Zusatz „I/SA“ übrigens „in Sachsen“ meint, denn Glashüttes gab und gibt es auch andernorts dutzendweise.

Autor:
Harald Willenbrock
Fotograf:
Silvio Knezevic