Glashütte Die Glashütte-Regel

Sein Name bringt in aller Welt Sammleraugen zum Leuchten, seine Produkte werden zu Höchstpreisen gehandelt, in New York und Dubai bis Shanghai. In dem Erzgebirgsstädtchen selbst sind die Uhren irgendwie stehen geblieben. Eine Ortsbesichtigung in Glashütte, Sachsens Metropole der feinsten Uhrmacherkunst.

Was die Glashütter Uhrengrößen allerdings eint, ist ihr Engagement für den Schutz ihrer Ursprungsbezeichnung. Nach der strengen „Glashütte-Regel“ dürfen den Herkunftsnachweis „Glashütte“ ausschließlich Uhren tragen, deren Werke mindestens zur Hälfte an den Ufern von Müglitz und Prießnitz gefertigt wurden. Während auf diese Weise Trittbrettfahrer bislang erfolgreich aus dem Tal gehalten werden konnten, sind einige alte Glashütter nach Hause zurückgekehrt. Die Sportund Fliegeruhrenmarke Tutima beispielsweise hatte die Jahrzehnte der deutschen Teilung im Westen überwintert und ist jetzt dabei, ihre gesamte mechanische Uhrenfertigung wieder zurück nach Glashütte zu verlegen. Der Uhrenhändler Wempe, ebenfalls ein alter Glashütte-Verbündeter, hat oben auf dem Bergrücken in der ehemaligen Urania-Sternwarte seine Chronometerfertigung angesiedelt. Und ein paar Hundert Meter hangabwärts lässt sich die Firma Moritz Grossmann derzeit einen beachtlichen Betonneubau in den Berg pflanzen. Die Uhrenmarke ist eine waschechte Glashütter Neugründung, initiiert von einer ehemaligen Uhrmacherin bei F. A. Lange, finanziert von Schweizer Privatleuten und benannt nach einem legendären Glashütter Uhrmacher. „Das sind gute Leute“, sagt Markus Dreßler, „keine, die bei uns nur einen schnellen Euro machen wollen.“

Während die 70 neuen Arbeitsplätze Glashüttes Bürgermeister natürlich erfreuen, ist ihm der Boom der einzigen nennenswerten Glashütter Branche manch mal etwas unheimlich. Das besserte sich ein wenig, als der gelernte Altenpfleger im vergangenen Jahr erstmals die weltgrößte Uhrenmesse „Baselworld“ in der Schweiz besuchte. „Dort hab ich mal gesehen, wie groß der Markt für und die Nachfrage nach hochwertigen mechanischen Uhren ist. Und wie klein wir im Vergleich dazu noch sind.“ Mit anderen Worten: Seinem Städtchen bleibt noch genügend Raum zum Wachsen. Gar nicht ausgeschlossen also, dass die Zeit Glashütte tatsächlich wieder zu neuem Leben erweckt.

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Autor:
Harald Willenbrock
Fotograf:
Silvio Knezevic