Glashütte Vom Osten in den Westen

Sein Name bringt in aller Welt Sammleraugen zum Leuchten, seine Produkte werden zu Höchstpreisen gehandelt, in New York und Dubai bis Shanghai. In dem Erzgebirgsstädtchen selbst sind die Uhren irgendwie stehen geblieben. Eine Ortsbesichtigung in Glashütte, Sachsens Metropole der feinsten Uhrmacherkunst.

Nach nahezu einhundert Jahren Aufschwung geriet das feingliedrige Glashütter Uhrwerk in den Nachkriegsjahren kräftig ins Stottern. Viele Uhrmacher flohen in den Westen, F. A. Lange & Söhne wurde mit fünf weiteren Marken zum „VEB Glashütter Uhrenbetriebe“ zwangsvereinigt. Das Uhrenkombinat fertigte fortan Schaltuhren für DDR-Waschmaschinen und Marinechronometer für Verbündete, baute den Ostuhrenklassiker „Spezimatik“ und Armbanduhren für den Westexport, die unter der Tarnmarke „Meister Anker“ auch bei Tchibo und Quelle vertickt wurden. Als 1989 mit dem Ostblock der wichtigste Markt des Großbetriebs zusammenbrach, schien es um den Glanz und die Bedeutung von Glashütte endgültig geschehen.

Glücklicherweise aber gab es einige Entrepreneure, die das sächsische Uhrwerk wieder in Schwung bringen wollten. Einer von ihnen war Walter Lange. Der Urenkel Ferdinand Adolphs hatte die Jahre der deutschen Teilung im Westen verbracht und gründete am 7. Dezember 1990, exakt 145 Jahre nach der Erstgründung, die Marke A. Lange & Söhne neu. Ein Weiterer war Roland Schwertner, Fotograf, IT-Berater und Uhrenliebhaber aus Düsseldorf, der 1990 mit einem alten Ford und erfreulich viel Naivität im Gepäck in Glashütte eintraf und in einer Dreizimmerwohnung schlichte und schöne mechanische Armbanduhren zu bauen begann. „Wir machen Uhren, die uns gefallen und die man sich leisten kann. Kein Luxusgedöns, sondern Luxus für alle“, erklärt der 58-Jährige sein Motto für Nomos, Glashüttes entspannteste und eigensinnigste Uhrenmarke.

Zum „Internationalen Jahr des Mikrokredits“ beispielsweise legte Schwertner eine „Stotter-Uhr“ auf, die nicht gekauft, sondern ausschließlich in Raten abgestottert werden konnte. Nomos macht wunderbare Werbemittel, die eigentlich Kunstwerke sind, und Kunstwerke, die ganz nebenbei Werbung für Nomos machen. Eines von ihnen hängt weithin sichtbar im Fenster des vollverglasten Konferenzraums, der wie ein Aquarium über der Uhrenmeile thront. Es zeigt zwei sich fixierende Lachsforellen mit Badeanzügen. Die eine trägt auf Schwarz-Rot-Gold den Adler, die andere das weiße Kreuz auf rotem Strick: ein freundlicher Gruß an die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite, die längst zu Schweizer Großkonzernen gehört. Reaktionen darauf hat Schwertner allerdings nicht erhalten. „Es gibt in Glashütte wenig Kommunikation untereinander“, sagt der Nomos-Chef.

Autor:
Harald Willenbrock
Fotograf:
Silvio Knezevic